Roland Dürre
Samstag, der 23. August 2014

Start-up (4) – Das Unternehmen aus der Retorte.

In Folge 4 meiner Start-up-Serie beschreibe ich nach den „pragmatischen Gründungen“ meine zweite Kategorie von Gründungen, den „Unternehmen aus der Retorte“. Denn wenn heute über „Unternehmen gründen“ geredet wird, so wird in der Regel die Gründung „aus der Retorte“ gemeint.

Zur Vorgeschichte: Irgendwann mal in den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts kamen Banken und Unternehmensberater auf den Gedanken, dass man mit der Gründung von Unternehmen durch junge Gründern viel Geld machen könnte. Schnell konnte die Unterstützung von Politik (neue Arbeitsplätze) und Wirtschaft (neue Geschäfte) gewonnen worden. Scheinbar erfolgreiche Muster aus den USA wurden begeistert übernommen. Neue und junge Firmen braucht das Land. Nicht mehr gefragte Manager, ausgediente Banker und Möchte-gern-Berater erklärten sich flugs zu Business Angels. Die Politik gab Geld dazu und viele große Konzerne beteiligten sich mit weiteren Gaben, oft mit dem verdeckten Ziel den „war of talents“ zu gewinnen.

Business Plan Wettbewerbe wurden ins Leben gerufen und Geldpreise ausgeschrieben. An den Unis wurden Aktivitäten zur Mehrung und Beschleunigung von Gründungen wie die „UnternehmerTUM“ an der Technischen Universität München (TUM) ins Leben gerufen. Die Angebote der Unis wurden um Gründervorlesungen erweitert, vereinzelt geht das bis hin zu Beratungs- und Trainingsangeboten. Der Freistaat Bayern besonders unter Herrn Stoiber erhöhte die finanziellen Mittel und rief weitere Aktivitäten und Infrastrukturen wie BICCnet ins Leben.

Unternehmertum wurde plötzlich schick, auf großen Partys trafen sich „Jung-Unternehmer“ in neuen Business Anzügen bei Häppchen und Bier und lauschten tollen Reden. Schöne Videos propagierten eine neue junge Generation von Gründern. Und alle wollten Unternehmen gründen und warteten nur noch darauf, dass endlich die tolle Geschäftsidee einfallen würde …

Gleichwohl blieben die Erfolge all dieser Anstrengungen und großen Veranstaltungen bescheiden. Die „pragmatische Gründung eines Unternehmens“, von der ich in Folge 3 berichtet habe, spielt plötzlich in der Öffentlichkeit keine Rolle mehr, obwohl sie weiter bestens funktioniert. So kenne ich zumindest in unserer Branche sehr viele völlig unterschiedlich große Unternehmen, die in den letzten 20 Jahren bis heute ganz pragmatisch und erfolgreich gestartet wurden, ohne dass die Gründer an einem Business Plan Wettbewerb oder einer Gründungsvorlesung teilgenommen haben. Die Statistik spricht ein klares Urteil, das aber anscheinend niemand in der „Gründerszene“ interessiert.

Soweit die Kritik. Sachlich gesehen geht es bei „Unternehmen aus der Retorte“ darum, die Unternehmensentwicklung stark zu beschleunigen. Zum Beispiel um eine erkannte technische Nische oder eine sich eröffnende Chance am Markt sehr schnell zu besetzen. Dazu braucht man in der Regel sehr viel Geld, weil man das Unternehmen ja ganz schnell und professionell entwickeln muss. Das Geld hat der Gründer in der Regel nicht, also braucht er Geldgeber, zum Beispiel in Form von „venture capital“.

Schnell stehen bei einem solchen Unternehmen nicht die Interessen der Unternehmer – wie bei der „pragmatischen Gründung“ – sondern die der Geldgeber im Vordergrund. Der „pragmatische Gründer“ plant in der Regel für die Dauer seines Lebens. Eine Übergabe an die nachfolgende Generation ist durchaus ein üblicher Weg, der „Exit“ ist in der Regel nicht geplant.

Beim „Unternehmen aus der Retorte“ planen die Geldgeber („shareholder“) den zeitnahen Verkauf oder den Börsengang (IPO), dies natürlich mit richtig hohem Gewinn. Mit jeder Finanzierungsrunde sinkt der Anteil der Gründer am Eigenkapital und wird der Einfluss der Geldgeber größer. Die Motivation für die Gründer wie oft auch Mitarbeiter ist die Restbeteiligung am Unternehmen oder früher auch gerne die Anteils-Optionen.

Ich kenne eine Reihe von Menschen die auf diese Art und Weise ziemlich reich geworden sind. Firmen wie IXOS oder Norcom sind nur zwei Beispiele. Die waren mal ganz oben, die Gründer hatten bestens verdient und dann ging es wieder nach unten. Die Venture Capital Unternehmen leben genau von diesen seltenen Glücksfällen.

Die meisten Investments gehen dabei verloren, andere kann man ohne Schaden ins Ziel bringen. Ich selbst kenne ein paar solcher Fälle: Bei uns in Unterhaching war die Xignal AG unser Untermieter. Die Stärke der Xignal war ihr hohes Entwicklungstempo. Trotzdem schienen die Finanzierungsrunden immer schwieriger zu werden. Eines Tages gelang dann aber doch der Verkauf – an die National Semiconductors. Nach dem diese auch verkauft wurde, wurde die Xignal aufgelöst.

