Roland Dürre
Freitag, der 4. September 2009

Unternehmertagebuch #23 – Wir alle sind Unternehmer!

Wer ist denn alles Unternehmer?

Bus von Athen (mit Sophie)Die Gattung Mensch ist soweit mir bekannt die einzige Gattung, die sich selbst domestiziert. Und sich selbst behütet und verhütet wie keine zweite.

Wir halten uns selbst nicht mehr artgerecht und machen uns körperlich und geistig unfrei. Wir sind die einzige Gattung, die sich freiwillig in physische und psychische Käfige sperrt und sich auch noch vormacht, sich im vermeintlich goldenen Käfig wohl zu fühlen.

Wir verdrängen unsere Natur, Krankheiten und den Tod. Wir wollen die hundertprozentige Sicherheit. Und meinen, sie durch Technologien und soziale Versicherungssysteme schaffen zu können. Das Wissen über unsere Machtlosigkeit ist uns aber geblieben, umso mehr scheuen wir das Risiko.

Oft habe ich den Eindruck, dass die Evolution in den letzten 100 Jahren bei uns Menschen das Unternehmer-Gen verkümmern lassen hat.

Bei meinen Vorträgen vor Studenten frage ich gelegentlich, wer eine Beamten-, Angestellten- oder oder Unternehmerlaufbahn einschlagen will. Die meisten der Zuhörer wollen Angestellte bei einem Großunternehmen oder auch einem mittelständischen Unternehmen werden. Ich habe aber auch schon erlebt, dass die meisten der anwesenden Studenten Beamte werden wollten. Das lag wohl an der Region. Die Studenten, die Unternehmer werden wollten, waren immer eine ganz kleine Minderheit.

Der Bus nach AthenBeamter werden wollen, das verstehe ich. Feudalismus gibt es schon sehr lange und war immer ein lockendes Ziel. Allerdings war es früher nur für wenige erreichbar, es scheint auch in Zukunft wieder schwieriger zu werden.

Das Erwerbsmodell des Angestellten gibt es noch nicht so lange, und es könnte gut sein, dass es bald wieder verschwindet. Und in den Zeiten, als man noch weniger mit Worten beschönigte, hießen die Angestellten noch Arbeiter.

Aber warum will keiner Unternehmer werden? Und was bedeutet es, „etwas zu unternehmen“?

Ich versuche mal „Unternehmer“ zu definieren:
Ein Unternehmer fällt eine freiwillige und bewusste Entscheidung von einer hohen Relevanz, die nicht im üblichen Rahmen unserer aktuellen sozio-kulturellen Normalität liegt. Dann macht er sich bewusst auf seinen selbst bestimmten und in der eigenen Abschätzung mit Risiko behafteten Weg.

Aber nicht nur Menschen, die ein Wirtschafts-Unternehmen gründen, sind Unternehmer:

Vor ein paar Generationen war es ein normale Aktivität, mit einem Fahrrad nach Italien oder mit einem Kajak die Donau bis zur Mündung zu fahren. Wer heute so etwas macht, startet eine Unternehmung und wird von seiner Umgebung mit einer Mischung von Skepsis und Bewunderung betrachtet.

Wenn ein Paar (oder gar eine alleinstehende Frau  beschließt), eine Familie zu gründen, ist das eine mutige unternehmerische Entscheidung.

Wenn jemand einen Verein oder einen sozialen Zweck ehrenamtlich nach vorne bringt, ist er ein Unternehmer.

Der Angestellte, der seinen (sicheren?) Job kündigt und freiberuflich Aufträge sucht, ist ein Unternehmer.

Jeder Handwerker, Arzt oder Berater, der ein eigenes Geschäft eröffnet, um nicht mehr lohnabhängig arbeiten zu müssen, ist ein Unternehmer.

Ein Unternehmen aufzubauen, ist eine Sonderform des Unternehmertums. Das Ziel einer unabhängigen Einkommenssituation ergänzt sich mit dem Wunsch, eine wirtschaftliche oder technische Idee umzusetzen.

Jeder Tagelöhner, der Auftrag für Auftrag annimmt und abarbeitet, ist ein Unternehmer!

BusIm Prinzip ist jeder, der sein Leben und seinen Lebenserwerb in die eigene Hand nimmt, ein Unternehmer. Es geht immer um die Freiheit, einen eigenen Lebensentwurf autonom und eigenverantwortlich leben zu wollen, können und zu dürfen.

Wir alle werden wahrscheinlich wieder mehr Unternehmer werden müssen. Das „Unternehmer-Gen“ muss wieder gestärkt werden. Ich habe den Eindruck, dass die Evolution dies aber schon erkannt hat. Und dass die Menschen wieder zahlreicher werden, die bereit sind, ihr Leben eigenverantwortlich zu führen.

Beim Unternehmertum ist es wie bei der Arbeit. Es gibt ehrenamtliches und gewerbliches. Und gerade beim gewerblichen reicht es völlig aus, seinen Job in einer neuen Eigenverantwortlichkeit ordentlich zu machen. Es geht fast immer darum, die „kleinen“ Dinge besonders gut zu machen.

Auf die große unternehmerische Idee quasi als göttliche Eingebung zu hoffen, bringt nichts und verhindert Unternehmertum.

Aber man darf sich keiner falschen Illusion hingeben. Das Maß an Fremdsteuerung nimmt auch beim Unternehmer nicht ab, es ändert sich nur die Art der Fremdsteuerung.

Es lohnt trotzdem, sich auf die Reise zu begeben.

RMD

1 Kommentar zu “Unternehmertagebuch #23 – Wir alle sind Unternehmer!”

  1. Enno (Dienstag, der 8. September 2009)

    Moin moin,
    den Aspekt der Freiwilligkeit der Unternehmer möchte ich etwas einschränken. In letzter Zeit ist ein Großteil derjeniger, die ein Gewerbe anmelden, nur halbwegs freiwillig. Sie sehen sich durch die Not dazu gezwungen, unternehmerisch tätig zu werden, um aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen.

    Enno

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