Roland Dürre
Mittwoch, der 18. Juli 2012

Unternehmertagebuch #82 – Was ist das eigentlich, Strategie?

Jetzt bin ich doch schon viele Jahre „Unternehmer“. Und stand die ganze Zeit mit dem Begriff der „Strategie“ und der von einem Unternehmer erwarteten „Strategischem Denke“ irgendwie „auf Kriegsfuß“.

In den zahlreichen Strategie-Meetings, an denen ich teilgenommen (und die ich zum Teil selbst angeordnet hatte) wollten und sollten wir die Zukunft in den Griff bekommen. Vorausschauend wollten wir herausfinden, was der Markt in Zukunft haben will. Welche Technologien sich durchsetzen würden. Wie zum Beispiel das Internet, das mich völlig überrascht hat. Und das übrigens von niemanden vorher gesagt wurde.

Und immer waren wir auf der Suche nach neuen Ideen, ja gar nach Visionen. Damit das Unternehmen auch in Zukunft erfolgreich wäre. Wohl wissend, dass Visionen nicht weit weg von Illusionen oder Halluzinationen sind.

Mein Unternehmer-Über-Ich hat immer wieder von mir erwartet, dass ich eine „gute Strategie“ mache. Und ich fühlte mich verpflichtet, etwas zu machen, das ich nicht konnte:

Nämlich Annahmen über die Zukunft zu treffen und dann aus diesen Annahmen die richtigen Schlüsse zu ziehen.

🙂 Aber die Zukunft liegt halt in der Zukunft, und es ist schwierig (unmöglich?), sich ergebende Entwicklungen vorherzusagen, besonders wenn diese in der Zukunft liegen. Da braucht es gar keine disruptiven Ereignisse.

Annahmen über die Zukunft sind eher falsch als richtig. Jetzt weiß ich zwar aus der Logik, dass man auch aus falschen Annahmen durchaus auf richtige Ergebnisse kommen kann. Besonders wenn Aussage und Schluss falsch sind, kann etwas richtiges raus kommen. Mit Glück gewinnt man so auch eine Wette auf die Zukunft. Nur ist das halt keines falls zwingend und mir erschien dieses Vorgehen immer als unseriös.

Und so war mein Unwohl sein in den Strategie-Meetings immer groß. Trotzdem kam oft Vernünftiges heraus, aber nicht, weil wir unser Ziel erreicht und eine Vision entwickelt, sondern weil wir in intensiver Diskussion Probleme entdeckt hatten. Die zu lösen, das hat uns tatsächlich geholfen.

Beim letzten RISE-Treffen in Zürich habe ich dann eine für mich neue Definition und Interpretation von Strategie durch Dr. Simon Grand erfahren, die mich aufhören ließ. Strategie ist:

„How an organization moves forward“.

Das würde ich so übersetzen:

„Wie sich eine Organisation vorwärts bewegt“.

Sie ist wohl von Richard Rumelt und auch schon ein paar Jahrzehnte alt.

Mir gefällt diese Definition, weil sie drei wesentliche Elemente enthält:

  • Organisation (organization)
    Organisation ist etwas „Kollektives“.
  • Bewegen (moves)
    Bewegung impliziert Prozesse, die stattfinden und geändert werden können oder sogar müssen.
  • Vorwärts
    Vorwärts zeigt, dass es Unsicherheit gibt, denn es geht um die Zukunft.

Folge ich dieser Definition, erschließt sich mir eine völlig neue Bedeutung von Strategie. Es geht um die Routinen, Rituale, Symbole und um die Verhaltensmuster im Unternehmen. Die gilt es zu überprüfen. Passen Sie noch? Oder sind sie überholt? Wie kann man sie verändern, ohne das Unternehmen zu beschädigen? Wie muss man sie verändern, um das Unternehmen zu stärken?

Es geht jetzt um die Veränderung der „Unternehmenswelt“ und der dort eingesetzten Werkzeuge und Methoden. Um Verhaltensmuster, wie man die Dinge im Unternehmen tut. Um die Erfolgsrezepte, die die Mitarbeiter intern wie extern anwenden.

Und schon finde ich eine Methode, wie ich „Strategie machen“ kann!

Ich suche die Probleme, die in der Organisation des „sozialen Systems Unternehmen“ vorhanden sein könnten. Das ist schon ganz für sich alleine eine sehr kreative Herausforderung. Und wenn ich die wirklichen Probleme erst Mal gefunden habe, dann kann bin ich schon mal auf einem guten Wege und kann eine „Konkrete Strategie“ entwickeln, was ich in der Unternehmenswelt zu verändern versuchen sollte.

Die Definition impliziert aber auch, dass „Führung kollektiv abgestützt“ werden muss. Jetzt verstehe ich junge und freche Unternehmer, die „stolz darauf sind, keine Strategie zu haben“. Und deren Unternehmen trotzdem von Innovation nur so strotzen. Innovation könnte ja Invention plus Durchsetzung sein – und braucht es dafür eigentlich eine Strategie?

Strategie ist kein Hexenwerk, das einsame Helden im stillen Kämmerchen erfinden, beschließen und dann verkünden müssen. Strategie ist die kollektive Veränderung eines Unternehmens, um die (Über-)Lebensfähigkeit des Unternehmens zu bewahren und erhöhen.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

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