Roland Dürre
Donnerstag, der 26. Dezember 2013

Über den Unsinn von Projekten …

Vor vielen Jahren (Jahrzehnten) hat ein von mir sehr geschätzter Kollege (damals war er noch eine Art von“Bauleiter/Abteilungsleiter“) in einem Einführungsvortrag zum Thema „Projekt Management“ den neuen Begriff „Projekt“ so definiert:

„Jedes Projekt hat einen Beginn und ein Ende. Das Ziel ist präzise festgelegt. Die Aufgabe ist, das Ziel im Rahmen des vorgesehen Einsatzes von „Zeit & Material“ punktgenau zu erreichen.“

Damals wurde noch nicht von „Projekten“ und „Projekt Managern“ gesprochen. Es gab Aufgaben und Aufträge, die wir erledigten und Funktionen, die wir bauen mussten. Wir waren Entwickler in einem Team, die verschiedene Rollen in einer Person ausübten: Planer, Architekt, Tester, Programmierer und Manualschreiber.

Der neue Begriff „Projekt“ hatte mich begeistert. Nicht nur weil ich schnell anzuzünden bin, sondern weil es ja auch sinnvoll klingt. Heute denke ich anders. Nehmen wir als Beispiel mein Leben. Das ist obiger Definition folgend doch auch ein Projekt. An den Start geht es mit der Geburt. Und es gibt ein definiertes Ende, den Tod. Ich bin sozusagen auf diese Welt gekommen um wieder zu gehen.

Was ist dann das Ziel meines Projektes „Leben“? Das Lebensende, der Tod, kann es ja nicht sein? Ziel könnte nur sein, dem Leben, also der Zeit zwischen Geburt und Tod, einen Sinn zu geben. Aber welchen?

Ich meine, dass der Sinn meines Lebens ist, möglichst oft das Richtige zu tun und das Falsche zu unterlassen.

Gilt ähnliches nicht auch für Unternehmen? Oder auch Staaten und andere soziale Systeme?

Soziale Systeme sind in der Regel nur temporäre Gebilde, die entstehen, sich verändern und wieder verschwinden. Die meisten Unternehmen, die ich in unserer Branche erlebt habe, hatten eine Lebenszeit, die deutlich kürzer war als ein menschliches Leben sein sollte.

Ich kenne nur wenige Unternehmen, die mehrere Generationen überlebt haben. Und zurzeit sind gerade diese stark vom Tod bedroht, weil sie sich dem Wandel nicht ausreichend anpassen (können oder wollen?). Als einziges soziales System, das schon länger (zwei Jahrtausende) überlebt hat, fällt mir die katholische Kirche ein. Sie hat halt ein spezielles Produkt, den Glauben. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass auch hier die „Erfolgsstory“ mal zu Ende geht, und zwar ohne dass die Menschheit aus stirbt.

Projekte finden in sozialen Systemen statt.

Die Summe aller Projekte gehen in die Evolution eines sozialen Systems ein. Sie können Teil eines Weges der kontinuierlichen Verbesserung aber auch Verschlechterung sein. Die Projekte eines sozialen Systems werden – um Komplexität zu reduzieren – vom Kontext des Gesamtsystems befreit. Das macht es scheinbar einfacher, führt aber dazu, dass die Reaktionszeit auf Veränderungen im System aufgrund ihrer Isolierung langsamer wird.

Was folgt daraus? Wir müssen uns im Rahmen der Möglichkeiten und Randbedingungen der realen Umwelt „vernünftig“ verhalten. Projekte sind hierfür unter optimal, schränken sie doch ein, oft auf ein willkürlich vorgegebene Kombination von Situation und Ziel.

Das bedeutet, wir müssen unseren Blick öffnen und schärfen und lernen, zu bewerten, was gut und was schlecht ist. Nur so können wir uns an systeminterner und -externer Realität orientieren. Das gilt allgemein für Menschen, die bereit sind, Verantwortung in Unternehmen oder in einem sozialen System zu übernehmen. Die sich für Veränderung und die Gestaltung von Zukunft einsetzen.

