Roland Dürre
Samstag, der 19. Dezember 2015

Thesen zu Zukunft und Vergangenheit von Kulturtechniken

Slideshow_startIn der Schule habe ich gelernt, dass es so „grundlegende Kulturtechniken“ gäbe. Die notwendige Basis der Weiterentwicklung von uns Menschen wären. Wie Rechnen oder Lesen und Schreiben.

Wie sieht es heute damit aus?

Rechnen

Wer beherrscht noch das Einmaleins? Wer kann noch im Kopf rechnen, will sagen wer kann noch Zahlen ohne Papier addieren, subtrahieren, multiplizieren oder dividieren? Besonders wenn sie ein paar Stellen mehr haben und man Ergebnisse „zwischenspeichern“ muss?

Wer beherrscht noch die formalen Methoden, auf Papier zu subtrahieren und multiplizieren oder auch nur eine längere Zahlenkolonie zu addieren? Dies ohne erst länger nachdenken zu müssen, wie das doch eigentlich war? Oder wer kann gar noch eine Wurzel ziehen? Nur mit Stift und Papier? Mit solchen Aufgabenstellungen kann man im Bewerbungsgespräch auch akademisch gebildete Kandidaten rasch in tiefste Verzweiflung stürzen.

Ich meine, rechnen ist eine Kulturtechnik, die gerade verschwindet. Eigentlich fast schon verschwunden ist. Wir brauchen sie auch nicht mehr, denn unsere kleinen elektronischen Helferlein können es halt so viel besser.

So können viele Menschen nur noch rudimentär rechnen. Die Kinder lernen es sowieso nicht mehr. Vielleicht würden die sich für solche exotischen Dinge wie Kopfrechnen in „unschooling“-Verhältnissen interessieren (oder in einer Sudbury-Schule). Aus intrinsischer Motivation, spielerisch.

Auf den „normalen“ Schulen dieser Welt aber wird es nicht mehr funktionieren. Weil diese immer mehr sich zu quasi-militärischen Lehranstalten entwickeln, in denen absolut-hierarchischen Strukturen herrschen. Die die Kinder nach einem „Schema F“ unterrichten (oder besser abrichten). Auf diese Art schafft man es (natürlich) nicht, Kindern etwas rein zu pressen, das anstrengend ist, obwohl man es offensichtlich nicht mehr braucht.

Deshalb wird die Kulturtechnik des Rechnens nur noch sehr rudimentär erhalten bleiben. Und das finde ich überhaupt nicht schlimm. Habe ich doch bei meinem Lehrer F. L. Bauer (Informatik-Pionier der 2. Generation) gelernt, dass vor noch ganz wenigen Jahrhunderten die Kunst des Multiplizieren nur an einer einstelligen Anzahl im untersten Bereich von Hochschulen gelehrt wurde. Damals übrigens auf der Basis von Logarithmus-Tafeln – mit entsprechend unscharfen Ergebnissen.

Will sagen, zum Glücklichsein, brauch ich keine Kulturtechnik, bei der ich mich anstrengen muss. Und die mir überhaupt nichts bringt, außer dass mir am Schluss dann auch noch der Kopf weh tut!

Lesen & Schreiben

Diese Kulturtechnik ist noch nicht so ausgerottet wie das Rechnen. Allerdings steigt nicht nur in „fortschrittlichen“ Ländern die Anzahl sowohl der echten wie besonders der „rudimentären Analphabeten“ stark. Folgerichtig wird in den USA bei der Ausschreibung von öffentlichen Web-Anwendungen als Teil der Barriere-Freiheit gefordert, dass die Website auch für „des Lesens nur rudimentär fähigen Menschen“ zugänglich sein muss.

Auch diese Entwicklung erscheint mir logisch und klar. Audio und Video sind im Vormarsch, der Podcast schlägt natürlich den Post, Youtube & Co die Zeitung usw.