Ich kenne auch kleinere Erfolgsgeschichten von synthetisch kreierten Unternehmen: Ein Freund von mir hat sogar zweimal im Rahmen einer Gründung eine attraktive Technologie-Lücke gefunden und dann kräftig an seinen Optionen verdient.

Trotzdem erinnert mich das „Unternehmen aus der Retorte“ fatal an ein funktionales und tayloristisches Denken, das überholt ist. Man will den Erfolg von vorne herein festschreiben, präzise Ziele definieren und dann mit Instrumenten der klassischen Betriebswelt den Erfolg konstruieren. Das fehlende Kapital soll von Venture Capital Unternehmen oder aus staatlichen Förderungen bereit gestellt werden.

Und eigentlich ist das doch genau das, was die Produktentwickler der großen Unternehmen auch machen. Nur dass der Schwung, die Kreativität und die Unbedarftheit der jungen Gründer das schaffen soll, was die Unternehmen selber nicht hinkriegen, trotz ihrer vielen Vorteile wie Geld, Mitarbeiter, Marktwissen, Marke, Vertrieb, Marketing …

Das Geschäftsmodell der Venture Capital Unternehmen stelle ich an sich auch in Frage. Es klingt doch ein wenig nach Lotto spielen mit dem Motto: Wir kaufen viele Lose, knacken den Jackpot und kaufen davon wieder viele Lose. Nur blöd, wenn man keinen Jackpot erwischt …

Es könnte noch einen zweiten Grund geben, warum die „Retorte“ in Europa nicht funktioniert. Man hat die Augen wie so oft voller Bewunderung auf die USA gerichtet. Dies beruhend auf die (durchaus hinterfragbare) Aussage, dass es in Europa so schwierig ist, das Kapital für Gründungen zu bekommen.

Und so wurden die Vereinigten Staaten von Amerika auch hier zu unserem großen Vorbild, das man einfach mal (blind) nach ahmt. Die Prüfung, ob das US-System auf Europa überhaupt passt, wird unterlassen. Zu sehr blendet der Erfolg der jungen amerikanischen Unternehmen wie Amazon, Apple, Dell, Ebay, Facebook, Google, Microsoft, Oracle, Tesla und vielen weiteren, die alle im Vergleich zu den europäischen „Platzhirschen“ wie (noch) Siemens blutjung sind.

Und wenn man bei den genannten Unternehmen genau hinschaut, entdeckt man, dass alle diese Firmen gerade in den ersten Jahren eben keine Gründungen „aus der Retorte“ waren, sondern eine sehr aufregende Gründungsgeschichte hinter sich haben, die stark von Pragmatik und Zufall geprägt wurde.

Die Europäische Situation ist jedoch eine andere als die in der USA. Die vielen Sprachen und die starke Regionalisierung in Europa bedürfen einer ganz anderen Gründungskultur, als das vermeintliche Erfolgsmuster uns vorgibt. Wobei ich gerade den Aspekt der „Regionalisierung“ als große unternehmerische Chance sehe. Als Beispiel möchte ich hier Sina Trinkwalder mit ihrer @manomama zitieren und ihr tolles Buch „Wunder muss man selber machen“ als schönes Plädoyer für „Regionalisierung“ empfehlen.

Und natürlich gibt es trotz mehr als zwei Jahrzehnten der intensiven Bemühungen und Business Plan Wettbewerbe keinen einzigen deutschen Start up, den man in eine Reihe mit Google & Co stellen könnte. Auch Zalando ist nur eine Kopie eines amerikanischen Musters, gemacht von modernen Alchemisten, die behaupten die magische Formel gefunden zu haben, wie man Eisen zu Gold macht. Mit solchen Formeln wird man zwar immer Menschen finden, die Geld geben und es ihnen so erlauben, neue Projekte zu starten.

Betrachten wir aber die Ergebnisse kritisch (Umsatz, Ergebnis, Unternehmenswert) und schauen wir uns mal an, wie viel Geld hier schon verbrannt wurde! Und erinnern wir uns dann die Pleiten nach der Jahrtausendwende – dann wächst doch der Verdacht, dass das System nicht funktionieren wird.

Zum Schluss noch als Beispiel, um die Schwierigkeit der Gründung eines Unternehmens aus der Retorte klar zu machen. Es ist die Geschichte des Dr. Frankenstein. Dieser will einen Menschen erschaffen und er kreiert ein Monster.

Denn ein Unternehmen ist vor allem mal ein soziales System und gleicht so mehr einem biologischen Wesen denn einer steuerbaren weil determinierten Maschine, die Input bekommt, Output liefert und so die Shareholder reich macht.

RMD

1 Kommentar zu “Start-up (4) – Das Unternehmen aus der Retorte.”

  1. Klaus Rabba (Dienstag, der 26. August 2014)

    Brillant beschrieben. Mein Stammhaus gab mir Startkapital in Form eines steuerlichen Verlustvortrags. So kann man es auch machen. Danach entwickelte ich sehr pragmatisch den Markt. Nach nun zwanzig Jahren ist ein sehr solides Unternehmen entstanden, das auch Immobilienbesitz gebildet hat, ganz brav pragmatisch und aus den Umständen erwachsen.

    Die neue Riege der Manager im Stammhaus nervt uns jetzt mit Business Plänen und Gewinnveraussagen und hält von Pragmatismus nichts mehr.

    Marktstudien mit wahnwitzigen Wachstumsforderungen sind jetzt Trumpf.

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