Roland Dürre
Sonntag, der 6. März 2011

Unser kleines und so feines Land …

Gesundheitswarnung: Vorsicht beim Lesen dieses Artikels, er kann Sie depressiv machen!

Jetzt bin ich schon ziemlich weit weg von unserem kleinen und feinen Land. Sehe es im Rückspiegel. Wenn ich daran denke, was da so alles passiert, dann habe ich eine Menge zu berichten.

Von der Art und Weise wie wir in Deutschland leben und wie wir so ticken. Und was ich alles nicht versteh, obwohl ich selber daran mit schuld bin. So formuliere ich einfach ein paar Absurditäten, so zum Nachdenken am Sonntag.

Dann fange ich mal mit dem wohl Alternativlosen an (aber wie geschrieben – Vorsicht beim Lesen!):

Getreide brauchen wir, um zu leben – Streusalz und Splitt brauchen die Autos, damit sie im Winter genauso schnell wie im Sommer fahren können.

1 Kilogramm Getreide ist billiger als 1 Kilo Streusalz oder Splitt.

Unsere Autos brauchen Benzin oder Diesel. Wir brauchen Milch.

Ein Liter Milch im Tetrapak (!) kostet einen Bruchteil von einem Liter Benzin aus dem Zapfhahn.

An den Tankstellen gibt es E10. Mit Biosprit aus Afrika und Brasilien. Die Autofahrer mögen es nicht, weil sie Angst um ihre Autos haben.

Auf der Autobahn gilt „freie Fahrt für freie Bürger“ –  dort und auf Landstraßen sterben Menschen wegen überhöhter Geschwindigkeit. In Afrika und einigen anderen Ländern (ver)hungern die Menschen.

Wenn wir langsamer, weniger oder vernünftigere Autos fahren würden, bräuchten wir keinen Biosprit.

Unser Klima geht kaputt.

Auch weil der Regenwald gerodet wird. Nicht nur für Biodiesel sondern auch für Soja. Es gibt Anbauflächen, auf denen nur für unsere Massen-Hendl-Fabriken produziert wird. Dort wiederum werden Küken in Riesenmengen aus Eiern gebrütet, grausam zm Hähnchen gemästet und dann in unvorstellbaren Stückzahlen vollautomatisch gemetzelt.

Wir in Deutschland wollen gesund leben. Und essen deshalb besonders viel Fleisch vom Geflügel.

Wir haben auch viele Zivilisationskrankheiten. Weil wir soviel essen und uns zu wenig bewegen. Und weil wir uns fürs Auto und Fressen und ganz allgemein so stressen müssen, leiden wir häufig an Migräne und Kopfschmerzen.

So produzieren die internationalen Pharmaziekonzerne für uns Schmerzmittel. Fast die Hälfte des Umsatzes müssen sie für Vertrieb und Marketing ihrer Produkte einsetzen, um ihre Profite zu maximieren.

Wir haben dann zu wenig Nieren, um unsere durch die Schmerzmittel geschädigten Organe zu ersetzen und müssen „menschliche Ersatzteile“ in Indien zukaufen.

Auch die Tabakkonzerne leben gut. Sie haben die höchsten Umsatzrenditen aller Branchen (bis zu 45 % Profit vom Umsatz).

Die müssen viel Geld ausgeben, damit das Rauchen besonders für junge Menschen schick bleibt. Am meisten rauchen bei uns aber die Underdogs der Gesellschaft mit niedrigen Einkommen.

Könnte solche Zoten beliebig fortsetzen … Aber ich höre besser auf, denn …

In den vergangenen Jahrhunderten soll die Hysterie die psychische Volkskrankheit Nummer 1 gewesen sein. Kein Wunder, wenn man an die Ängste und Verklemmungen denkt, die von kirchlicher Autorität bewirkt wurde.

In der Gegenwart sind die hysterischen von den depressiven Krankheiten abgelöst worden. Die sind in den westlichen Ländern so richtig auf dem Vormarsch. Kirchenzwang wurde vom Konsumzwang abgelöst, die

Hysterie weicht der Depression.

Irgendwie kann ich das alles gut verstehen. Die meisten von uns können sich gegen die immer fortschreitende nicht artengerechte Haltung der Menschen (uns) nicht mehr wehren.

