Roland Dürre
Dienstag, der 21. Oktober 2008

Torpedo, SRAM und Fichtel und Sachs

Als Fahrradfahrer fasziniert mich Unternehmens-Biologie besonders dann, wenn es um klassisches Fahrradzubehör geht!

Als Jugendlicher hatte ich 2 wunderschöne Räder. Das erste war ein Rad der Marke Falter. Es war ein Deutsches Markenrad, ich habe es geliebt, weil es die Farben des Regenbogens hatte. Während des WM-Endspiels England – Deutschland (4 : 2) im Jahre 1966 wurde es aus unserem Radkeller gestohlen. Zweifaches Entsetzen. Der Schmerz war groß, über die deutsche Niederlage und über den Verlust meines Fahrrads. Ohne Fahrrad war schlimm, die totale Immobilität.

Dankenswerterweise bekam ich von meinen Eltern ein Ersatzrad geschenkt, das auch ein deutsches Markenrad war (allerdings in schlichtem Grün, die Marke weiß ich nicht mehr). Dies war noch drei Jahre im Dauerdienst und wurde dann in den vorläufigen Ruhestand versetzt, die Automania hatte mich in Form eines schwarz-weiß gestreiften Käfers erfasst. Wieder ausgemottet wurde das Rad erst bei der ersten Energiekrise. Nach längerer Zeit als Nur-Autofahrer habe ich an einem der autofreien Sonntage entdeckt, wie schön Radeln doch wieder sein kann. Ich kann mich noch gut an die leicht schneebedeckten Autobahnen ohne Autos erinnern. Das war das einzige Mal, dass ich auf einer Autobahn in Deutschland geradelt bin. War ein tolles Gefühl, autofreie Sonntage sollte man zumindest alle vier Wochen wieder einführen.

Gemeinsam hatten meine Räder, dass sie eine Torpedo-Dreigangschaltung von Fichtel & Sachs hatten. Die gibt es heute nicht mehr, deshalb habe ich ein wenig recherchiert:

Fichtel & Sachs wurde am 1. August 1895 gegründet. In unserer Jugendzeit war Fichtel & Sachs der Inbegriff für Nabenschaltungen. Jeder kannte Schweinfurt. Wenn wir als Kinder mit dem Zug durch den Bahnhof Schweinfurt gefahren sind, wussten wir, dass hier die Schaltungen gebaut wurden, die wir an unseren Rädern hatten.

1997 wurden die Fahrradkomponenten der deutschen Sachs an SRAM verkauft. SRAM ist ein amerikanisches Unternehmen für Fahrradkomponenten mit Sitz in Chicago. SRAM wurde 1987 (also 102 Jahre nach Fichtel & Sachs) gegründet. Die europäische Konzernzentrale von SRAM befindet sich in den Niederlanden, die asiatische in Taiwan. Nach schwerem Start hat sich SRAM nach der Übernahme der deutschen Sachs gut entwickelt.

Für mich ist der Verkauf von Sachs Fahrradkomponenten an SRAM ein gutes Beispiel für eine unternehmerisch vielleicht auf kurze Sicht nachvollziehbare aber langfristig gesamtwirtschaftlich falsche Entscheidung. Sicher wurde in Deutschland 1997 das Geschäft mit Fahrradschaltungen als uninteressant und wenig zukunftsträchtig bewertet. Außerdem war es kleinteilig und bestimmt nicht geeignet, hohe Umsatz- und Rendite-Visionen zu beflügeln. Also hat es gestört und musste weg. Aber es war ein verlässliches Geschäft mit langfristiger Perspektive, das Know-How von fast einem Jahrhundert steckte im Unternehmen. Dass der Käufer ein amerikanisches Unternehmen war, das erst 10 Jahre vorher gegründet wurde und noch gar nicht so toll lief, finde ich auch nicht so gut.

Für den Nabenschaltungsfan gibt es aber einen Trost. 1986 wurde Rohloff von einem jungen Ehepaar gegründet. Das kleine Unternehmen verdiente sein Geld lange Jahre mit der Herstellung von hochwertigen Fahrradketten und später mit einem Kettennietwerkzeug namens Revolver. 1996 tat es einen mutigen Schritt nach vorne: eine über Jahre entwickelte neue Nabenschaltung war endlich serienreif (siehe die Chronik von Rohloff). Es gibt nur einen Wermutstropfen: Eine Rohloff-Schaltung kostet (ohne Fahrrad) so in Richtung 1.000 EURO. Bei Utopia ist z.B. der Aufpreis für eine Rohloff-Schaltung zu einer SRAM27-Gang DualDrive beim London exakt 750 Euro. Trotzdem ist die Rohloff ein Renner geworden. Ich nehme an, dass die Entwicklung der Rohloff-Schaltung eine typische Entscheidung war, wie sie nur mittelständische Unternehmen treffen können. Wahrscheinlich wurde sie aus dem laufenden Geschäft finanziert und in der Freizeit der Unternehmer entwickelt. Keine Bank hätte die Entwicklung einer Nabenschaltung mit einem Zielpreis von über 1.500 DM finanziert.

Der Vollständigkeit will ich hier auch noch die Nummer 1 erwähnen:

Shimano wurde als Shimano Iron Works 1921 gegründet. Die Japaner haben ihr Geschäft fleißig ausgebaut (und sind nicht verkauft worden wie Sachs). Shimano ist das „Microsoft“ in der Welt der Fahrradkomponenten. Wahrscheinlich hat Sachs auch wegen der Dominanz von Shimano seine Fahrradkomponenten verkauft.

Und natürlich muss auch die Firma erwähnt werden, die unsere Radrennfahrer-Herzen höher schlagen hat lassen, deren Schaltungen für uns aber unerreichbar waren: Campagnolo wurde 1933 durch Tullio Campagnolo gegründet. Campagnola stattet heute seine Produkte zwar zum Teil auch mit Shimano-Komponenten aus (seine Laufräder mit Naben von Shimano …), hat aber nach meinem Wissen bis heute seine Eigenständigkeit bewahrt.

RMD

1 Kommentar zu “Torpedo, SRAM und Fichtel und Sachs”

  1. klaus kuester (Montag, der 7. Juni 2010)

    Lese das erst JETZT. Sehr gehaltvoll. Ich bin gerade dabei. ein Rennrad in Zürich abzuholen. Marke EROX. Der Beat, der die baut ist Triathlet.

    Hat eigenes Team. Das Teil, was ich mir antue ist der Team Racer für 2011.

    Bremsen, Schaltung etc ist

    Shimano Dura Ace. Die Laufräder sind Carbon (vacuum gebacken).

    Das Ding wiegt dann so um die 7 kilo, das Kilo kostet etwas

    mehr als 1000 sfr. Ich denke aber, das ist gut so.

    weil: es gibt nur freies denken

    auf dem Rad. 5 jahre Laufzeit, 3 bis stunden pro Tag, 18ooo km p.a.

    macht dann 9 cent pro km.

    Dafür sind Glücksgefühle

    garantiert, sowie Fettabbau

    und geistige Erhebung (sic!).

    Statt der Abwrackprämie

    hätten sie jedem ein RAD hinstellen sollen – die Veränderung im Denken

    wäre immens. So jedoch…

    klaus

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