Roland Dürre
Freitag, der 18. April 2014

Unternehmertagebuch #98 – Die Ökonomisierung des Lebens

Alles unterliegt der Ökonomisierung.

Aber warum denn nur? Der Versuch einer Erklärung.

Unternehmen sind soziale Systeme. Von anderen Systemen kann man sie abgrenzen, weil sie einen ökonomischen Zweck haben. Unternehmen neigen wie alle soziale Systeme dazu, sich nicht zu Gunsten der Kunden und Mitarbeiter sondern vor allem zum eigenen Vorteil und Nutzen zu entwickeln. Dies führt nur zu oft zur „Entpersonalisierung“ des Systems inklusive der „Entmenschlichung“ seiner Interaktionen.

Langfristig wird eine solche Entwicklung natürlich mehr schaden als nutzen. Das wird aber gerne vergessen, denn kurzfristiges Denken ist angesagt. Das nächste Quartal zählt – und was danach kommt spielt zuerst mal keine Rolle.

Wieso passiert das in sozialen Systemen?

Jedes soziale Systemen kreiert sich sein eigenes Kollektiv-Konstrukt, so wie Menschen sich ihre individuellen Konstrukte schaffen. Dieses bestimmt die Werte des sozialen Systems und verteidigt es gegen Angriffe von innen und außen. Die (kollektive) Moral ist ein Beispiel für ein typisches Ergebnis solcher kollektiven Konstrukt-Bildung.

Menschen müssen sich von personalen und kollektiven Zwängen befreien, um ihr Leben in seinen vielen möglichen Dimensionen entfalten zu können. Oft steht hier die Moral des Systems als sehr massives Konstrukt im Wege. Es gibt ein „man“, das allen vorschreibt, was zu tun ist: „Man tut das nicht“ oder „Man macht das so und nicht anders“.

So entsteht ein ideologisches System. Die Herrschaft eines kollektiv konstruierten Ideen- und Werte-Systems nimmt drastisch überhand. Und die Kollektiv-Konstrukte entwickeln sich weiter – aber immer mit dem Zweck, vor allem dem System zu nutzen! Am Ende dieser Entwicklung steht meistens, dass das höchste Ziel des Systems das eigene Überleben ist, dem alle anderen Belange radikal untergeordnet werden. Und das führt dann zu „faschistischen“ Strukturen. Die mir persönlich immer große Angst machen.

Das hat natürlich ganz typische Folgen:

Die Menschen im System werden bequem. Sie werden zum Opfer ihrer materiellen Abhängigkeit. Es entsteht ein – oft trügerisches – Gefühl von Geborgenheit. Dies begründet Verlustängste und erhöht die Abhängigkeit vom System. So entsteht ein verhängnisvoller Kreislauf, der zu Feigheit und Unselbstständigkeit führt, den Bürgermut und konstruktiven Ungehorsam aber immer schwieriger macht.

Die systemische Komplexität der Begriffswelt des Unternehmens wird parallel von den Systemagenten bewusst oder unbewusst semantisch entleert. Die Werte werden simplifiziert, das vorhandene Wertesystem dem ökonomischen Nutzen unterworfen. Gleichzeitig erfolgt eine immer stärker emotionale Besetzung aller Begriffe und Werte.

Die Demagogie der Systemagenten findet aufbauend auf einer solchen Veränderung leicht die „richtigen“ Argumente, die klar machen, dass es jetzt vor allem ums System geht – und die Belange der Menschen da keine Rolle mehr spielen dürfen. Vielleicht kann man das die „verführte Vernunft“ nennen und vielleicht ist diese das Problem unserer Gesellschaft und Zeit? Denn diese „verführte Vernunft“ lässt zu leicht vergessen, dass Gerechtigkeit auch mit Fairness auf Augenhöhe zu tun hat, wie alles andere was menschlich ist. Weil sie zu einer „Alternativlosigkeit“ führt?

Systemische Konstruktbildung bewirkt, dass das soziale System „Unternehmen“ genauso wie viele anderen zum Selbstzweck wird. Die wichtige Regel, dass Menschen – ob Kunden, Mitarbeiter oder sonstige „Stakeholder“ – nicht für das Unternehmen, sondern das Unternehmen für diese da ist, spielt da dann natürlich keine Rolle mehr!

Was kann man dagegen tun?

Wir dürfen uns an „unsere Systeme“ nicht total hingeben und zu einem Teil von uns selbst machen (Inkorporation). Auch müssen wir uns davor bewahren, dass wir zwischen unreflektierter Begeisterung und dann wieder Enttäuschung schwanken (Introjektion). Nein, wir sollten uns um eine gesunde Identifikation zu unseren Systemen bemühen. Das bedeutet Loyalität mit ethischer Kontrolle zu paaren, Interaktionen im und zum System unter eine bewusste Güterabwägung zu stellen und die Bereitschaft zum Widerstand und Zivilcourage aufzubringen. Bleibt noch die Frage:

Wie kann man sich eine solche „Immunität gegen systematische Zwänge“ antrainieren?

Ein guter Freund und Mentor hat mir mal empfohlen:
Prüfe Dich jeden Tag! Welche Deiner Handlungen haben an diesem Tag Leben in seinen vielen Dimensionen eher gemehrt denn gemindert? Indem Du z.B. andere Menschen größer gemacht hast? Oder hast andere Menschen kleiner gemacht?
Ist Dir klar, dass Du „interessierte Quellen“ nutzt? Denn auch die kleinen und großen Systeme konstruieren ihre Geschichten. So schaffen sie mit Geschichte Wirklichkeiten. So wollen die Mächtigen ihre Herrschaft festigen und nutzen die Mythen und Geschichten der Ideologie.
Also all die Wahrheiten und Selbstverständlichkeiten kritisch hinterfragen.

Und immer daran denken: Systeme, die Menschen kleiner machen, sind genauso schlimm wie Menschen, die andere Menschen kleiner machen. Gerade „Führungskräfte“ sollte es auszeichnen, dass sie in der Lage sind, die Menschen in ihrer Umgebung größer zu machen. Und so sollten auch die sozialen Systeme dafür da sein, „ihre“ Menschen größer und nicht kleiner zu machen.

RMD

P.S.
Der gute Ratgeber am Ende des Artikels war Rupert Lay. Die von mir in diesem Artikel dar gelegten Gedanken sind beeinflußt von dem, was ich von und mit Rupert gelernt und erarbeitet habe.

P.S.1
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

1 Kommentar zu “Unternehmertagebuch #98 – Die Ökonomisierung des Lebens”

  1. Chris Wood (Dienstag, der 22. April 2014)

    Why try to make people bigger? Christ said „Blessed are the humble“ and „blessed are the meek“, in the Sermon on the Mount.

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