Früher sprach man von Leistung, heute muss es Höchstleistung sein. Schon bei den kleinen Kindern im Kindergarten, spätestens bei der Einschulung, geht es los. Bald haben wir die Ganztagesschule. Abends müssen die Kinder dann auf die Schulaufgaben büffeln. Im Arbeitsleben ist der 8-Stunden-Tag schon lange vorbei. Präsenz rund um die Uhr ist gefragt. Das Mobile Telefon findet uns immer und überall. Und wer seine E-Mails nicht zeitnah beantwortet taugt nichst für unsere moderne „Informations- und kommunikationskultur“.

Flexibilität und Mobilität ist das Credo der Wirtschaft. Auch die Freizeitgestaltung wird immer fordernder. Und wer sich versagt – der ist ein Versager. Der Wecker ist ein muss, damit man trotz kurzer Nacht nach TV in der „prime time“rechtzeitig wieder bei der Arbeit ist. Der Manager braucht seine Medikamente, um zur gewünschten Zeit zu schlafen und fit zu sein. Die Fremdbestimmung steigt, oft sinnlose Zielvereinbarungen müssen erfüllt werden. Wenn der Körper revoltiert, wird er zugedröhnt.

So steigt der psychische Druck. Der physische Ausgleich z.B. durch regelmäßige und fordernde Bewegung an frischer Luft fällt weg. Dafür hat es im Leben des „höchstleistenden“ Autofahrers und Fernsehzuschauer bzw. Internetnutzers keinen Platz mehr.

Und der Ausgleich am kürzer werdenden Wochenende artet in neuen Stress aus. Das muss einem doch über die Jahrzehnte ganz schön zusetzen.

Wenn man dann noch beginnt, über das was ich oben geschrieben habe, nachzudenken, dann gerät man wahrscheinlich ganz schnell in Gefahr, depressiv zu werden.

🙂 Aber jetzt haben Sie es schon gelesen, jetzt ist es zu spät. Und ich habe mir  es mir vom Herzen geschrieben und so die finsteren Gedanken quasi an Sie abgegeben. Und denke jetzt in der Südsee nur noch an die schönen Dinge des Lebens.

🙂 So schön kann Blog schreiben sein!

Einen herzlichen Dank, dass Sie mir die finsteren Gedanken abgenommen haben!

RMD

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6 Kommentare zu “Unser kleines und so feines Land …”

  1. KH (Sonntag, der 6. März 2011)

    Na-lieber Roland das ist ja arg schwarz! Hier ein kleiner Lichtblick in der Dunkelheit: 59% der Deutschen meinen heute immerhin laut FAZ, dass die Preise für die Kunden für Fleisch, Eier oder Milch viel zu niedrig sind,angesichts des Aufwandes bei der Herstellung, vor einigen Jahren waren es nur 30%…

  2. Chris Wood (Dienstag, der 8. März 2011)

    Roland, maybe I can cheer you up a bit. Many of the things that worry you are really OK.
    • It is good that grain is cheap. Otherwise more people would be starving.
    • The prices of salt and gravel do not worry me.
    • I am fairly happy that milk from unhappy cows is cheap.
    • It is good that petrol is not cheap. Otherwise we would waste it and ruin the climate even faster.
    • It seems good that E10 petrol is unpopular.
    • I doubt whether migraine and other headaches are increasing.
    • I doubt whether kidney problems are increasing.

    One could be happy about 45% profit for tobacco firms. If most people refuse to invest in such firms, this will drive the profit level up. But this statistic is pretty meaningless. It relates largely to the extent of vertical integration. Consider a firm that splits into two firms where one supplies the other. The supplier may have about the same ratio of profit to turnover. But the supplied firm will have less profit from the same turnover.
    These firms could greatly reduce their profit ratios by paying their managers very well. As these managers seem to have the same ethic as opium dealers, I would not welcome this.
    Anyway, this statistic is dubious. Perhaps tax is included in the „turnover“?

