Roland Dürre
Dienstag, der 10. November 2015

„Unrechtmäßiger Wohlstand“ und „Besitzstandwahrung“ …

… die beiden unglückseligen Geschwister!

sinaSina Trinkwalder hat am 8. November in Facebook folgendes geschrieben.

Man muss sich einfach mal hinsetzen und realisieren: Dass, was derzeit in Deutschland geschieht, ist nicht „wie 1933“.

Damals gingen die Menschen einem Rattenfänger hinterher, weil Massenarbeitslosigkeit herrschte. Sie gingen auf die Straße, in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Heute gehen die Menschen Rattenfängern hinterher, obwohl offiziell bei 2,6 Mio gemeldeten Erwerbslosen Vollbeschäftigung herrscht. Sie gehen auf die Straße, aus Angst, sie müssten einen Krümel ihres unrechtmäßigen Wohlstands abgeben.

Das ist der Unterschied. Beides ist nachvollziehbar. Beides zu verurteilen. Und gegen beides muss sich eine soziale Gemeinschaft stellen.

Ich konnte es nicht lassen und habe kommentiert:

Mir gefällt der Begriff des „unrechtmäßigen Wohlstands“ sehr gut. Und es wäre gut, wenn wir diesen durch schrittweises Reduzieren unserer „Wohlstandsreserve“ endlich korrigieren würden. Für mich ist das „Autofahren“ übrigens eine gute Metapher für unsinniges Wohlstandsverhalten. Da könnte man mit dem Verzicht gut anfangen … siehe auch #aktmobcmp.org

Darauf bekam ich folgende Antwort:

Verstehe ich das richtig: wer als Autobauer arbeitet, ist dann ein „unrechtmäßiger Wohlstandsprofiteur“?

Wieder konnte ich es nicht lassen und habe ein wenig polemisch geantwortet:

Der Schluss „wer als Autobauer …“ ist natürlich so gesehen logisch/dialektisch mehrfach falsch. Für mich ist jeder der sich mehr von der Welt nimmt als ihm zusteht, ein „unrechtsmäßiger Wohlstandsprofiteur“. Und ich fürchte, da gehören wir alle dazu, die hier so klug schreiben. Betreff Auto: Ich meine schon, dass man sein Können, seine Kreativität wie auch seine Intelligenz heute für wichtigere Themen als für das Bauen von Autos einsetzen sollte. Immerhin töten Autos weltweit mehr als 1,3 Millionen Menschen und zum Beispiel in Bayern generiert der motorisierte individuelle Verkehr (die Autos) mehr Kohlendioxid pro Kopf der Bevölkerung als nur zur Bewahrung des aktuellen Zustandes zulässig wäre.

Aber in der Tat meine ich, dass der von Sina in die Diskussion eingebrachte Begriff vom „unrechtmäßigen Wohlstand“ eine Schlüsselbedeutung hat. Den habe ich bisher noch nie so verwendet, er hat mir einen „Stich“ gegeben.

Ich meine, dass man ihn erweitern sollte zu einem „unrechtmäßigen Kollektiv-Wohlstand“. Und sich immer wieder in Erinnerung rufen muss, dass letzten Endes unserem Handeln wesentlich das Ziel die „Wahrung unseres Besitzstands“ und die „Beibehaltung oft unsinniger (und manchmal schädlicher) Gewohnheiten“ zu Grunde liegt.

Wenn wir aber so weiter machen, werden wir aber wahrscheinlich in ganz wenigen Generationen eine mir lebenswerte Welt verlieren. Und das gefällt mir nicht, weil ich mich irgendwie als Teil eines ganzen – auch in der zeitlichen Dimension – sehe.  Könnte übrigens gut sein, dass wir unsere schöne Welt schon verloren haben …

RMD

8 Kommentare zu “„Unrechtmäßiger Wohlstand“ und „Besitzstandwahrung“ …”

  1. nomad (Dienstag, der 10. November 2015)

    Ich bin ja sicher kein FDP-Wähler, aber ich wundere mich manchmal trotzdem darüber, dass der Gedanke scheinbar so sperrig ist, dass er in deutsche Gehirnwindungen einfach nicht reinpasst:
    „Wenn jemand mehr hat als andere, könnte es daran liegen, dass er dafür gearbeitet hat.“.

    Ein weiterer abwegiger Gedanke wäre:
    „Wenn jemand arbeitet, macht er dass, damit er selbst davon etwas hat, und nicht für andere.“

    (Das ist so natürlich nicht ganz richtig. Der Mensch arbeitet selbstverständlich auch für andere. Es ist aber das Recht dessen, der den Wohlstand geschaffen hat, zu entscheiden, mit wem er ihn teilt. Und nicht das Recht einer Welterklärerin auf facebook, anderen diese Entscheidung abzunehmen!)

