Roland Dürre
Samstag, der 30. Mai 2009

Twitter und die Lochkarte

Ein paar Jahre lang habe ich viel mit Lochkarten gearbeitet. Lochkarten waren damals etwas total Innovatives. Keine blöden Lochstreifen mehr. Und die Flexibiliät. Bei Lochkarten konnte man etwas einfügen (Bei Lochstreifen völlig unmöglich).

lochkarteDie abgebildete Lochkarte (übrigens aus Wikipedia) enthält 40 Zeichen. Unsere Lochkarten waren moderner und hatten 80 Zeichen (Spalten in unseren „Sheets“, auch Programmierformulare genannt, die wir mit Bleistift ausfüllten und dann als gestanzten Lochkartenstapel zurück bekamen. Das war noch eine Art zu Programmieren!).

Die Spalte 72 mußte man markieren, wenn auf der nächsten Karte die Fortsetzung war. Ab Spalte 73 waren die Zeichenfelder der Nummerierung vorbehalten. Die Spalte 71 war für etwas besonderes reserviert (kann für ein Kommentarzeichen oder so etwas ähnliches gewesen sein – ich weiß es nicht mehr).

Die ersten 70 Spalten waren die „Nutzzeichen“, abhängig von der Zielsprache auch noch weiter strukturiert.

Wenn man ein Programm begann, nummerierte man zweckmäßigerweise in 100er Schritten. So war noch genug Platz zum Einfügen von weiteren Karten. Nummerieren war übrigens sehr wichtig, denn wenn so ein Lochkartenstapel mal auf den Boden fiel, konnte man das Programm wiederherstellen.

Viele Programmierer fanden das einen echten Vorteil gegenüber den neuen magnetischen Datenträgern. Ein einfaches Magnetfeld könnte dort ja alles zerstören. Mein Einwand, dass ja die Lochkarten ja auch ins Wasser fallen könnten und dann hin wären, wurde nie ernst genommen. War  auch gar nicht so ernst gemeint (wurde aber ernst genommen).

Ja, und Twitter erlaubt 140 Zeichen. Woher das wohl kommt. Kann doch kein Zufall sein. Bestimmt hat sich da so ein alter IT-Hase ausgedacht, dass zwei Lochkarten reichen müssen!

Eine SMS darf 160 Zeichen lang sein. Finde ich richtig schwach. Wenn dann 140!

Aber ehrlich: So viel Spaß das Bloggen auch macht, die Welten von Twitter und ähnlichem faszinieren mich immer mehr. Wie einer meiner frühen Lehrer zu sagen pflegte: „In der Kürze liegt die Würze„.

RMD

3 Kommentare zu “Twitter und die Lochkarte”

  1. Chris Wood (Samstag, der 30. Mai 2009)

    Roland ist viel zu jung um Lochstreifen zu verstehen! Ich habe doch oft genug etwas eingefugt. „Splicing“ hieß das auf Englisch. Das Gerät dazu war etwa so groß wie ein Streichholzschachtel. Man legte den Lochstreifen darauf, und schneidet ihn mit einen Rasierklinge durch. Das Gerät war dann zweimal eingesetzt um mit edlen „Tesafilm“ das neues Stück hinein zu kleben. (Das Lesegerät hat Stücke von Lochstreifen ohne Löcher ignoriert).

    Am Anfang waren Lochkartenleser sehr empfindlich und langsam. Eine Karte mit einer geknickten Ecke hat immer einen Fehler verursacht. am Ende war das ganz anders. Stapel von Karten so weich wie Papier waren blitz-schnell gelesen. Lochkarten waren in riesige Mengen produziert und haben die Welt erobert. Einige Monate später waren sie obsolet und sind verschwunden.

  2. rd (Samstag, der 30. Mai 2009)

    Hi Chris, Lochstreifen kenne ich von der Perm (1969 – hast Du da schon programmiert?) und später von Siemens-Prozessrechnern (System 300) von 1972 bis 1973.

    Witzig, dass Du Splicing erwähnst. Beim Splicing habe ich immer nur zugeschaut und habe nie verstanden, wie Programmierer so viel Zeit verschwenden können.

    Besser war es doch damals schon die Korrekturen zu sammeln und dann einen neuen Lochstreifen zu produzieren. Oft habe ich habe mich über Kollegen geärgert, dass sie mit dem „Splicing“ ihre Zeit verschwendet haben.

    In der Regel habe ich schon zwei weitere Fehler in ihren Programmen gefunden, bevor die Kollegen mit ihrem Splicing fertig (das dann oft nicht funktionierte) und die Einzelkorrektur testen wollten, obwohl sie sicher waren, dass sie funktionierte. Mit Splicern konnte man trefflich Hase und Igel spielen. War blöderweise auch für den Igel ärgerlich.

    Mit Lochkarten habe ich zwischen durch ganz gern gearbeitet. Hatte sogar einen Handlochkartenstanzer, mit dem ich am Wochenende beim Kunden unterwegs war. Habe das aber auch bald sein gelassen und bin sehr schnell auf „Datensichtgeräte“ gewechselt BS 1000 und ganz schnell BS 2000. Das bessere ist der Feind des guten!

    Und während die „alten Kollegen“ weiter mit Lochkarten unterwegs waren, habe ich z.B. das Pet-Maestro entdeckt. Ein wunderbarer Editor. Und kurz später den vi. Traumhaft. Damit war ich mindetens 7 mal so schnell! Und da haben Leute immer noch mit Lochkarten gearbeitet!

    Und sich gewundert, dass es keine Lochkarten mehr gibt. Und dann auf die Datensichtgeräte geschimpft haben. Das ist bis heute so geblieben.

    Deine Meinung zu Lochkarten ist übrigens falsch. Lochkarten sind einen ganz langsamen Tod gestorben, aber einige wenige haben es nicht gemerkt.

    Heute kenne ich ältere Kollegen die zum Beispiel nur Microsoft kennen und ausschließlich mit Word arbeiten. Ich verstehe das nicht! Wie kann ein Programmierer mit Word arbeiten?.

  3. Chris Wood (Sonntag, der 31. Mai 2009)

    Meinen ersten drei Programmen habe ich in Universitätsjahr 1964-5 geschrieben, sogar in Oktal! Cambridge hat ein neuer Computer ohne Software gekriegt. Man war dabei ein einfaches Betriebsystem zu basteln. Es gab kein richtiger Assembler, und längst kein Compiler. Mein erstes Programm hat eine neue Lösung (anderswo entdeckt) für die Handels-Reisenden-Problem implementiert. Die andere zwei hatten mit Primzahlen zu tun.
    Ich frage mich wie der Hersteller (ICT) ohne Software die Maschine getestet hat. Wahrscheinlich war das damals nicht für notwendig gehalten!
    Lochkarten sind tatsachlich schnell verschwunden, mindestens außerhalb Deutschlands. Ich habe eine Grafik gesehen mit Weltproduktion davon. Der Abstieg war noch mehr dramatisch als der jetzige Rückgang in GM-Autos.

Kommentar verfassen

*