Roland Dürre
Sonntag, der 22. Juli 2012

Straßenverkehrsordnung fürs Internet?

» Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit. « (Bertrand Russell)

Vor kurzem habe ich auf der Veranstaltung Informatik&Nachhaltigkeit  die Aussage gehört:

Mit dem vermehrten Aufkommen von Automobilen im öffentlichen Raum zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurde eine Straßenverkehrsordnung notwendig.

Und dann kam die Frage:

Wollen wir, brauchen wir so etwas ähnliches fürs Internet?

Klingt ja zuerst mal ganz vernünftig. So meine ich ganz spontan „Ja“. Auch Kommunikation muss sinnvoll geregelt werden. Auf verschiedenen Ebenen, wie sie z.B. das ISO-7-Schichtenmodell modellhaft gut beschrieben hat. Früher haben die nationalen Postgesellschaften in der CCITT die Kommunikationsnormen gemacht und erfolgreich durchgesetzt. Das war in der guten alten Zeit von Briefen und Postkarten, Päckchen und Paketen, Telefon und Telex. Und hat gut funktioniert.

🙂 Zwar gab es damals auch negative Effekte wie Spam. Aber Spam war sehr mühsam – man musste von Briefkasten zu Briefkasten laufen. Oder eine „Postwurfsendung“ kaufen. Die hat zwar dann ganze Postleitzahlenbereiche zu 100% erfasst, war aber dafür auch zumindest ziemlich teuer!

Erst mit der Technologie von Rundfunk und Fernsehen wurde Spam mühelos in die Haushalte transportiert und der Damm war damit gebrochen. Und da konnte die CCITT auch nichts machen, ging es doch um „wirtschaftliche Interessen“. Und die haben wohl schon immer alles gerechtfertigt.

Insofern leuchtet mir die Forderung nach einer Art „Straßenverkehrsordnung“ im Internet zuerst schon Mal ein.

🙂 Aber dann kommt das „Aber“:

Die Entwicklung der individuellen Mobilität inklusive der Straßenverkehrsordnung sollte uns vor allem eine Warnung sein. Denn dies ist nach meiner Meinung ein extrem gutes Beispiel, wie trotz – oder durch (?) – extremer Regelwut des Gesetzgebers der technische Fortschritt (in diesem Falle die individuelle Mobilität) zwar gefördert, das Gemeinwohl dabei aber stark beschädigt wurde. Dies trotz Führerscheinverpflichtung, einem komplexen Strafen- und Bussgeldkatalogs inklusive Malus-System und ähnlichem mehr.

  • Man denke an die massive Bodenversiegelung, die uns das Auto gebracht hat. Wie viel Quadratkilometer wurden für Straßen und Parkplätze zu betoniert? In modernen Reihenhaus-Siedlungen finden wir oft mehr Flächen für Garagen und Garagenvorplätze als für Grünflächen. Allgemein wurde Landschaft zersiedelt.
  • Die individuelle Mobilität besonders in ihrer heute gelebten Form hat uns einen extremen Ressourcen-Verbrauch, eine gigantische Verschwendung und einen massiven Anfall von Abfall beschert. Sie ist das beste Beispiel für einen nicht nachhaltigen Lebensstil.
  • Die Lärmbelastung hat ein nie geahntes Ausmaß erreicht. Es gibt kaum mehr wirklich ruhige Orte, sogar in die „besseren Viertel“ dröhnt der Lärm der Autobahnen.
  • Diese Entwicklung des Nahverkehrs hat uns Zeit geraubt. Viele Menschen verbringen mehrere Stunden am Tag am Steuer ihres Autos. Obwohl sie einen ordentlichen Job haben, verbringen sie viel Zeit mit einer Beschäftigung, die sonst nur Menschen in einer extremen Niederlohngruppe ausüben. Und behaupten, sie hätten ihren Spaß dabei und sind bereit, „ihr letztes Hemd“ fürs Auto zu geben und sich notfalls zu verschulden.
  • Besonders schlimm aber ist, dass diese Entwicklung uns einen wahnsinnigen Blutzoll beschert hat. Allein in Deutschland hatten wir Jahre mit bis zu 20.000 Verkehrstoten gehabt. Heute sind immer noch mehr als 5.000 im Jahr – und die Zahlen steigen wieder. Weltweit schätzt man 1 bis 1,2 Millionen durch Individualverkehr verursachte Verkehrstote pro Jahr (Quelle). Das sind mehr als die Opfer von Krankheiten, Kriegen oder Hunger. Über die letzten 60 Jahre kämen dann locker mehr als 50 Millionen zusammen. Das wäre dann die Größenordnung, die der zweite Weltkrieg an Menschenleben gefordert hat. An die wirklich astronomischen Zahlen von in Verkehrsunfällen verletzten Menschen darf man gar nicht denken.

Jetzt ist die Frage, ob ein kluger Gesetzgeber vor 100 Jahren und dann im Laufe der Zeit die Weichen hätte besser stellen können?

Ich weiß es nicht. Ich weiß ja nicht einmal, ob wir rückwirkend wissen, was wir damals anders hätten machen sollen.