  2. Hans Bonfigt (Dienstag, der 10. November 2015)

    Frau Trinkwalder zolle ich großen Respekt.

    Dennoch ist sie es, die auf „Rattenfänger“, die einen alleinseligmachenden „Konsens“ propagieren, der von vorn bis hinten stinkt.

    Der mediale Lynchmob bekreischt hysterisch den „Flüchtlingshaß“. Es gibt noch andere mögliche Reaktionen als „Wilkommenskultur“ und Haß.
    Bei mir ist es zum Beispiel eine gute Portion Ekel vor der islamisch pervertierten „Kultur“.
    Persönlich möchte ich nix mit Menschen zu tun haben, die ihre Frauen erniedrigen, Homosexuelle hinrichten und einen wilden Mann markieren, wenn man so einen dämlichen Koran ins Klo schmeißt.
    Eigentlich habe ich nichts gegen „Wirtschaftsflüchtlinge“, hätte ich heranwachsende Kinder, dann würde ich auch sehen, daß die bessere Chancen bekommen. Aber in einer Zeit, in der es wirklich politisch Verfolgte gibt, wird der „Sozialtourismus“ zum Verbrechen, weil er den wirklich Hilfsbedürftigen dringend benötigte Ressourcen nimmt.

    Es ist schön, wenn Frau Trinkwalder eine möglichst gerechte Welt will. Aber ich möchte mir die Mitmenschen aussuchen, mit denen ich teilen will.

    Wenn ich höre, daß sich einige dieser Menschen untereinander betrügen, indem sie sich gegenseitig Fahrplanauskünfte als Fahrkarten verkaufen, dann bekomme ich schon einen heiligen Haß. Wenn Frau Scheswig parliert, „Seine Famillienangehörigen nicht aus dem Krieg nachzuholen – das ist schwer vorstellbar“, dann möchte ich dagegen halten, daß es für mich schwer vorstellbar ist, meine Familienangehörigen im Krieg zu LASSEN und alleine ‚rüberzumachen.

    Ganz übel wird mir, wenn ich mitbekomme, wie die Medien, die gar nicht mehr merken, wie gleichgeschaltet sie sind, auch heute noch das unglückliche Pirincci-Zitat wissentlich falsch wiedergeben. Kernaussage war: „Die ‚politische Klasse‘ geriert sich als Blockwart gegen das eigene Volk“. Das stimmt schon seit Jahren, es wird Politik gegen das Volk betrieben.
    Daß jetzt der deutsche Buchhandel allen Ernstes überlegt, eine öffentliche Büchervershredderung vorzunehmen — und gleichzeitig geschlossen den Vertrieb aller Bücher Pirinccis eingestellt hat, ist ein Armutszeugnis für das vorherrschende Demokratieverständnis.

    Faktum ist, daß Frau Merkel einen klaren Verfassungsbruch begeht, indem sie klare internationale Vereinbarungen (Dublin III) hintertreibt und dem deutschen Volk Schaden zufügt. Wenn Frau Merkel sagt, „Wenn wir hier nicht helfen, dann ist das nicht mehr mein Deutschland“ — dann möchte ich doch empfehlen, „Frau Merkel, suchen Sie sich ein ‚Neues Deutschland‘, gerne weit weg“.

    Denn ich persönlich möchte nicht helfen – die sogenannte ‚multikulturelle Gesellschaft‘ funktioniert nicht.

    Schlußendlich: Wenn sich Frau Trinkwalder bei „Facebook“ prostituiert, einer Schlammsuhle also, in der sich die primitivsten der dümmsten Proleten so richtig wohlfühlen, dann muß sie nicht zwingend erwarten, ernstgenommen zu werden: Bei dieser häßlichen „PEGIDA“ mitzumarschieren oder sich bei „Facebook“ zu entleeren: Da weiß ich nicht, was schlimmer ist.

    Ich möchte aber nochmal betonen, daß es hier in der Bundesrepublik kaum einen Menschen gibt, gegenüber dem ich mehr Respekt empfinde als vor Frau Trinkwalder. Sie hat klare, nachvollziehbare Ziele, ihre Arbeit ist nachhaltig, wirklich gemeinnützig und erfolgreich. Das wichtigste aber ist, daß sie ihren Mitarbeiterinnen ihre Würde wiedergegeben hat – das ist das genaue Gegenteil dessen, was staatliche Stellen mit „schwer Vermittelbaren“ tun.
    Diesen Erfolg hätte Frau Trinkwalder nicht ohne ihr geniales Guerilla-Marketing („KIK my Ass“) gehabt, insofern kann ich nachvollziehen, daß man auch einmal in so eine widerliche Kloake wie „Facebook“ greifen muß.

