Roland Dürre
Montag, der 5. September 2011

UTB Griechenland 2011 #7 (Reisetagebuch) Rückblick

Leben und leben lassen in Griechenland

Jetzt bin ich wieder auf der Cruise Europa der MINOAN. Wir sind auf der Rückfahrt nach Ancona. Die Abfahrt in Patras war pünktlich um 17:30. Im Gegensatz zur Hinreise war ein Zwischenstop mit Abfahrt kurz vor Mitternacht in Igouminitsa geplant. Von dort geht es weiter direkt nach Ancona mit Planankunft um 14:00 (nach griechischer Zeit 15:00).

Bei der Buchung schon vor ein paar Monaten konnten wir für die Rückfahrt keine Kabine reservieren. Unsere Hoffnung war, dass wir beim Check-In in Patras noch eine bekommen würden. Die hat sich aber nicht erfüllt. Keine Chance – alles war komplett ausgebucht.

Also haben wir unsere Planung auf die Variante „Deck-Passage“ umgestellt und aus dem VW-Bus tief unten im Schiff unsere Liegen, Isomatten und Schlafsäcke mitgenommen. Und unser kleines Zelt.

In Patras war das Schiff noch richtig leer. Wir waren ganz schnell an Bord und konnten uns ein wunderschönes Plätzchen windgeschützt auf Deck 7 backbord sichern und dort unser „Wurfzelt“ auf bauen. Eine wunderschöne „Kabine mit Balkon“ und „ocean view“.

In Igouminitsa wurde das Schiff richtig voll. Die Menschen strömten in Massen ins Schiff. Angeblich kamen über  2.000 neue Passagiere dazu. Das Schiff legte wohl auf Grund dieses enormen Zustroms mit gut einer Stunde Verspätung nach Patras ab.

Wir sehen verschiedene Nationalitäten. Viele Großfamilien sind darunter. Überall liegen sie, im Freien, in den Treppenaufgängen. Jede Nische im Schiff ist jetzt besetzt. Einen wesentlichen Anteil machen die Menschen aus dem islamischen Kulturkreis aus.

Unser kleines Zelt bildet eine Insel in einem Meer von Menschen. Sie liegen um uns herum und schlafen auf dem Boden. Ganz einfach. Auf einer Wolldecke kuscheln sich große Familien zusammen. Sieht richtig sympathisch aus.

Wie leben diese Menschen so, was machen und fühlen sie? Was das Ziel ihrer Reise ist? Welche Hoffnungen und Wünsche haben sie und was davon werden sie umsetzen können? Und wie viel Träume werden sich auch hier nicht erfüllen.

Habe aber den Eindruck, dass alle Menschen, die hier um uns herum liegen, sehr tüchtig sind und eigentlich nur eines wollen: ausreichend Geld mit ihrer Arbeit zu verdienen um ein Leben in ein wenig Wohlstand führen.

Wegweiser zur einzigen Antiqutiät in Gythio

Und ich muss an das Land denken, dass ich für zwei Wochen wieder einmal so intensiv erleben durfte. An seine Bewohner. Im Verhältnis zu den Ländern, aus denen die meisten unserer Mitreisenden kommen dürften, leben die Griechen in einem Land des Wohlstands.

Aber manches verstehe ich nicht:

Ich bin mir jetzt zum Beispiel sicher, dass die Glasbierflaschen in Griechenland sind tatsächlich Pfandflaschen. 0,14 € ist der Pfandwert. Gar nicht wenig – verglichen mit der bauchigen Augustiner Flasche in der Heimat.

Nur, das scheint hier keiner zu wissen. Oder es interessiert keinen. Denn überall liegen sie herum. Zum Teil im Dutzend am Straßenrand – die Bierflaschen aus Glas.

