Roland Dürre
Montag, der 24. Januar 2011

Statistische Inflation – Gefühlte Inflation

Über die Vergleichbarkeit von Waren und Dienstleistungen über Zeit und Raum

Und weil es so schön ist, passend dazu die Schuldenuhr …

Schuldenuhr

Schon lange irritiert mich die jährlich veröffentlichte offizielle Inflationsrate. Gefühlt ist sie für mich viel höher. Und die Zahlen, die ich in der Dimension der Zeit trivial überblicken kann, bestätigen mich: Z.B. liegt die Steigerung des Bierpreises in Gaststätten oder die Preisentwicklung für die Streifenkarte im öffentlichen Nahverkehr seit vielen Jahren deutlich über der offiziell angegebenen Inflationsrate. Das gilt auch für die Entwicklung der Grundpreise in Riemerling in den letzten 50 Jahren.

Auch die Zusammenstellung des Warenkorbs und die Gewichtung der Inhalte erscheint mir unrealistisch. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit Produkte aus verschiedenen Zeiten oder Epochen überhaupt vergleichbar sind?

Hier ein paar Beispiele von Waren, die man eben nicht einfach so nominell (Preis heute, Preis damals) vergleichen kann:

  • Brezeln und Semmeln, die vom Bäcker mit eigenem Teig in handwerklicher Herstellung mit Backwerk aus Polen, das gefroren angeliefert und nur noch aufgebacken wird.
  • Einen Fernseh- oder Radioempfänger mit Echtholzgehäuse und handgearbeiteten Röhren mit einem digitalen Empfänger aus Plastik mit Platine.
  • Eine Flugreise von Deutschland in die USA in den 60iger Jahren mit PanAm als besonderer Luxus für wenige mit dem Flug in der Economy-Class der Billig-Airline.
  • Das Automobil als Teil einer wohlhabenden Minderheit mit dem modernen Fahrzeug als nahezu selbstverständliches Teil des zivilisatorischen Lebens.
  • Bei niedriger Temperatur gerösteter und von kleinen Haziendas kommender Kaffee, den man im „Kolonial-Warenladen“ frisch kaufen konnte, mit Kaffee, der in Brasilien im Raubbau produziert, industriell bei mehr als doppelt so hoher Temperatur geröstet und nass gelöscht wird und beim Discounter im Regal liegt.
  • Die Schokolade als besonderer Leckerbissen vom Konditor oder aus dem Kaufhaus in den 50iger Jahren mit der Massenschokolade vom Aldi oder die handgemachten Pralinen aus der Confiserie mit denen auf der Palette beim Lidl?
  • Die hochwertigen Lederschuhe, die nach mehrfacher handwerklicher Reparatur immer noch ihren Dienst tun und dank guter Pflege viele Jahre gut aussehen mit modernen Schuhen mit Schaumstoffeinlagen, die nach zwei Jahren auch ohne wesentliche Nutzung nicht mehr benutzbar sind?
  • Das Sofa, dass handwerklich gefertigt wurde und jederzeit neu aufgepolstert werden kann mit dem IKEA-Sofa, dass nach ein paar Jahren unwiderruflich durch gesessen ist und auf den Müll muss?
  • Ein Fahrrad vom Baumarkt, das eigentlich schon neu nur für den Sperrmüll gut ist (auch wenn es super ausschaut und vielleicht sogar einen Elektromotor hat) mit einem in einer Manufaktur in Kleinserie handwerklich hergestellten Qualitätsrad.
  • Die Lampe, die sich aufschrauben lässt und bei der der Schalter ausgetauscht werden kann mit der modernen Leuchte, bei der der Schalter im versiegelten Plastik-Body eingeschweißt und kaputt halt kaputt ist?

Diese Liste könnte ich beliebig fortsetzen. Bei Nahrungsmitteln, Möbeln, Werkzeugen, Spielzeug bis hin zu Häusern.