  3. rd (Mittwoch, der 11. November 2015)

    Mir geht es hier vor allem um den Begriff, des „unrechtmäßigen Wohlstandes“. Den würde ich ganz einfach so definieren:

    Alles, was auf dem unangemessenen Verbrauch von Ressourcen beruht, die man der (globalen) Allmende zuordnen sollte oder die unangemessene Erzeugung von Stoffen, die den Planeten zwangsläufig ruinieren, ist unangemessener Wohlstand. Beispiel: Sinnloses Verbrennen von fossilem Kohlenstoff oder Generieren von „waste“ …

    So geht es um eine individuelle Differenzierung menschlichen Lebens und Kultur (gerne auch materiell), aber dies in einer Gesellschaft, die einen Produktionszyklus ohne Abfall (no waste) lebt.

    Eigentlich ist das ein Synonym für eine lebenswerte Zukunft.

  4. nomad (Mittwoch, der 11. November 2015)

    Entschuldigen Sie die folgende Textwand.
    Die Größe der Absätze entspricht immer der Größe der Gedankensprünge.
    ————————————

    Genau an dem Begriff „Unrechtmäßiger Wohlstand“ habe ich mich irgendwie sehr gestoßen, obwohl ich da nicht mal anders denke, als Sie.

    Er erinnert mich an linksradikale Gymnasiasten, wie ich selbst mal einer war, die meinen, Geld würde vom Himmel fallen und müsste nur richtig verteilt werden.

    Und es klingt unglaublich arrogant. Gleichzeitig klingt es nach einem idiotischen deutschen Schuldkult, für den Sie alle Anderen in Geiselhaft nehmen. Ein Freund hat das ganze Flüchtlingsprojekt letztens als „nationale Psychotherapie“ bezeichnet. Das fand er auch noch gut. ICh persönlich… brauche keine Psychotherapie.

    Aber es stimmt natürlich, wir haben

    a) einen „unsinnigen Wohlstand“. Einen, der nicht nachhaltig ist. Und einen, der uns eigentlich auch heute schon nichts nützt, weil er uns nicht glücklicher macht. Weil wir schon genug haben.
    (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Easterlin-Paradox)

    Es nützt uns auch nichts, unsere europäischen Nachbarn in der Außenhandelsbilanz zu überflügeln, weil die Eurokrise die direkte Folge davon war.

    Es nützt nichts (nach der Maslowschen Pyramide) reicher zu werden, um uns selbst zu verwirklichen, wenn uns am Ende die Zeit dazu fehlt, weil wir 40 Stunden/Woche in der Arbeit verbringen.

    Es macht bekanntlich auch keinen Spaß, seinen Wohlstand zu genießen, wenn man dabei mit extremen sozialen Ungleichheiten konfrontiert ist. In meinem Fall und sicher auch in ihrem: wegen dem schlechten Gewissen. Im Fall anderer Länder, wie den USA: weil dort Bürgerkrieg herrscht. Anders kann man das Maß der Gewalt dort eigentlich nicht nennen.

    Das liegt übrigens auch ein Zusammenhang zur Flüchtlingsdebatte, zu der sie in ihrem Artikel ja scheinbar den Bogen schlagen wollen: Die Gräben verlaufen oft zwischen Ethnien, Hautfarben, etc… Ist zwar schade, ist aber so (vgl auch Südafrika und viel andere Staaten. Auch dort gibt es eine Segregation zwischen Schwarzen und Weißen. Die Gewalt ist dort noch schlimmer als in USA. Und die Oberschicht hat nur die Möglichkeit, ihre Häuser zu Hochsicherheitsgefängnissen auszubauen und sich zu verschanzen. Ich würde werder auf der einen, noch auf der anderen Seite stehen wollen). Meine große Angst ist: Werden wir zu einem Amerika 2.0, wenn wir alle Armen der Welt zu uns importieren? Nur, weil sie bei uns wohnen, werden sie es nämlich noch lange nicht in unseren Klub der Wohlhabenden schaffen!
    Wir importieren uns hier nur soziale Verwerfungen. Fürchte ich jedenfalls.

