Roland Dürre
Mittwoch, der 20. August 2014

Start-up (3) – der pragmatische Weg zur Gründung.

Ich versuche mal Start-up-Situationen von Unternehmen modellartig in drei „Gründungs-Arten“ zu kategorisieren.

  • Die pragmatische Gründung eines Unternehmens.
  • Das Unternehmen wird aus der Retorte konstruiert.
  • Die Gründung durch den „Unternehmer Zufall“.

In diesem Artikel behandele ich nur den ersten Punkt (Pragmatik). In den Folgen 4 (Retorte) und 5 (Zufall) die beiden anderen Arten.

Die Vorstufe zu einer pragmatischen Unternehmensgründung ist oft der Wechsel aus einem angestellten Verhältnis ein freiberufliches. Ich kenne nur ganz wenig Menschen, die in unserer Branche direkt vom Studium kommend freiberuflich tätig wurden. Die meisten haben schon vorher in einem Angestellten-Verhältnis gearbeitet, weil eine erfolgreiche Freiberuflichkeit in der Regel eine gewisse fachliche und sonstige Kompetenz wie auch einen guten Ruf zumindest bei einem Thema erfordert.

Am Markt wird die Situation für Freiberufler aufgrund der Gesetzeslage im übrigen immer schwieriger. Das ist schade, denn so wird der pragmatische Weg über diesen Zwischenschritt auch erschwert. Schon lange müsste der Gesetzgeber ein freiberufliches Erwerbs-Modell neben der Erwerbstätigkeit als Angestellter vernünftig regeln. Aber das werden wir wohl nicht mehr erleben und ist hier nicht so sehr das Thema.

Für mich ist die „pragmatische“ Unternehmensgründung der Normalfall, der auch am erfolgreichsten zu sein scheint. Es gibt viele Menschen aus Handwerks-Berufen wie zum Beispiel Dachdecker, Karosserie-Bauer, Koch, Schreiner, Werkzeugbauer …, die sich genau auf diese Art und Weise in ganz logischen Schritten selbstständig gemacht haben.

Wenn solche Handwerker sich selbständig machen und einen eigenen Betrieb gründen, so geht das meistens völlig geräuschlos, ohne großes Gründungstheater und einer innovativen „Super-Idee“. Jetzt könnte der Einwand kommen: „Verstehen wir, aber das geht doch nur bei Dienstleistungen!“

Dem ist aber nicht so. Es gibt viele Beispiele von handwerklichen Firmen, die auch mit durchaus innovativen Produktideen klein angefangen haben und sehr erfolgreich geworden sind. Gerade in den in letzten Jahren stark gewachsenen Branchen wie Fahrrad und Outdoor habe ich viele Erfolgsgeschichten entdeckt.

Die Ehepaar Rohloff hat mit sehr innovativen Fahrradketten angefangen um dann später die legendäre Rohloff-Schaltung zu bauen, der SON (Schmidt-Original-Nabendynamo), die Ortlieb-Taschen und viel mehr innovative Produkte sind so aus ganz pragmatische Gründungen entstanden.

Auch mein Schreiner aus Südbayern, der sich seine eigene Schreinerei als ganz „normaler Dienstleister“ aufgebaut hat, hat sich mal eine Hundehütte zum Eigenbedarf gefertigt. Die gefiel ihm selbst so gut, dass er sie im Internet angeboten hat. Sie wurde dann zu seinem margen-trächtigsten Produkt, das er einfach in Stückzahlen so zwischendurch produzieren kann.

Ich kenne den Dachdecker, der eine kleine ganz normale Dachdeckerei aufgebaut hat. Die sein Sohn in zweiter Generation zum Unternehmen ausgebaut hat, das weltweit zum Marktführer für besondere Gebäude mit besonders anspruchsvollen Dachkonstruktionen wie Wolkenkratzer, Moscheen, Theater usw. wurde.

Und die Liste an Beispielen kann ich beliebig fortsetzen. Da wundert es mich (eigentlich nicht), dass so wenig Handwerker in den Business-Plan-Wettbewerben vertreten sind. Denn diese scheinen ihre Unternehmen ganz logisch zu gründen, mit ihrem Können und ihrem Know-how, basierend auf einer überschaubaren Einnahmen-/Ausgabenrechnung, ohne komplexen Business Plan, geschweige den einer Teilnahme an einem solchen Wettbewerb. Natürlich nutzen diese dann später bei teuren Produkt-Entwicklungen ab und zu auch mal staatliche Förderungen.

In meinem Verständnis sind die Entwicklung von Software, der Aufbau und Betrieb von IT-Infrastruktur und auch das Managen von IT-Projekten auch „nur“ Handwerk. „Software development as craftsmanship“ ist so zum stehenden Begriff geworden.

So sind auch die meisten Gründungen von Unternehmen der IT-Branche handwerkliche und sehr pragmatische Gründungen, die in der Regel immer zumindest ein paar Jahre lang eine gute Erfolgsgeschichte schreiben.

Warnen möchte ich vor der „ultimative Lösungsidee“, wie sie mir zu oft in den Business-Plan-Wettbewerben präsentiert wird. Das geht hin bis hin zu Spinnern, die eher Mitleid erwecken.