  3. Andi (Donnerstag, der 10. März 2011)

    Hallo Roland,

    ich äussere mich ja nur selten zu deinen Beiträgen, aber heute möchte ich es einfach mal tun. Eine so depressive Darstellung unser heutigen Welt, wenn man gerade an einem Traumziel unser heutigen Welt eine Luxus-Reise unternimmt, die sich nur wenige Menschen leisten können und wollen, ist meiner Meinung nach Menschen und Problem verachtend und erfüllt für mich viele Aspekte einer nicht akzeptablen Doppelmoral, die du ja auch so häufig kritisierst (Tabak, Alkohol, Sprit, Individualverkehr etc.).

    Hast du dir mal ausgerechnet, wieviele qm Regenwald diese Urlaubsreise vernichtet, wie viele Menschen wie viele Tage nicht hungern müssten… Ich kann auch diese Liste von polemischen Fragen beliebig verlängern!

    Vielleicht sollten wir uns nach deinem Urlaub darüber mal persönlich und in Ruhe unterhalten.

    Viele Grüße in die Südsee aus dem ICE bei Fulda

    Andi

  4. rd (Donnerstag, der 10. März 2011)

    Lieber Andi,

    für Deinen Beitrag bin ich Dir sehr dankbar. Ich möchte nur wenig anmerken.

    Ich habe diesen Artikel nicht geschrieben, weil ich deprimiert bin. So sollten die Zeilen nicht auch nicht depressiv klingen.

    Wenn ich mich selbst frage, warum ich so etwas schreibe, dann neben den Klicks – die solche Artikel immer bringen – vor allem weil ich provozieren und aufrütteln will. Als nicht messbares und auch gar nicht begreifbares Element der Evolution, wo immer die auch hinführen mag.

    Und was die Luxusreise angeht, so ist das für mich eher ein Eigenversuch, wie ambivalent man eigentlich selber sein kann. Und wie zerrissen man ist. Und wie schwer es ist, verantwortet zu leben. Oder wie sinnvoll es ist, sich selbst zu kasteien oder einfach mal zu genießen …

    Die Entscheidung zur Reise habe ich mir übrigens nicht leicht gemacht. Bin dann gereist – aus Trotz und um mal zu zeigen, dass mich die Welt gelegentlich am ….

    Aber Danke Dir!

  5. Andi (Donnerstag, der 10. März 2011)

    Hallo Roland,

    danke für deine prompte Antwort,

    aber ein witziges Detail noch heute, der Blog hat wohl einen Fehler, denn er zeigt deine Antwort mit Datum 10. März an. Bei dir muss meiner Meinung nach schon der 11. März sein??? Was verwendet der Blog denn, Zulu, GMT, UTC, CET oder Localtime?
    Dieses Problem hat uns auch erst die Globalisierung, das Fliegen und die ICT gebracht. Wenn man für die Reise mehrere Wochen oder gar Monate braucht oder sie gar nicht möglich ist, hat man auch dieses Problem nicht.
    Eine genau gehende Uhr reicht um den Längengrad ziemlich exakt zu bestimmen, die Sonne reicht, um den Breitengrad zu bestimmen.
    In anderen, dir momentan näheren ;-o), Kulturen benutzte man eher die Sterne, die Meeresströmungen, die jahreszeitlich typische Windrichtung und die Richtung und Art des Wellengangs, um sowhl Position als auch den nötigen Kurs zu bestimmen. Das war sogar ausreichend, um dieses Wissen auch noch ohne Schrift und Karten von einer Generation in die nächste weiterzugeben. Dieses Wissen hat ja anscheinend auch gereicht um als Nomaden des Meeres, die auch noch keine vernünftige Vorratshaltung hatten, sondern von den kurzfristigen Erzeugnissen des Meeres leben mussten, die komplette Südsee zu besiedeln 😉

    Geniesse weiter deinen Urlaub, Viele Grüße aus dem ICE inzwischen kurz vor Ingolstadt
    Andi

  6. rd (Donnerstag, der 10. März 2011)

    Hi Andi, Du triffst den Punkt!

    Zur Zeit: IF-Blog ist eine wordpress-Anwendung, die bei Hetzner in Gunzenhausen lebt. Alle Zeitstempel dürften somit in Gunzenhauser Zeit sein 🙂

    Zu uns: Wir fahren auf der Datumsgrenze entlang (die vor kurzem übrigens auch in Absprache der lokalen Länder hier geändert wurde und die jetzt z.B. durch Fidschi durchgeht). So ändert sich das Datum bei uns theoretisch stündlich …

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