    Die große Mehrheit der Flüchtlinge hat nicht einmal eine Berufsausildung. Gleichzeitig gibt es Programme, Flüchtlinge in unser Ausbildungssystem zu integrieren. 70% der Teilnehmer brechen ab. Das heißt unterm Strich: In 10 Jahren: eine Million Sozialfälle, die hier frustriert ihr Dasein fristen und keine Chance haben, sich hier zu integrieren. (implizite Annahme: Arbeit ist Vorraussetzung zur Integration)

    Und noch ein ganz anderer Aspekt, der nur halb mit dem Thema verwandt ist: Viele Menschen besinnen sich auf das Wesentliche, wollen weniger arbeiten und mehr leben, wollen nur so viel arbeiten, wie sie selbst zum Leben brauchen. Ich übrigens auch. Aber hier gibt es ein Problem: das funktioniert so nicht!! Jeder zweite in Deutschland lebt in irgendeiner Weise von einer Transferleistung (also: ist nicht ‚erwerbstätig‘). Diese Menschen sind darauf angewiesen, dass Menschen sich beim Streben nach Reichtum abstrampeln und dabei so viele Steuern und Sozialabgaben generieren, dass letztlich jeder über die Runden kommt.

    Noch eine These: Jede Gesellschaft kann den Aufstieg in unseren „Klub der Reichen“ nur aus eigener Kraft schaffen. Da hilft es nicht, wenn wir meinen, etwas vom Wohlstand, den wir selbst ja gar nicht geschaffen haben, sondern Generationen vor uns, aus Großzügigkeit abtreten wollen.

    b) Es gibt einen „rücksichtslosen Wohlstand“.

    Aber natürlich leben wir über unsere Verhältnisse, was Ressourcenverbrauch und ökologische Tragfähigkeit der Welt angeht. Wenn das jeder tun würde, hätten wir ein noch viel größeres Problem.

    Aber: Sie schlagen ja hier im ersten Absatz offensichtlich einen Bogen zu Pegida und dem Flüchtlingsthema. WO IST DA DER ZUSAMMENHANG? Ist es „Wenn wir durch Zustrom von Flüchtlingen ausreichen soziale und wirtschaftliche Probleme generieren, wird sich unsere Wohlstandsreserve schon von selbst in Luft auflösen“ ? Diese Logik fände ich befremdlich.

  5. rd (Mittwoch, der 11. November 2015)

    Mir ging es eigentlich nur um den Begriff des „unberechtigten Wohlstand“. Provozierend gesagt: Ich habe kein Problem, wenn ein reicher Mann 100 Bedienstete hat. Aber schon wwenn die Luft verpestet, die ich atmen darf.

  6. Klaus Hnilica (Mittwoch, der 11. November 2015)

    KH: lieber Roland mir dreht sich bei diesem Begriff der Magen um, denn bei unserer Vergangenheit und unserem gegenwärtigen Ökowahn sehe ich schon die ‚Wohlstandsblockwarts‘ am Horizont, die festlegen welcher Wohlstand berechtigt ist und welcher unberechtigt! Grauenhaft!

  7. rd (Mittwoch, der 11. November 2015)

    Lieber Klaus, das ist genau das Thema.

    Wenn sich die Klimakatastrophen weiter mehren und vor allem verschlimmern – und das ist naturwissenschaftlich ziemlich gut vorhersagbar – werden wahrscheinlich weltweit radikale Gesetze erlassen und durchgesetzt werden, die alles andere als lustig sein werden.

    Ganz abgesehen davon, dass gegen die von der ja mit hohem Tempo statt findenden Umweltveränderung verursachten und erst noch kommenden weltweiten Migrationsbewegungen das, was wir heute erleben, ein „laues Lüftchen“ sein dürfte.

    Und ich meine, die Menschheit sollte intelligent genug sein um zu verstehen, dass es besser ist, da aus eigener Vernunft Weichen zu stellen als die Bedrohungen einfach zu ignorieren.

  8. Joachim Schnurrer (Donnerstag, der 12. November 2015)

    Auch wenn der „unrechtmäßiger Wohlstand“ eine aktuelle Sprachschöpfung ist, befindet sich die darunter verstandene Sache schon Jahrtausende in der Welt. Möglicherweise wird das dahinter vermutete Problem im Laufe der Zeit dringlicher, da es mit der wachsenden Weltbevölkerung einhergeht.
    Die Wissenschaftler wissen es nicht (siehe Club of Rome), die Menschheit ist auch nicht intelligent genug, um frühzeitig zu handeln.
    Einzig ein wachsender Leidensdruck auf alle Beteiligten wird zu Veränderungen führen. Dieser Druck wird nicht von einzelnen Gruppierungen, sondern von „Außen“, sprich von lokal und/oder global entstehenden „Verhältnissen“ kommen. Beispiele dazu findet man in Extremklima, Extremreichtum, Extremarmut, Extremkonflikten, Extremreligionen, Nulltoleranz, Kompromissunfähigkeit, Rechthaberei, Hass und Gier.
    Alle wollen nur das Beste; für sich, aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln.

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