Unternehmen, Strategie, Plan, Management, Ehrgeiz und manches mehr …

Ich fühle ich mich als Unternehmer. Als jemand, der Pläne schmiedet. Sich Ziele setzt. Den Ehrgeiz hat, etwas bewegen zu wollen. Der Strategien entwickelt und versucht, diese durch gutes Management zu realisieren.

Ich setze mich mit Metriken und Profiling auseinander. Bin auf der Suche, was  Führung eigentlich ist. Versuche zu lernen, wie man  Klarheit im Unternehmen (und für sich selbst) schaffen kann. Arbeite daran, das richtige Maß an Organisation und Prozessen zu definieren. Lote aus, welches Maß an Selbstorganisation fürs Unternehmen gut ist.

Was in diesem Zusammenhang ein Begriff wie Subsidiarität bedeutet. Und wie wichtig für ein Unternehmen Werte und Kultur sind. Was öko-soziale Systeme und ihre Stakeholder sind. Und versuche, meine Abneigung gegen Shareholder value zu verstehen.

All diese Dinge und noch manches mehr bewegt mich. Und wenn ich mit anderen Unternehmern über solche Themen reflektiere, merke ich, was für ein lebendiges, komplexes und facettenreiches Wesen so ein Unternehmen ist. Und wie schwer es ist, das alles in betriebswirtschaftlichen Theorien zu erfassen.

Heute möchte ich so einen Satz diskutieren, der auch so von meinem betriebswirtschaftlichen „Überich“ stammt:

Die Planung sollte ehrgeizig sein!

Und den ich nicht mehr so ernst nehme, wie früher mal. Am Beispiel einer Radtour versuche ich aufzuzeigen, dass eindimensionales Planen nicht glücklich macht, mehrdimensionales Planen aber unmöglich ist. Und der Ehrgeiz sich halt in der Regel auf die Dimension der Zahlen beschränkt.

Zur Radtour:

In 2010 in den Pfingstferien wollte ich gemeinsam mit Barbara den „Donauradweg“ vollenden. Wir waren schon die ganze Strecke vom Ursprung der Donau bis nach Budapest gefahren. Manche Etappen wie Passau-Wien schon mehrfach. Die Strecke von Budapest ans Schwarze Meer nach Constanța war noch zu fahren.

Wir wollten also etwas unternehmen. Schon auf die Idee für diese Unternehmung kamen wir durch Zufall. An einem Samstag noch in den Weihnachtsferien war ich mit Barbara beim Hugendubel am Marienplatz und wollte mir den Schwarzen Schwan von Nassim Nicholas Taleb besorgen. Ein Freund hatte mich auf dieses Werk aufmerksam gemacht.

Während ich in der Management-Abteilung nach dem „Schwarzen Schwan“ suche, da schlägt er zu. Die Barbara findet in einer anderen Abteilung einen wieder neu erschienenen Fahrradführer zum Donauradweg, Abschnitt Budapest – Constanța. Die Reise mit dem Rad durch den Balkan ist nach den Kriegsjahren wieder möglich – und wir beschlossen spontan zu fahren.

Wir finden hier eine weitere Parallele zur Gründung von Unternehmen. Gerade erfolgreiche Gründungen sind oft erstaunlichen Zufällen zu verdanken.

Für unsere Tour gaben wir uns insgesamt zwei Wochen Zeit. Freunde, denen wir unseren Plan berichteten, sagten: Das ist aber ehrgeizig.

Ich fand die 2 Wochen nicht ehrgeizig. Ehrgeizig war vielleicht, dass ich die Tour von Budapest bis Constanța ohne Hilfsmittel machen wollte, also ohne Transport mit öffentlichen Verkehrsmitteln außer mit den Fähren, mit denen man gelegentlich das Ufer der Donau wechselt.

Ehrgeizig war auch, die An- und Abreise mit der Bahn durchführen zu wollen. Das gelang auch nur auf der Hinfahrt (und war mühsam genug). Denn der Nachtzug von München nach Budapest und Bukarest nimmt keine Fahrräder mit – und kam deshalb für uns nicht in Frage.

Und die Strecke von Constanța über Bukarest und Budapest nach München mit Bummelzügen und mehrfachem Umsteigen zu bewältigen dauert lange und überforderte unseren Idealismus. So flogen wir rückwärts von Constanța über Timișoara nach München.

Das Schlimme ist, dass das Wort Ehrgeiz sich schnell auf eine Dimension beschränkt. Bei der Radtour denkt jeder zuerst mal an die Anzahl der Gesamtkilometer und die Länge der Tagesetappen. Wie man beim Unternehmen ja zuerst mal an Umsatz, Ergebnis und vielleicht noch an die Mitarbeiteranzahl denkt.

Aber beides ist nach meiner Meinung sowohl für das Gelingen der Radtour wie des Lebenszyklus eines Unternehmens sekundär. Wenn die Machbarkeit geprüft ist, muss nicht mehr ehrgeizig geplant werden. Wenn das Unternehmen funktioniert, ergibt sich vieles von selbst.

Hier ein paar Dimensionen und Kriterien, die für das Gelingen einer Radtour notwendig sind. Den Leser bitte ich, zu überlegen, welche Entsprechungen es in einem gelingenden Unternehmen geben könnte? Und in welche Metriken man diese packen könnte?

