Roland Dürre
Sonntag, der 20. April 2008

Unternehmenskulturen, Bullshit Bingo und der Outlook-Kalender

Seit meinem ersten „Job“ mit 16 bei einer Spedition in Gersthofen (1966) beobachte ich das Verhalten meiner Mitmenschen im Arbeitsumfeld mit grosser Aufmerksamkeit. Früher fiel mir gerade bei Großunternehmen auf, dass so mancher meiner Kollegen den Weg bis hin zum Werkstor mit höchster Dynamik vollzogen hat.

Nach der Stechuhr aber wurde der Schritt schleppend. Angekommen am eigenen Schreibtisch war ein ausführlicherer Toilettenbesuch notwendig, in Ruhe wurde gefrühstückt, die wichtigsten privaten Telefonate geführt und/oder gemütlich die Zeitung gelesen. Man musste ja wissen, was los ist, um sich dann in seine Aufgabe stürzen oder andere wichtige Dinge erledigen zu können.

Diese Zeiten sind vorbei. Unsere fordernde Leistungsgesellschaft lässt so ein Leben nicht mehr zu. Das „Warming-up“ am Arbeitsplatz geht heute anders. Für Leute mit Humor ist „Bullshit Bingo“ ein beliebter Frühsport. Kolleginnen und Kollegen, die nach vorne kommen wollen, dürfen ihre Zeit aber nicht für solche Nonsens-Spiele verschwenden. Für die ist zuerst mal ausführliches Kalenderstudium angesagt.

Zuerst schaut man mal die Kalender der eigenen Mitarbeiter durch (Kontrolle muss sein!). Dann guckt man, was die Kollegen so treiben. Und dann kommen die Chefs dran, die speziellen Freunde und Feinde, und natürlich auch anderen „Objekte“ des eigenen Interesses.

Viele Erkenntnisse werden gewonnen, die natürlich bei der strategischen und taktischen Planung der persönlichen Karriere berücksichtigt werden müssen.

Das geht dann so:

Warum treffen sich Herr Müller und Frau Meier heute Mittag? Was macht der Huber beim Betriebsrat? Wieso haben die beiden meinen Namen im Betreff (Und auch noch falsch geschrieben!)? Und wieso hat der Müller soviel private Termine? Was treibt er da nur? Und die Aktivitäten vom Maier gefallen mir gar nicht. Und der Mayer macht ja nur noch Besprechungen. Und unser Herr Doktor macht ja jeden Tag um 5 Uhr Schluss. Und der mit dem Doppelnamen hat ja fast keine Einträge, der arbeitet wohl überhaupt nichts. Und guck mal, der Herr Bauer, schon wieder mit der Firma SuperConsulting beim Mittagessen. Da muss ich ja mal zum Chef gehen. Wahnsinn, der hat ja die nächsten drei Wochen gar keinen freien Termin mehr …

Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer. In großen Organisationen sind die Kalender oft unternehmensweit freigegeben. Und interne Mitarbeiter wie externe Kräfte (die ja oft in den Unternehmen eingebettet sind) nutzen dies intensiv aus. In den Kalendern wird nach Kräften spioniert. Vertrauliche Daten werden nach aussen gegeben, das ist trotz maximal implementierter Security kein Problem. Wenn man nicht erwischt werden will, wird einfach verschlüsselt. Zip mit Passwort reicht völlig aus.

Es ist fast unmöglich, sich zu verweigern. Dafür erntet man in der heutigen technisch dominierten Zeit nur Unverständnis und wird schnell als „Ewig-Gestriger“ eingestuft, der die betrieblichen Abläufe mit seinen Macken stört. Man kann den Kalender auch nicht nur einem ausgewählten Freundeskreis freigeben, auch das führt zu Unverständnis bei den ausgeschlossenen. Und – einmal freigegeben heißt immer freigegeben. Ein Entzug der Freigabe wird als Vertrauenszug gewertet.

Ich bin überzeugt, dass der offene Kalender als Teil der eingesetzten Groupware eine der Ursachen ist, warum in vielen Unternehmen der Haussegen so schief hängt. Menschen neigen nun mal zu (meist falschen) Interpretationen und schnellen Verdachtsmomenten, zu irrationalen Sorgen und Erwartungen. Und dass Menschen gerne Verschwörungstheorien entwickeln und dafür anfällig sind, ist uns ja auch allen bekannt.