Wenn ich mir nur vorstelle, dass in Riemerling die 40 – 50 Jahre alten Villen alle abgerissen werden, weil eine Renovierung zu teuer ist, die wirklich alten Villen aber begehrter als je sind. Und die heute neu gebauten Häuser so aussehen, dass man fürchtet, sie schon in 20 Jahren abreißen zu müssen. Weil sie eben keine dicke Ziegelmauer mehr haben, sondern zwischen Spanplatten ein Isoliermaterial zur Dämmung genutzt wird, dem man das Krümeln schon heute so richtig ansieht.

Oder betrachten wir Hightec-Geräte wie Mobiltelefone, Computer und ihr Zubehör oder die dazugehörigen Kommunikationsdienstleistungen. Wie soll ich ein Telefongespräch auf dem Festnetz der guten alten Post mit einer Flatrate vergleichen. Wie ein Gespräch im C-Netz aus dem Opel Kapitän mit der heutigen Art der mobilen Telefonie? Die technische wie gesellschaftliche Entwicklung macht da doch jeden Preisvergleich sinnlos.

Vergleichbarkeit ist auch rechnerisch sehr schwierig. Wenn ich ein Wegwerfprodukt mit einem Produkt vergleiche, dass man wieder einfach reparieren kann, müsste die Möglichkeit des Reparierens genauso in den Preis eingerechnet werden wie die Lebensdauer. Ein Produkt, das bei gleichem Preis 10 Jahre hält, ist doch billiger, als wenn es nur 5 Jahre hält. Und noch mal billiger, wenn ich es mit wenig Aufwand reparieren kann und es dann noch mal 10 Jahre hält.

Joghurt im Plastikbecher mag von der Logistik her einfacher zu produzieren und zu verteilen sein als das Joghurt in den 60iger Jahren, das es ausschließlich im Glas mit rundem Pappkarton-Deckel gab. Muss ich aber zum Joghurt im Plastikbecher nicht auch die Entsorgungskosten auf den Preis addieren? Letzten Endes muss ich die ja auch, wenn auch nicht gleich beim Kauf, irgendwie oder irgendwann bezahlen. Beim Glasjoghurt waren die entsprechenden Kosten (Leergutkreislauf, Reinigung) im Preis enthalten.

Dass die Qualität des Joghurts vor 50 Jahren unvergleichlich besser als heute war, sollte theoretisch ja auch noch in die Berechnung eingehen.
🙂 Wenn das Joghurt beispielsweise damals doppelt so gut war wie heute (davon bin ich überzeugt), dann müsste man den Preis des heutigen Joghurts vor einem zulässigen Vergleich verdoppeln (ist ja nur halb so gut) und dann noch einen Aufschlag für die Entsorgung des Bechers und den Umweltschaden durch den Plastikmüll darauf schlagen.

Aber auch der Ort der Abgabe müsste in eine Preisentwicklungsrechnung aufgehen: Den Preis für Milch (und das Joghurt) im Milchladen, den es früher überall flächendeckend gab und den man bequem zu Fuß erreichen konnte, kann ich nicht mit dem Preis im Supermarkt vergleichen. Der Käufer „auf dem Land“ muss vielleicht erst zehn Kilometer mit dem Auto zum Milch einkaufen fahren. Im zweiten Fall ist doch das Gut Milch wenn zwar nicht nominell aber auf die Gesamtkosten betrachtet deutlich teurer.

Ganz zum Schluss müsste man die Nominalität sowieso verlassen und die Einkommensentwicklung einrechnen. Die ist aber gesellschaftlich sehr unterschiedlich verlaufen. Für den Kreis der Villen- und Yachtkäufer sind z.B. Bioprodukte relativ betrachtet so richtig billig geworden, während diese für den Polizisten oder einfachen Angestellten abhängig von der Größe seiner Familie fast unerschwinglich geworden sind.

Aber auch ohne solche Überlegungen dürfte in den letzten drei Jahren und besonders aktuell die nominelle und für die große Mehrheit auch die zum Einkommen relative Inflation deutlich höher sein als offiziell angegeben. Und mein Eindruck ist, dass die veröffentlichten Inflationszahlen wirtschaftlich eh keine Bedeutung haben (wie will man sie denn noch steuern?), sondern nur noch dazu dienen, den Bürger zu belügen und beruhigen. Das aber an sich wäre auch nichts neues.