Kein Mensch sammelt sie ein. Obwohl es hier auch recht viel arme Menschen gibt. Pfandflaschen sammeln ist in Griechenland nicht schick. Es ist aber auch schwierig. Die Rückgabe von Pfandflaschen ist unüblich. Die Kassiererin versteht das nicht. Die Pfandrückgabe erscheint irgendwie als politisch nicht korrekt. So etwas tut man nicht.

In Patras kurz vor der Abfahrt habe ich im großen Supermarkt EURO-SPAR ganz nah dem neuen Südhafen, von dem die großen Fährschiffe jetzt ins Mittelmeer stechen, sogar einen Flaschen-Rücknahme-Automat gesehen. Nur, ich habe keine einzige Nutzung des selbigen beobachten können.

Mit dem Müll konnte es ein bisschen besser geworden sein. Städte wie Gythio scheinen darauf zu achten, dass sie sauberer werden. Sogar das „ANCIENT THEATRE“ ist mittlerweile frei vom Müll. Auch die schöne lange Abfahrt ins Hafenstädtchen. Die Müllberge in der freien Natur scheinen tatsächlich langsamer zu wachsen.

Was die Fettleibigkeit betrifft, können die Griechen durchaus mit ihren europäischen und US-amerikanischen Zeitgenossen wett halten. Vielleicht sind sie da sogar mit einem Spitzenplatz dabei. Körperliche Bewegung scheint in diesem Land der natürliche Hauptfeind des Menschen zu sein.

Aber das ist ja nicht nur in Griechenland so. Auf unseren Radtouren bekommen wir oft Anerkennung und Sympathie zurück gemeldet. Die Autofahrer hupen uns an und strecken anerkennend den Daumen ihrer in der Regel mit einer brennenden Zigarette bewehrten Hand nach oben. Manche betrachten unser Treiben aber auch mit totalem Unverständnis.

Apropos Rauchen: In diesem Land scheint wirklich viel geraucht zu werden. Eigentlich fällt mir keiner unserer griechischen Freunde aus dem Urlaub ein, der nicht geraucht hat. Das gilt besonders für die Frauen. Sogar die schwangeren Frauen, die ich gesehen habe, haben geraucht. Da würde mich mal die medizinischen Statistiken interessieren.

Wie das ganze Land wirtschaftlich funktionieren soll, ist mir auch nicht klar. Ich war dieses Jahr nicht in Athen. Aber dass solche Megacities Probleme haben müssen und sicher nicht die Wachstumsträger einer Volkswirtschaft sein können, erscheint mir einsichtig.

Auf dem Land jedoch ist nichts los. Da kann auch nicht viel los sein. Von Mittelstand ist auch nichts zu sehen. Zwar sind die Supermärkte gut gefüllt. Die Nahrungsmittel wie Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch in der Regel von höchster Qualität. Aber sonst läuft da nichts. Ein paar kleine Bauern bieten ihre Waren am Straßenrand an und nähren sich redlich.

Das Land ist leer. Überwiegend leben alte Menschen in den kleinen Städtchen und Dörfern. Die „niedrigen“ Dienstleistungen werden in der Regel nicht von Griechen ausgeübt. Auch an unserem Zeltplatz haben Menschen aus Tunesien und Mazedonien geputzt. Die Müllsammler in Gythio waren auch mit Sicherheit keine Griechen.

Wenn man wirklich den „Allesheiler“ Tourismus bemühen würde, wäre das erste Problem wahrscheinlich, wo man die Arbeitskräfte her nimmt.

Den wesentlichen Unterschied zu den letzten Jahren habe ich leider bei der Heimfahrt zur Fähre feststellen müssen. Je näher ich Patras kam, desto „indischer“ wurden die Verhältnisse. An der Raststätte lauern dubiöse Verkäufer den Reisenden auf. Mit „You friend, special offer“ wird man auf dem Weg vom Auto zur Toilette verfolgt. An jeder Ampel stehen Bettler aller Altersklassen, glücklicherweise nicht so schrecklich verstümmelt wie in Indien.