Kategorien für eine gelingende Radtour:

  • Zielerreichung, Gesamtkilometer/Tageskilometer,
  • Gute Übernachtungen in schönen Hotels,
  • Köstliches Essen in guten Restaurants,
  • Beeindruckende Landschaft, Naturschauspiele
  • Besuch von historischen Stätten oder Museen,
  • Menschliche Kontakte mit den Menschen in den befahrenen Ländern (Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien)
  • Anzahl der Tunnels, die man fahren bzw. nicht fahren will.
  • Gesunde und fitte Rückkunft!
  • Besondere Erlebnisse.

Wir waren 11 Tage ohne An- und Rückreise unterwegs. Einen freien Tag am Schluss in einem Luxushotel haben wir auch geschafft. Der Rest war wunderbar. Wir haben vieles erfahren und schönes erlebt – besonders in den Kategorien jenseits der Kilometer. Und sind gesund und um viele neue Eindrücke reicher am Ziel angekommen. Und waren rundum zufrieden.

Wenn wir aber analog zur BWL-Lehre vorgegangen wären, hätten wir vorher für jeden Kategorie eine Zielzahl festlegen müssen, die dann täglich kontrolliert worden wäre. Und unsere Radtour hätte bei Planerfüllung oder -übererfüllung nach Gewichtung der Kategorien im Schnitt gerechnet als gelungen oder misslungen bezeichnet werden können.

Aber wie soll man diese Dimensionen einer Radtour vorher planen? Schon die Übernachtungsorte sind nicht planbar. Zu schwierig ist es, in fremden Ländern bei unbekannten Wegen den möglichen Fortschritt abzuschätzen. Dies, obwohl die Komplexität einer Radtour eher beschränkt ist und es Karten, Literatur und Reiseberichte mit Tipps und Hinweisen im Internet gibt; die Voraussetzungen für eine vernünftige Planung also gegeben wären. Und trotz dieser vermeintlichen Berechenbarkeit müssen wesentliche Entscheidungen Tag für Tag gefällt werden.

Ein Unternehmer hat es nicht so leicht. Er muss für die Zukunft planen – und da gibt es leider keine Karten und Internetberichte. Und ein Unternehmen als Gemeinschaft und von Menschen gebildetes öko-soziales System ist beliebig viel komplizierter als eine Radtour. Und wenn man schon bei einer Radtour die trivialen Erfolgskriterien kaum als sinnvolle Ziele definieren und planen kann, ohne sich den Spaß an der Tour schon von vorne herein zu verderben, wie soll man dann dies für ein Unternehmen können?

Auch ein Unternehmen muss sich seinen Weg erfahren, wie der Radler in der ihm fremden Welt. Es muss die Erfahrungen verarbeiten und versuchen die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Wie das Management lernen muss die richtigen Entscheidungen zu fällen und die angesagten Maßnahmen einzuleiten, dies alles immer unter maximaler Unsicherheit.

Und wir haben in der Betriebswirtschaft noch vor wenigen Jahren ernsthaft gelernt, dass 5-Jahres-Pläne notwendig und sinnvoll seien.

Mit meinem Beispiel wollte ich zeigen, dass für eine Radtour im kleinen dasselbe gilt wie für ein Unternehmen im großen: Der Radfahrer und der Unternehmer werden nur zufrieden und erfolgreich am Ziel ankommen, wenn sie die Tour klug vorbereiten und auf dem Wege immer lernen und angemessen agieren.

Unternehmen ist dies besonders wichtig. Die Stakeholder des Unternehmens sind Menschen. Die wichtigsten Stakeholder sind die Mitarbeiter und die Kunden.

Die Mitarbeiter werden nur erfolgreich und die Kunden nur zufrieden sein, wenn es gelingt, den vielen multidimensionalen Erfolgskategorien einer hoch komplexen Marktsituation, die zudem in einem permanenten Wandel ist, gerecht zu werden.

Da gibt es viele, die eine wichtige Rolle spielen, die man aber in ihrer Gänze rational gar nicht erfassen kann, vielleicht dieser sich nicht einmal bewusst ist. Und deshalb sollte man sich vielleicht beim Ehrgeiz in der Planung der Zahlen zurück nehmen und dafür den Ehrgeiz mehr auf die Entwicklung von Unternehmenswerten und -kultur legen.

Also:

Lieber die Zahlen weniger ehrgeizig planen und sich Luft für andere auch ehrgeizige Ziele lassen!

Das alles nur als Fabel und Fibel zum Nachdenken. Beim Versuch, das Denken von gestern durch Denken von morgen ersetzen. Die letzten Jahre hat sich viel geändert und der Wandel geht weiter. Oder wie man sagt: Die Karawane zieht weiter.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuches findet man in der Drehscheibe!

2 Kommentare zu “Unternehmertagebuch #45 – „Planen&Ehrgeiz“ oder „Was hat eine Radtour mit einem Unternehmen gemein?“”

  1. Chris Wood (Montag, der 25. Oktober 2010)

    Dear Roland, I’m sorry to hear about this condition of yours. I did not realise it was so bad. I shall try to comment more kindly in future. And I give you 5 stars for the description of symptoms.

  2. rd (Montag, der 25. Oktober 2010)

    @Chris Thanks!

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