Jetzt bitte ich jeden, doch mal seinen eigenen Kalender zu analysieren! Gibt es da nicht auch Einträge, die unbedarfte Geister verwirren könnten? Wir hacken unsere Kalendereinträge wie auch unsere E-Mails unter Zeitdruck und Stress in den Rechner. Und da passiert es halt, eine vielleicht ungeschickte Wortwahl, mit wesentlichen Folgen. Und unsere Mitmenschen kommen auf dumme Gedanken, machen falsche Annahmen, erzeugen komische Gerüchte …

Unsere als privat markierten (vertraulichen) Termine bewirken auch Neugierde und Misstrauen! Alles zusammen eine ideale Quelle für Verdächtigungen, die perfekte Voraussetzung um Politik zu machen und nicht zuletzt eine wesentliche Ursache für Verunsicherungen und Ängste. Bestimmt nicht gut für die Unternehmenskultur.

Den praktischen Nutzen eines Groupware-Kalenders fürs Unternehmen stelle ich in Frage. Und vielleicht gäbe es ohne Outlook/Exchange dann auch endlich wieder weniger (sinnlose) Besprechungen ….

RMD

1 Kommentar zu “Unternehmenskulturen, Bullshit Bingo und der Outlook-Kalender”

  1. Edwin Ederle (Mittwoch, der 28. Mai 2008)

    Auch ich spüre das “Es ist fast unmöglich, sich zu verweigern.” – zum Glück mit
    dem Wörtchen fast.
    Auf die Frage “Warum?” bekommt man – wie so oft – keine befriedigende
    Antwort. Einen Bedarf für das Offenlegen des Kalenders konnte mir bisher
    niemand darlegen. Aber “es machen ja alle”, “die Möglichkeiten der neuen
    Technologien muss man ja nutzen” (Warum?) und “es ist doch so
    praktisch”(wofür?).
    Ich bin gerade meinen Kalender durchgegangen und stelle fest, dass es
    eigentlich nichts gäbe, was nicht jeder sehen dürfte. Gerade weil ich zu
    faul bin, lange Einträge zu schreiben (oder weil ich Einträge auf einer
    benutzerfeindlichen Handytastatur schreibe) ist vieles so kryptisch, dass
    ich es selbst kaum verstehe.

    Was mich aber massiv stört: Ein Offenlegen meines Kalenders würde mich
    wahrscheinlich zwingen, meinen Arbeitsstil zu ändern. Wenn es anderen nicht
    nur darum geht, ihre Neugierde zu befriedigen (dann sollten sie mich fragen
    – in einem für beide Seiten anregendem Gespräch kann man doch so viel mehr
    erfahren), sondern einen Überblick über meine verfügbare Zeit oder über das,
    was ich tue zu bekommen, müsste ich mein Arbeitsverhalten deutlich ändern.
    Muss ich in meinen Kalender eintragen, wenn ich mal 2 Stunden über etwas
    nachdenken will? Bisher gibt es einige Termine, die ich nicht aufschreibe,
    weil ich weiß, dass ich sie nicht vergesse, oder weil sie eine Bedeutung
    haben, die sie jenseits eines Kalendereintrags heben (Ich möchte den
    Geburtstag meiner Frau nicht eintragen müssen) – trotzdem sind das Termine,
    die wichtig sind und wo ich keine Zeit habe.
    Also ist mein Kalender, in der ganz persönlichen Weise, wie ich ihn benutze
    nur für mich nützlich und für andere unbrauchbar.
    Niemand könnte sich darauf verlassen, dass ich zu einer Zeit, wo kein
    Kalendereintrag vorhanden ist, Zeit für ein Meeting habe. Vielleicht will
    ich ja in dieser Zeit nur nachdenken – außerdem halte ich den Zwang, einen
    Meetingtermin abstimmen zu müssen für sehr heilsam, weil man sich auch dafür
    rechtfertigen muss, Zeit vom anderen zu erbitten – und es gibt viele
    Meetings, die absolut überflüssig sind. Je einfacher es ist, Leute
    einzuladen, um so mehr und umso größere dieser nutzlosen Meetings entstehen.

Kommentar verfassen

*