Und bei fast jedem unfreiwilligen Halt im Verkehr muss man gegen eine weitere und völlig unsinnige Reinigung der Frontscheibe ankämpfen – meistens erfolglos. Irgendwie ist das die pervertierte Form von „Dienstleistungsgesellschaft“.

Und wenn ich in meinen Geldbeutel greife, fällt mir auf, wie labbrig die Geldscheine in diesem Land sind. Der €-Schein fasst sich hier in der Regel genauso an, wie in Indien die zerschliessenen Rupi-Scheine.

Bei der Abfahrt des Schiffes aus Patras braut sich ein Gewitter zusammen. Ich fotografiere die dunklen Wolken über Patras. Kann gut sein, dass sie auch symbolischen Charakter haben.

RMD

P.S.
In Ancona kamen wir dann mit einer Stunde Verspätung gegen 15:00 an. Das Ausladen war mühsam und chaotisch wie selten. Die abfließenden Autos kreuzten sich direkt an der Ausladerampe mit der Zuführung zu einem anderen Schiff. So kam der VW-Bus erst um 16:30 raus. Dann Stau in Ancona und Stau auf der gesamten Autobahn nach Bologna. So waren wir in Bologna erst zu einer Zeit, in der ich eigentlich zu Hause im Bett liegen wollte. Dann brach auch noch eine der Federn an unserem Bus.

Der ist aber brav weitergefahren, wie auch unsere Fahrer, die sich regelmäßig ablösten – und so kam ich dann um 4:00 heute früh müde aber zufrieden wieder Hause an.

Zum Schiff: Die CRUISE EUROPA, auf der wir gefahren sind, ist 2009 gebaut worden. Dafür war es in einem erstaunlich schlechten Zustand. Glaube nicht, dass es so lange hält wie die völlig desolate aber ziemlich alte Clodia von tirrenia, auf der wir dieses Jahr zu Ostern von Cagliari nach Civitavecchio gefahren sind.

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4 Kommentare zu “UTB Griechenland 2011 #7 (Reisetagebuch) Rückblick”

  1. Chris Wood (Montag, der 5. September 2011)

    Smoking is probably seen as a patriotic duty in Greece. Until recently, (perhaps still?), the EU paid subvention for growing tobacco in Greece. The tobacco was too „low quality“ for use in Europe, so it was exported.
    I don’t know what „low quality“ means for a dangerous addictive drug. Perhaps it had too little nicotine to kill reliably?

  2. Hans Bonfigt (Montag, der 5. September 2011)

    Mit großem Genuß habe ich in der letzten Zeit drei intelligente und eloquente Frauen erlebt, eine davon auf einer InterFace – Veranstaltung.

    Alle drei qualmen kräftigst.

    Nichtrauchern fehlt es manchmal an Mystik.

    Wenn ein Mann einem Gegenüber, das er für würdig erachtet, eine Zigarette anbietet, dann *bedeutet* das etwas.

    Ganz zu schweigen vom Pathos der „Letzten Zigarette“.

  3. Chris Wood (Dienstag, der 6. September 2011)

    An old (smoker) friend of mine used to say „if she smokes she pokes“. This meant that (young) women who smoke are less choosy about bed partners. I suspect this is true. There may also be a positive correlation with eloquence and even intelligence, although I doubt it.

    I suspect that young women start smoking as a subconscious signal that they are available. Such signals can help to propagate genes, and thus give an evolutionary „advantage“. For instance, it is known that women at dances show more skin near ovulation (Eisprung) time. Of course women then continue to smoke when happily married, or even when pregnant, because it is addictive.

    Young men hardly need to give such signals, as it can usually be assumed that they are available.

  4. Hans Bonfigt (Dienstag, der 6. September 2011)

    Of course i would prefer a young woman who enjoys pure satisfaction, whether it is caused by smoking or by having sex without mental limits.

    Merkel, Künast, Roth – all nonsmokers …

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