Und so gesehen führen uns die Projekte auf einen Irrweg. Es geht nicht darum, ein Ziel festzulegen und es zu erreichen. Konkrete Ziele und Projekte sind immer in Frage zu stellen. So kann das Einstellen eines Projektes durchaus ein gutes Projektergebnis sein. Um mit dem Volksmund zu sprechen „weil man gutes Geld nicht schlechtem Geld nach werfen soll!“ Dies nur als Beispiel.

Vielmehr geht es darum, sich der Zukunft iterativ zu nähern. Mit Kreativität und Phantasie zu experimentieren. Dinge aus zu probieren. Fehlschläge zu ertragen und es noch mal zu versuchen. Weil wir die Welt wie unsere sozialen Systeme eben nicht planen und mechanistisch steuern können.

Das hat uns der plötzlich aufkommende und dann radikal genutzte Einsatz von fossiler Energie  im 19. und 20. Jahrhundert suggeriert. Es entstand eine Glaube, dass wir Menschen omnipotent wären und alle Probleme mechanistisch lösen könnten. Technologie und Planbarkeit wurde zum Zukunftsglauben.

Wir leben aber im 21. Jahrhundert, das letzte Jahrtausend ist endgültig vorbei. Der Traum des beliebigen Nutzens von Energie zum Nulltarif und ohne negative Folgen auf unsere Biosphäre ist vorbei. Die Mechanisten und Technologen unser Welt träumen zwar immer noch von einer unendlichen Energie-Quelle zum Nullpreis. Aber selbst, wenn es diese wider Erwarten einmal geben sollte, wird es keinen Weg zurück in die Traumwelt einer vergangenen Zeit geben.

Wir müssen deshalb alle unsere Vorurteile und Glaubenssätze wie unsere Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten radikal hinterfragen. Wir müssen versuchen, kluge und richtige Folgen daraus zu ziehen. Das kann extrem schmerzhaft werden. Viel Mut und Größe wird notwendig sein, um den notwendigen „Turn over“ zu schaffen, um uns in die schon beginnende Transformation akzeptabel zu integrieren. In der Welt, in unserer Gesellschaft, in unseren Unternehmen, in unseren Projekten und in unserem Leben.

RMD

P.S.
Vor kurzem habe ich einen ein wenig konkreteren Artikel zum Wandel im Management veröffentlicht.

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2 Kommentare zu “Über den Unsinn von Projekten …”

  1. Chris Wood (Freitag, der 27. Dezember 2013)

    One social system springs to mind that is much older than the Catholic Church, namely marriage.
    The division of a species into males and females is also a sort of social system that exists for thousands of millions of years.

  2. rd (Freitag, der 27. Dezember 2013)

    Lieber Chris,

    Du hast mich missverstanden. Der Begriff Ehe beschreibt nur eine Klasse, eine Form, eine konkrete Ausprägung, die eine bestimmte Art von sozialen System beschreibt. So gibt es soziale Systeme wie Partnerschaften, Familien, Vereine, Unternehmen, Kirchen, Gemeinden, Staaten, die entstehen und entfallen.

    Als Beispiel: Unternehmen sind soziale Systeme, die einen ökonomischen Zweck haben. Die InterFace AG oder die Siemens AG sind Inkarnationen von Unternehmen. Die InterFace gibt es seit dreißig, die Siemens AG seit mehr als 100 Jahren. Wie lange diese beiden Systeme noch existieren werden, weiß keiner von beiden.

    Ich spreche im Artikel von diesen Inkarnationen solcher sozialen Systemen. Durch ehe entsteht ein Ehepaar ein soziales System bestehend aus zwei Personen mit einem partnerschaftlichen Zweck. Dieses System beginnt mit der Heirat zu existieren und endet durch Scheidung oder den Tod eines der beiden Partner.

    Die katholische Kirche hat eine systemische Ausprägung: Sie hat Mitglieder, Symbole, Riten, Rituale, Regeln und Gesetze, Strukturen, eine Organisation, social beliefs usw. Deshalb bildet sie ein soziales System mit dem Zweck „Glauben zu erhalten / praktizieren“. Es ist beeindruckend, dass sie schon seit mehr als 2.000 Jahren besteht.

    Die Trennung der Menschheit in Frau und Mann ist kein soziales System sonder ein biologisches Konstrukt.

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