Roland Dürre
Mittwoch, der 21. Januar 2009

Texte zur Weltfinanzkrise

Wir erleben gerade eine Weltfinanz- und -wirtschaftskrise, ermöglicht durch eine höchst abenteuerliche, aber in unserer Gesellschaft als ganz normal empfundene Verschuldungsbereitschaft vieler Menschen. Eine (leider oft erfüllte) Massen-Gier wurde von einer ganzen Industrie ausgenutzt, die sich selbst im Konstruieren irrsinniger Finanzprodukte übertraf.

Vor kurzem habe ich ein paar weise Zeilen entdeckt, die in diesem Kontext einen ganz besonderen Klang bekommen.

Hier sind sie:

Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten. Innerhalb dieser Zwecke gilt Vertragsfreiheit nach Maßgabe der Gesetze. Die Freiheit der Entwicklung persönlicher Entschlusskraft und die Freiheit der selbständigen Betätigung des einzelnen in der Wirtschaft wird grundsätzlich anerkannt.

Die wirtschaftliche Freiheit des einzelnen findet ihre Grenze in der Rücksicht auf den Nächsten und auf die sittlichen Forderungen des Gemeinwohls. Gemeinschädliche und unsittliche Rechtsgeschäfte, insbesondere alle wirtschaftlichen Ausbeutungsverträge sind rechtswidrig und nichtig.

und

Kapitalbildung ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zur Entfaltung der Volkswirtschaft. Das Geld- und Kreditwesen dient der Werteschaffung und der Befriedigung der Bedürfnisse aller Bewohner.

In welchem Buch stehen so kluge Sätze?

Es ist die Bayerische Verfassung, die die Selbstständigkeit des Freistaates als Land der Bundesrepublik Deutschland regelt. Sie wurde am 26. Oktober 1946 von der Landesversammlung beschlossen. Nach einer Feststellung des Ministerrats vom 4. Dezember trat sie mit ihrer Veröffentlichung im Bayer. Gesetz- und Verordnungsblatt am 8. Dezember 1946 in Kraft.

Die obigen Absätze enthalten den Wortlaut zweier Artikel unserer Verfassung:

Artikel 151 Bindung wirtschaftlicher Tätigkeit an das Gemeinwohl; Grundsatz der Vertragsfreiheit

und

Artikel 157 Kapitalbildung; Geld- und Kreditwesen

Wir (und der Staat) müssten eigentlich nur verfassungstreu handeln!

Alle kursiven Texte auf dieser Seite haben das copyright des Bayerischen Landtags:
(© Bayerischer Landtag)

RMD

🙂 So eine gute Verfassung ist doch fast ein Grund, für einen unabhängigen Freistaat Bayern zu sein!

5 Kommentare zu “Texte zur Weltfinanzkrise”

  1. Chris Wood (Freitag, der 23. Januar 2009)

    Am I alone in finding Artikel 151 rather stupid?
    1. It is written in the present tense, so it says nothing about the time after 1946. What use is that?
    Surely the word „should“ („soll“) is needed?
    2. „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit“ is very exaggerated. There are always activities that are not beneficial.
    3. „menschenwürdigen Daseins“ can only be guaranteed for everybody, if every condition is regarded as „menschenwürdig“.
    4. Does „alle“ include everybody, or just Germans, or all Bavarian residents or what? I shall be surprised if it turns out that the context makes this clear.

    The fact is that human life in Germany is generally good at present. But we are not doing much if anything for the rest of the world, or for the future. We are driven by selfish desires for happiness, together with Darwinian tendencies to propagate our genes and customs.

  2. Über Geld, Volkswirtschaft und Banken... - synapseninferno (Freitag, der 23. Januar 2009)

    […] der Bedürfnisse aller Bewohner. Quelle: Verfassung des Freistaates Bayern, Art. 157. Danke an Roland für das Ausgraben. Geschrieben von stiefkind in Mensch um 14:49 | Kommentare (0) | Trackbacks […]

  3. Eberhard Huber (Freitag, der 2. März 2012)

    Hallo Roland, ich bin gerade via Twitter auf diesen Beitrag gestoßen. Faszinierend und erschreckend zugleich: Dieser Auszug liest sich auf dem Hintergrund der aktuellen Ausprägung der Finanzwirtschaft fast wie eine linke Kampfschrift, LG Eberhard

  4. rd (Freitag, der 2. März 2012)

    @Eberhard – „Die linke Kampfschrift“ ist aber wirklich nur die Bayerische Verfassung. Die ein Heribert Prantl auf einen Vortrag bei uns übrigens die schönste und lebensfreundlichste Verfassung der Welt genannt hat.

  5. Eberhard Huber (Freitag, der 2. März 2012)

    @Roland – schon klar. Der Textausschnitt passt gut zu meiner Beobachtung. Es wird vielenorts vor einem „Linksruck“ gewarnt. Bei genauer Betrachtung wurden in den letzten Jahrzehnten Werte wie Gemeinwohl und Solidarität systematisch ausgehöhlt. Dabei haben sich Begrifflichkeiten derart verschoben, dass alte Texte sehr seltsam wirken. Der folgende Abschnitt stammt nicht aus dem Parteiprogramm einer neuen sozialistischen Partei sondern aus einem alten CDU Programm:

    Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert.

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