Zu oft ist die „tolle Idee“ dann eben gar nicht so einzigartig innovativ. Und zu oft steht in den Business Plänen ein verräterischer Satz wie:

„Die größten Finanzmittel werden wir wahrscheinlich für Vertrieb und Marketing benötigen. Wir gehen davon aus, dass wir hier eine Vorleistung im sieben-stelligen Bereich erbringen müssen.“

Und dann stelle ich mir die Frage, warum die Möchte-gern-Unternehmer sich nicht ein Produkt- oder Dienstleistungsangebot ausdenken, das der Markt auch wirklich braucht? Und auch, ob denn die Zauberformel „Vertrieb und Marketing“ wirklich die Lösung ist und wie sie konkret aussehen soll?

In den Business-Plan-Wettbewerben überwiegen IT-basierte Geschäftsideen („Wir schreiben eine App“) und solche aus dem Bereich „Pharmazie“ („Wir schaffen eine Wundermedizin für diese oder jene Krankheit“). Oder man will Dinge gleich im großen Anpacken, anstatt sie zuerst im Kleinen auszuprobieren. Das wäre nämlich pragmatisch. Und die Bestätigung einer Idee am Markt würde auch eine seriöse Finanzierung wahrscheinlicher machen, bei der man sein Unternehmen nicht verkauft bevor man es hat.

In einem Business Wettbewerb, bei dem ich Teil der Jury, war hat ein „pragmatischer Gründer“ eines IT-Unternehmens präsentiert. Er war ein Android- und Unix-Spezialist. Der hat aber im Wettbewerb nur noch präsentiert, weil er die Teilnahme wie üblich einige Zeit vorher eingereicht hatte und der Höflichkeit halber kam. Er war ein Android-Spezialist und hat einfach nur sein Know-how verkauft. Und als Basis dafür einen eigenen Android Built gemacht. Und als Basis dafür einen eigenen Android Built gemacht. Sein Unternehmen hatte zum Zeitpunkt der Präsentation schon mehr als 50 Mitarbeiter in verschiedenen Ländern. Seine Kunden waren überwiegend asiatische Hightech-Unternehmen, die für ihre Hardware fürs „Internet der Dinge“ Android- und Linux-basierte Lösungen suchten.

Handwerker oder „pragmatische Gründer“ sind nur selten im „großen Gründungs-Business“ zu finden. Diese scheinen keine Zeit für die Teilnahme an einem Business-Wettbewerb zu haben? Oder den Nutzen einer Teilnahme nicht zu sehen? Es fällt auch auf, dass die erfolgreichen Unternehmer, die vor 30, 20, 10, 5 oder auch nur 2 Jahren gegründet haben, keinen großen Businessplan geschrieben haben und auch an keinem Wettbewerb teilgenommen haben. Und trotzdem (oder vielleicht deshalb) Erfolg hatten.

So würde ich jungen Gründern die Empfehlung aussprechen, es ganz pragmatisch zu machen. Keinen großen Business Plan zu schreiben, sondern mit gesundem Menschenverstand, Mut und Freude ihr Geschäft voranzutreiben und auf eine vernünftige Kostenrechnung zu vertrauen. Frech sein und keine Angst haben.

Und an keinem Wettbewerb teilzunehmen. In dieser Zeit lieber viele Freunde und Verbündete suchen und finden. Falls sie die Phase aber schon hinter sich haben und dadurch zum Beispiel ein wenig Einkommen für einen gewissen Zeitraum sicher gestellt ist, dann rate ich, ganz schnell auf den pragmatischem Weg hin zum Geschäft zu schwenken.

Im nächsten Artikel werde ich mich dann meine Gedanken zu „Gründungen aus der Retorte“ formulieren.

RMD

2 Kommentare zu “Start-up (3) – der pragmatische Weg zur Gründung.”

  1. Klaus Rabba (Mittwoch, der 20. August 2014)

    Lieber Roland, der Artikel spricht mir aus dem Herzen. Mit einem Business Plan hat man noch gar nichts erreicht. Wichtig bei Gründungen sind Eigenkapital und ein beherzter Bankier und nicht diese Hasenfüße, die ihre Karriere vorantreiben wollen, sondern jemand, der sein Handwerk versteht.
    Der gute alte Kontenplan für Unternehmen ist schon ernüchternd genug. Es ist überhaupt sehr wichtig schon von Anfang an die richtigen Buchhalter zu haben. Es kommt auch heute noch viel zu oft vor, das Jungunternehmer den Unterschied zwischen Umsatz und Ergebnis falsch bewerten.
    Businesspläne sind die große Mode bei Managern, deren Handwerkszeug das Managen ist und denen Grundkenntnisse über Produkte, Entwicklung und Kundenkontakt fehlen. Mit einem Businessplan lassen sich auch für Fehleinschätzungen leichter Schuldige finden, zumindest in größeren Betrieben. Pragmatismus, Produktkenntnis, Marktkenntnis und guter Zugang zu Kunden sind die besten Voraussetzungen für eine Gründung.

  2. Florian Sesser (Samstag, der 30. August 2014)

    Hallo Roland,

    vielen Dank für diesen Artikel. Auch von mir volle Zustimmung. Ich begrüße die „Standardisierung“ von Business-Plänen hin zum BMC (Business Model Canvas) und Lean Canvas — weil sie Zeit spart, vor allem beim Erstellen. Alles, was dem kreativen Problemlösen im Weg steht, aus dem Weg schaffen so gut es geht und dann ab dafür. Know-How und gute Kontakte sind das wichtigste — Schöner hätte ich es nicht sagen können. Wenn man etwas hat, das jemandem anderem etwas nützt, dann braucht man keine irrsinnigen Marketing-Budgets. Und der Handel ist ein Gewinn für beide Seiten, wie es sein sollte.

    Florian

Kommentar verfassen

*