Ein paar Ideen hätte ich:

Zum Beispiel war es sicher ein Fehler, der Industrie zu erlauben und sie dabei zu unterstützen, die Einführung und vor allem die Absätze des Automobils über den Weg des Sportes zu fördern. Der Motorsport und auch die Rennstrecken wie der Nürburgring waren gezielte kooperative Maßnahmen von Staat und Industrie, um die Akzeptanz des damals noch ungeliebten neuen technischen Produkts Automobil zu fördern. So wurden wir (fast genetisch) aufs Autofahren quasi als sportliche Tätigkeit eingestellt, bei der es darauf ankommt, schneller als die anderen Verkehrsteilnehmer zu sein.

Vielleicht hätten wir nicht dulden sollen, dass die Nutzer des konkurrierenden Verkehrsmittel Fahrrads schon in den ersten Wirtschaftswunderjahren öffentlich abgewertet wurden. Ich habe selbst erlebt, wie mein Vater für seinen nicht einmal zwei Kilometer langen Arbeitsweg von unserer Wohnung in der Rosenaustr. 18 in Augsburg zur Bundesbahndirektion in der Prinzregentenstr. nahe beim Hbf Augsburg gegen seinen Willen vom Fahrrad aufs Auto umgestiegen ist. Einfach weil die Nachbarn und seine Frau meinten, dass es mit seiner Position nicht mehr verträglich war, mit dem Rad zu fahren.

Man hat damals das Fahrradfahren mit dem Eigenschaft der „Armut“ verbunden. Dazu kam dann noch die Schwemme von Billig-Fahrrädern aus den Kaufhäusern, die zwar bunt funkelten aber leider sehr unzuverlässig waren. Und wer wollte schon arm sein und sich dann auch noch laufend ärgern müssen. Aber hätten wir damals gegen die Bewertung „Als Fahrradfahrer gehörst Du zu den Armen“ und die Billiglawine bei Produkten einschreiten können oder sollen?

Vielleicht hätte man früher den Gemeinnutz beim individuellen Verkehr durch sinnvolle Mitfahrer-Regeln fördern sollen? Vielleicht strengere Gesetze und Beschränkungen einführen?

Aber wie hätte man die Anzahl der Verkehrstoten beschränken können? Alle Gesetze vermochten nicht (und vermögen das auch heute nicht), die Rücksichtslosigkeit und Risikobereitschaft einzudämmen, die Menschen wohl zwangsläufig befällt, wenn sie am Steuer eines Kfz Platz nehmen.

Vielleicht hätte die Einführung archaischer Mechanismen wie eine verpflichtende Blutrache an „Verkehrsmördern“ die Menge an Verkehrsopfern eingedämmt? Aber so ein Gedanke ist natürlich polemisch und nicht ernst gemeint. Und natürlich darf der „Zweck nie die Mittel heiligen“.

Oder war und ist der Mensch einfach nicht reif für die (vermeintliche) Omnipotenz am Steuer seiner Kraftmaschine. Der Mensch, dem (die vermeintliche) und  die ihm wahrscheinlich geschickt eingeredete Freiheit und Unabhängigkeit über alles geht, und der eben bereit ist, dafür auch seine und schlimmer die körperliche Unversehrtheit anderer aufs Spiel zu setzen. Und sich von Steuern, Zwangsversicherungen und Bußgeldern nicht bremsen lassen. Er hat für sein Auto auf vieles verzichtet und sich oft sogar verschuldet. Und jetzt will er den Rausch ausleben und nimmt auch den Tod und Verletzung Dritter billigend in Kauf.

Diese genetisch Form von Omnipotenz scheint mir so tief verankert, dass sie sogar manchen Radfahrer befällt, wenn er sein Rad besteigt. Mittlerweile – wie ich täglich fest stelle – erfasst sie sogar Radfahrerinnen!

Ich bin nicht sicher, ob wir es geschafft hätten, vor 100 Jahren mit anderen Regeln und Gesetzen die Entwicklung des Individualverkehrs mit seinen schrecklichen Folgen besser zu gestalten.

Vielleicht hätten wir manche Schäden vermeiden können, wenn wir ein kollektives anderes Bewusstsein entwickelt hätten! Mit Gesetzen wird man das aber garantiert nicht schaffen.

Jetzt stehen wir da, wo wir eben stehen. Der Schaden ist entstanden und die nächsten Generationen werden ihn beheben oder auch nicht. Die Evolution wird es richten oder auch nicht. Sie wird ihren Weg gehen, was sie macht, wird richtig sein. So oder so. Auch wenn sie eher zweckfrei und chaotisch zu arbeiten scheint.

Ja, was folgere ich daraus fürs Internet? Können wir betreffend der Vernetzung von Daten und Wissen im Internet etwas von der Geschichte der individuellen Mobilität lernen?

Ich meine zu erkennen, dass Gesetze nicht helfen. Die Entwicklung eines „ethischen“ Bewusstseins wäre da vielleicht besser geeignet. Aber wie macht man das?

RMD

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