RMD

6 Kommentare zu “Statistische Inflation – Gefühlte Inflation”

  1. Chris Wood (Montag, der 24. Januar 2011)

    Dear Roland, I wonder whether your nostalgia and negative polemic annoy anybody else. I read recently that the Euro is now worth 78 cents of its value at the start in 1999. That seems about right to me, and is a nice contrast with inflation rates of 8% p.a. and more that I have experienced in the past.
    I can well believe that your inflation rate feeling is more than 2½%. It is well known that in recent years, the gap between rich and poor has widened. The extra wealth of the wealthy naturally drives up prices of luxuries, (such as the glass of red wine in your favourite restaurant that you mentioned earlier).
    Similarly a villa in Ottobrunn or Solln has increased more in value than my house in Hohenbrunn.
    Where you compare new goods with old, it sounds as if you prefer the old. In many cases this is unreasonable.
    • The bread we buy from Hofpfisterei is excellent, while that from small bakers often causes allergies.
    • The modern plastic radio or TV works better than the old wooden one, and more programs are available. (One can argue about program quality).
    • It is hardly fair to compare a luxury flight with economy travel. For us, travel has become much more affordable. International understanding has benefited.
    • My first little sports car trapped girls better than my latest Golf. In every other respect, it was objectively worse.
    • Coffee: I like Nescafe.
    • Chocolate: I like Snickers.
    • For decades, I had trouble with leather shoes, due to slightly flat feet. At 28 I even had a foot operation. About 5 years ago, I found some good modern shoes (mostly rubber) that brought this problem to an end. I get them repaired and wear them constantly.
    • There have been good and bad sofas for a very long time.
    • There have been good and bad bikes for nearly as long.
    • Yes, I get annoyed too about things that are carefully constructed to make repair very difficult. But I guess now fewer people electrocute themselves. I do not know whether my heart would now withstand the shocks I experienced earlier!

    I presume that houses are now better insulated.
    Certainly, communication is now much cheaper and easier. (But is much of value communicated)?

    Over half of the politicians, as you accuse, are trying to calm the people. Nearly half of them, (with help from you), are trying to stir them up and make them discontented. That is normal under democracy.
    Interestingly, a new multi-party committee has just been formed in Germany, to try to define prosperity better than via the currently used economic indicators.

  2. rd (Montag, der 24. Januar 2011)

    Chris, Du lebst in der Tat in einer anderen Welt als ich …

  3. rd (Freitag, der 28. Januar 2011)

    Als Ergänzung: In diesem Artikel ging es mir darum, an Beispielen zu zeigen, wie sinnlos ein Preisvergleich über einen größeren Zeitraum bei den meisten Produkten ist. Oder anders gesagt: Ganz gleich, welches Produkt oder welche Dienstleistung ich z.B. aus 1950, 1960, 1970, 1980, 1990, 2000, 2010 … ich nehme, ich vergleiche immer „Äpfel und Birnen“.

  4. Enno (Freitag, der 28. Januar 2011)

    Nimm hedonische Preisindizes und es funktioniert wieder. http://de.wikipedia.org/wiki/Hedonischer_Preis
    Wird übrigens bei der Ermittlung der Inflationsrate auch genutzt.
    Und wenn du Sorgen wegen der geänderten Zusammensetzung des Warenkorbes hast, nimm doch den BIP-Deflator. Der wird immer mit dem aktuellen Warenkorb berechnet. Und in der Regel liegt der nochmal mehr als 0,4%-Punkte unter dem Konsumentenpreisindex.

  5. rd (Samstag, der 29. Januar 2011)

    Lieber Enno,

    meine dass die Dinge zu kompliziert sind, als dass der „Hedonische Preis“ funktionieren kann.

    Auch bei den Warenkörben meine ich, dass in unserer doch sehr individualisierten Gesellschaft mit entsprechend stark differenziertem Konsumverhalten eine Festlegung eines repräsentativen oder gar norminativen Warenkorbes nicht sinnvoll möglich ist.

  6. Enno (Samstag, der 29. Januar 2011)

    Nein, aber einen durchschnittlichen Warenkorb zu bilden ist kein Problem.

    Dass die Inflation für verschiedene Bevölkerungsgruppen große Unterschiede aufweist, ist klar.

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