Roland Dürre
Dienstag, der 29. Januar 2013

Stress in den Unternehmen (Ein Fallbeispiel)

Heute morgen war in Bayern 2 die Nachricht des Tages, dass mehr als die Hälfte der deutschen Werktätigen unter arbeitsbedingten Stress leiden würden. Dem würde ich ein „nicht nur arbeitsbedingt“ hinzufügen. Ansonsten glaube ich es. Die Regierung will da etwas dagegen tun. Das finde ich eher lustig. Ist halt wieder so eine schöne Absichtserklärung ohne jede reale Möglichkeit etwas zu verändern.

Die Nachricht hat mich an eine vor kurzem gemachte Erfahrung erinnert.

Ich habe einen Freund, den ich als intelligent, gut ausgebildet, integer, sympathisch, verantwortungsbewusst und sehr nachhaltig erfolgreichen Manager wahrnehme.  Ein Mensch, wie ich ihn am liebsten gleich für die InterFace AG gewinnen würde.

Er ist ein sehr loyaler Mitarbeiter eines deutschen Konzern und hat Personalverantwortung. Vor einem Jahr bekam er im Konzern eine neue Aufgabe übertragen und übernahm die Verantwortung für ein Thema. Es war ein Bereich, in dem einiges schief hing, der aber für den kaufmännischen Erfolg des Unternehmens von hoher Bedeutung war.

Er startete mit großem Schwung, motivierte das Team, erbrachte einen hohen persönlichen Einsatz und hat es in einem Jahr geschafft, die wichtigen wirtschaftlichen Kennzahlen und so die Kosten- und Ertragssituation mehr als beeindruckend zu verbessern

Der Konzern aber ist im Umbruch. Wenn man dies in Betracht zieht, sind dessen Zahlen zwar ganz gut. Nur der Führung sind sie nicht gut genug. Denn man hat ehrgeizige Finanzpläne. Und die Börse hohe Ansprüche.

So wird mein Freund nach einem Jahr erfolgreichen Wirkens aufgefordert, das Team um drei Stellen zu reduzieren. Er weiß nicht, wie er so das Erreichte bewahren geschweige denn fortsetzen soll. Das Management aber sagt sich, „man muss nur genug Druck ausüben, dann geht das schon irgendwie“. Wobei ich dann die Betonung auf „irgendwie“ legen würde.

Jetzt muss er drei „Underperfomer“ identifizieren. Den Rest macht dann die Personalabteilung (genannt HR für human resource).

Das führt natürlich zu Stress bei allen Beteiligten. Dabei gebe es sicher klügere Wege den Erfolg zu sichern. Der eingeschlagene Weg wird dem Unternehmen mit großer Wahrscheinlichkeit mittel- und langfristig schaden. Das kann man alles gut begründen (sofern man überhaupt etwas, was die Zukunft angeht begründen kann). Aber die Kostenreduktion durch Personalreduktion gilt in solchen Fällen häufig als „alternativlos“.

Und ich bin froh, dass ich mein „eigener Unternehmer“ bin.

RMD

P.S.
Es ist eine wahre Geschichte. Roß und Reiter – sprich den Konzern, die Aufgabe und weitere Details nenne ich nicht – mein Freund wäre sonst ganz schnell geoutet.

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4 Kommentare zu “Stress in den Unternehmen (Ein Fallbeispiel)”

  1. Hans Bonfigt (Dienstag, der 29. Januar 2013)

    Einer meiner alten Deutschlehrer, Willi Tröster, verebte mir vor mehr als 30 Jahren etwas für mich elementar wichtiges:

    „Seine Sprache offenbart den Menschen“

    Das gilt auch für Unternehmen.

    Wenn Neu-Dummsprech wie „Underperformer“ gepflegt wird, dann ist
    das ein ganz sicheres Indiz für einen Ramschladen, der, unabhängig von
    seiner Größe, nie zu einer eigenen Kultur und Identität gefunden hat.

    Solche Läden meide ich übrigens auch als Auftragnehmer wie der Teufel
    das Weihwasser.

    Wenn der positive Streß in der täglichen Konfrontation mit den gemeinsamen
    Zielen von Kunde und Firma in den Hintergrund tritt gegenüber dem Streß
    im eigenen Unternehmen, dann läuft etwas grundlegend falsch.

    Für alle.

    Leider bevorzugen frische Hochschulabsolventen, für mivh völlig unver-
    ständlicherweise, genau solche Bumsläden.

    Für Sie, Roland, doch nur positiv:
    Werben Sie den Mann ab, da tun Sie dem „Konzern“ auch noch einen
    Gefallen, weil schon ein Drittel des umderperformer squeeze-out erledigt
    ist.

  2. Chris Wood (Donnerstag, der 31. Januar 2013)

    If this man so good, he should refuse to comply, until he is (half) convinced that the policy of the bosses is reasonable. If he sees it as nonsense, he should resign.

  3. rd (Samstag, der 2. Februar 2013)

    Lieber Chris, genau das habe ich vor kurzem in einem Vortrag gesagt. Nach dem Motto:“Love it, change it or leave it“. Bin dann aber sehr nachdenklich geworden. Es gibt auch Dinge wie Loyalität und Verantwortung, Vielleicht ist es doch sehr egoistisch, einfach davon zu laufen. Bedürfnis nach Sicherheit mag auch eine Rolle spielen. Und nicht zuletzt dürften viele Menschen gar keine Alternative zu haben. Also: „Leicht gesagt, aber schwer zu tun.“

  4. Chris Wood (Mittwoch, der 13. Februar 2013)

    I see no need for loyalty to bosses who try to enforce silly decisions. If nobody follows them, they will be replaced, (eventually by cleverer ones). And if one passes silly decisions down, this shows real lack of responsibility. I always tried to get this right.
    Of course the boss may well be better able to see the wider picture, so one must suppress vague doubts, and also give her the chance to explain.
    In Europe, there is always an alternative. I know people who have for instance become a nun, or lived for ages on social security, or started a two-man company. They have all lived worthwhile lives, (although the nun died early after a heart attack).

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