Ich meine diese Aussagen übrigens nicht ironisch sondern sehr ernst. Es wird in diese Richtung weitergehen. Dazu noch ein paar steile Thesen:

  • Die hohe Zeit von Schreiben und Lesen kam mit den PCs und Laptops.
    Schreiben mit der Hand war und ist grauenhaft. Die Schrift wurde für den und nicht dem Schreiber optimiert. Früher war das Licht zum Lesen wie das Augenlicht der Leser schlechter.  So sind Schrift – und Handschrift – sehr aufwändig um redundant sein. Erst die Druckmaschinen und später Johannes Gutenberg mit seiner Erfindung der beweglichen Metalllettern hat schriftlichen Medien zum Durchbruch gebracht. Die Schreibmaschine hat die Erstellung von lesbarer Schrift ein wenig leichter und der Computer dann – trotz grauenhafter Software wie word – super einfach gemacht. So gab es einen letzten Höhepunkt des Schreibens, der mit „vi“ begann und jetzt endet. Schauen wir uns nur die Texte an, die auf Mobilen Telefonen und Tablets  erzeugt werden (ist das mittlerweile nicht dasselbe?).
  • Malen und zeichnen zu lernen ist leichter als Lesen und Schreiben.
    Die meisten Techniken verschwinden, wenn sie ihren Höhepunkt erreicht haben. So wird es auch der Schrift gehen. Sie dürfte vom Zeichnen und Malen abgelöst werden.Viele Menschen sagen, dass sie nicht malen könnten. Das ist falsch, die Erzeugung von Bildern und das Ausdrücken in Bildsprache sind sehr leicht erlernbar.
  • Die Technologie wird gerade reif für Zeichnen und Malen.
    Bisher konnte man nur auf Papier ordentlich malen. Das hatte seine Nachteile, die elektronischen Helferlein waren noch nicht in der Lage, uns so zu unterstützen wie der „word processor“ den Schreiber. Jetzt aber kommen die Tablets – und plötzlich wird malen elektronisch einfacher als auf Papier, so wie anno dazumal das Schreiben. Undo, Versionierung, Layout-Schichten und viele tolle Features beseitigen die großen Einschränkung des Malen auf Papier! Und es scheint da erst so richtig los zu gehen!
  • Die Zukunft gehört den Bildern und dem Ton.
    Bilder sagen mehr als 1.000 Worte. Das ist eine Erkenntnis des frühen Marketing auf mobilen Fahrzeugen wie auf Straßenbahnen. Textliche Werbung hatte auf Straßenbahnen versagt, weil diese immer schon um die Ecke waren bevor die Adressaten die Texte entziffern konnten. Mit Bildern und ganz wenig Worten ging das dann viel besser.
  • Konsens kann vielleicht mit Visualisierung erreicht werden.
    Das halte ich für einen ganz wichtigen Nebenaspekt. Gelingende Kommunikation ist wohl das schwierigste überhaupt. Seit Jahrtausenden versucht man Konsensfindung durch sprachliche und schriftliche Kommunikation zu schaffen. Und ebenso lange scheitern wir, wie die Geschichte zeigt. Lasst es uns doch mal mit Bildern versuchen?

So behaupte ich:
Die Zukunft gehört den Bildern und dem Ton. Schreiben können wird gesellschaftlich so unwichtig werden wie rechnen. Rudimentäres Lesen wird völlig ausreichen, um ergänzende Informationen wie zum Beispiel die Präzisierung von Details zu verstehen. Der Hauptgrund für diese Entwicklung ist, dass die digitale Welt endlich Bilder genauso leicht und einfach erzeugbar und zugänglich macht wie der Taschenrechner das Rechnen oder die aktuellen Kollaborationwerkzeuge den Umgang mit Dokumenten. So werden zumindest langfristig das Malen, Skizzieren, Zeichnen auf dem Tablett (und seinen Nachfolgern) genauso die „Kulturtechnik“ Schreiben&Lesen ablösen wie der Taschenrechner die „Kulturtechnik“ des Rechnen verdrängt hat.

„Weil es so einfach ist!“ oder „Weil es einfach so ist!“

🙂 Auch wenn dann der IF-Blog zum PodCast- oder/und zum Bilder-Blog wandeln muss.

RMD

Anmerkung: Schon heute schaffen zum Beispiel Filme mehr Konsens als die großen Romane der Vergangenheit. Und je mehr die Kunst des Lesens verloren geht, um so wichtiger werden Audio und Video.

P.S.
Das Bild ist von der Website von Visual-Braindump (Christian Botta & Daniel Reinold).

 

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