Roland Dürre
Freitag, der 6. März 2009

Unternehmertum ganz anders

Da ich als Mentor bei Manage&More mitwirke, durfte ich am 4. März wieder beim Forum UnternehmerTUM 2009 – „Chancen erkennen“ dabei sein. Die Veranstaltung fand in der BMW-Welt statt, die ich das erste Mal sehen durfte. Dank Holger (vielen Dank an Holger) konnte ich vor der Veranstaltung sogar noch an einer Führung hinter den Kulissen teilnehmen. Ich war zutiefst beeindruckt, so ein tolles Gebäude nicht zuletzt mit so aufwändiger Veranstaltungstechnik hatte ich noch nie gesehen. Wenn ein Unternehmen sich so etwas leisten kann, dann muss es diesem schon sehr gut gehen, sollte man meinen.

Auch das Programm war von hoher Qualität. Für mich war die Einblendung von kurzen Filmen Antworten von Studentinnen und Studenten der TUM auf Fragen zum Thema „Unternehmertum“ ein echtes Highlight. Die Studenten gaben immer sehr wichtige und konstruktive Antworten. Nur eines hat mich irritiert. Im letzten Beitrag wurde die Frage beantwortet, ob die Studenten sich vorstellen könnten, selber ein Unternehmen zu gründen. Die meisten haben mit „ja“ geantwortet, aber leider sehr oft mit einer Einschränkung: „Ich könnte mir das sehr wohl vorstellen, wenn ich denn die geniale Idee hätte“. Und ein wenig fürchte ich, dass manch gut gemeinte Förderung von Unternehmertum das Entstehen eines solchen Gedankenganges fördert.

Und da sage ich STOPP! Das ist kontraproduktiv, da entsteht ein ganz falsches Bild von Unternehmertum. Ich kenne persönlich keine (!) Unternehmer, die mit einer genialen Idee erfolgreich waren. Im Gegenteil: die meisten mit den „genialen Ideen“ gingen Hopps. Und viele haben die „geniale Idee“ ganz schnell vergessen (müssen) und plötzlich ihr Geschäft schlicht dem Markt angepasst und sind so erfolgreich geworden.

Unternehmer sein, heißt unter anderem, sein Handwerk zu beherrschen. Natürlich benötigt auch ein Unternehmer lösungsorientierten Ideenreichtum und Kreativität – und das täglich. Das hat aber nichts mit der genialen Idee zu tun, auf die man leicht sein ganzes Leben warten und dann in der Rente weiter träumen kann.

Ich habe eine andere Sicht auf Unternehmertum. Für mich sind Unternehmer: Juristen, Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer, die eine Kanzlei eröffnen, jeder Arzt, der eine Praxis aufmacht, jeder Handwerker, der ein Geschäft eröffnet, jede Hausfrau, die eine Boutique startet, Ingenieure und Informatiker, die freiberuflich arbeiten, der Landwirt an sich und viele mehr.

Glaubt mir, Unternehmer sind nicht die, die mit genialen Ideen reich werden. Das sind die großen und seltenen Ausnahmen, oft auch sehr vom Glück begünstigt. Wenn man diesem Ideal nachläuft, dann ist das so legitim wie man auch davon träumen darf, erfolgreich wie Boris Becker, Michael Schumacher, Heid Klum oder Claudia Schiffers zu werden, aber auch genauso unwahrscheinlich.

Ich sehe aber noch viel mehr Unternehmertum im Lande: Menschen, die ehrenamtlich einen Sportverein lenken oder kleine Organisationen zur Nachbarschaftshilfe oder Unterstützung notleidender Menschen aufbauen. Das sind für mich Unternehmer, die übrigens mit ihrer Arbeit und ihren Organisationen oft eine ganz wesentliche (und oft leider gar nicht wahrgenommene) Wertschöpfung schaffen.

Und jedes Paar und jede Frau, die sich trauen Kinder zu kriegen und damit Neuland betreten, so etwas besonderes aufbauen und dabei ernst zu nehmende Zukunftsrisiken in Kauf nehmen, haben für mich eine ganz besondere Wertschätzung als wirkliche Unternehmer.

RMD

Und vielleicht noch ein Satz: Unternehmer sein heißt vor allem: Eins zu sein in der Arbeit wie in der Freizeit. Das Leben besteht nicht aus Arbeit und Freizeit, man lebt und unternimmt das Leben mit ganzem Herzen und es gibt nur ein Leben!

4 Kommentare zu “Unternehmertum ganz anders”

  1. Prof. Florian Matthes (Freitag, der 6. März 2009)

    Ihrem STOPP kann ich mich voll und ganz anschliessen. Das ist auch der Grund,warum ich das Seminar „Gründung und Führung kleiner softwareorientiereter Unternehmen“ an der Fakultät für Informatik anbiete.

  2. Christof Stierlen (Sonntag, der 8. März 2009)

    Das STOPP trifft es gut – eine Grundidee ist zwar wichtig, wird aber nur durch Pragmatismus umgesetzt.

  3. Gunda Opitz (Dienstag, der 19. Mai 2009)

    Sehr geehrter Herr Dürre,

    nur zur Klärung: die Studenten aus der Umfrage waren zufällig ausgewählt und spiegeln den TUM-Durchschnitt wider. Die Antwort “Ich könnte mir das sehr wohl vorstellen, wenn ich denn die geniale Idee hätte” zeigt doch einfach nur, dass bei vielen Studenten das Missverständnis und das Vorurteil vorherrscht, für eine erfolgreiche Gründung braucht man zuallererst eine geniale Idee! Ich kann hier keinen Zusammenhang sehen zwischen Förderung von Unternehmertum und diesem Gedankengang. Im Gegenteil, die Antwort zeigt doch, dass junge Menschen in der Regel nicht wissen, welche Voraussetzungen und Anforderungen für eine erfolgreiche Unternehmensgründung notwendig sind. Ich bin der Meinung, dass lässt sich nur ändern, wenn Studenten frühzeitig lernen und erleben was unternehmerisches Denken und Handeln wirklich heißt.

  4. rd (Dienstag, der 19. Mai 2009)

    Liebe Frau Opitz,

    vielen Dank für Ihren Beitrag. Ihren Gedanken stimme ich völlig zu.

    Ich glaube auch, dass die Antworten der Studenten zwar kein repräsentatives Bild ergeben, aber eine Tendenz aufzeigen: Die Mehrheit geht davon aus, dass die Gründung eines Unternehmens einer „genialen“ Idee bedarf.

    Umso wichtiger ist es, jungen Menschen zu vermitteln, dass Unternehmer sein heißt, sein Leben eigenverantwortlich leben zu wollen. Und dass Unternehmertum die Bereitschaft erfordert, Überlegungen und Ideen umzusetzen. Und dass das auch ganz kleine und bürgerliche Ideen sein dürfen, wahrscheinlich sogar müssen.

    Die wirklich geniale Geschäftsidee gibt es nur ganz selten, und dann funktioniert sie meistens nicht. Das zu erklären, bin ich gerne bereit, mitzuhelfen.

Kommentar verfassen

*