Roland Dürre
Montag, der 4. Juni 2012

Utb Planwagen #4 – Zurück in München

Denk‘ ich an EU-Land in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen.
Und meine heißen Tränen fließen.

(Heine Heinrich – Nachtgedanken – Quelle)

Jetzt bin ich nach einer Woche in Südböhmen wieder zurück in München. Böhmen in Tschechien habe ich eine Woche intensiv erlebt. Es war das erste Mal, dass ich in diesem Land war. Obwohl es so nah ist, war es für mich irgendwie ganz weit weg.

Und wie ich dann nach Hause komme, mache ich mir Gedanken über Europa. Über ein zentralistisches Europa oder über ein Europa der Regionen. Über ein Regierungsschichtensystem oder über ein selbst verwaltetes und kooperatives Europa der Regionen. Über ein Europa der Kulturen oder der bürokratischen Systeme. Über ein Europa der unendlichen Gesetze oder ein Europa der Subsidiarität.

Und dann fällt mir auf, dass wir zurzeit an einem Europa herum basteln, das so nicht funktionieren kann.

Wir haben die Grenzen und die Zölle abgeschafft. Es gibt keine Kontrollen mehr und einen freien Güteraustausch. Nur haben wir vielleicht ein wenig zu wenig nachgedacht. Und haben vergessen, dass es da Unterschiede gibt. Nicht nur kulturelle – auch wirtschaftliche.

Und dass man halt in vielen Ländern nur einen Bruchteil verdient wie in anderen. Und dass unsere kapitalistische Wirtschaftsordnung alles ausnutzt, was irgendwie nur hilft den Profit zu maximieren

Nachzudenken haben wir dieses auch konsequent vergessen, wie wir dann den EURO eingeführt haben. Da galt nur eines: Freie Bahn für die Wirtschaft und ihre mächtigen Player – die Banken und Konzerne.

Und kaum war es Nacht geworden, da sah man die Folgen schon …

Natürlich bin ich maximal froh. dass wir es in Europa doch so halbwegs geschafft haben, uns zu versöhnen. Zuerst mit dem Erbfeind, sprich Frankreich und seinen Franzosen. Ich habe es noch erlebt, wie ich Mitte der 60iger als Austauschschüler in Frankreich unfreiwillig und unabsichtlich die Freundschaft meiner Gastfamilie zu einer anderen Familie zerstörte. Ursache war nur meine Anwesenheit. Einfach weil ich da war, und die mit meiner Austauschfamlie befreundete Familie überhaupt nicht verstehen konnte, wie ein patriotischer Franzose mit den „sales boches“ (dreckigen Deutschen) einen Jugendaustausch machen kann.

Und ein paar Jahrzehnte später haben wir uns auch mehr oder weniger mit den Polen und Tschechen ausgesöhnt. Auch das war eine Riesentat. Auch mit den Serben beginnt es zu funktionieren, wie ich bei meiner Radfahrt ans Schwarze Meer erlebt habe.

Das war und ist gut. Heute geht das eher wieder rückwärts. Weil wir uns – zumindest aus der Sicht anderer Völker – mal wieder so „richtig deutsch“ aufführen.

Und dann fällt mir ein, was ich vermisse:

Wir haben kein gesellschaftliches Konzept für dieses unseres Europa. Wir verausgaben uns im Verteidigen einer aussichtslosen Währung. Wir überregeln uns mit Gesetzen. Wir schwanken zwischen Großmachtsucht und Weltlobbyismus.

Europa macht sich nur noch Sorgen, wie es den Ansprüchen der Wirtschaft gerecht werden kann. Wie man Wettbewerbsverzerrungen aufhebt. Aber nicht, wie die Zukunft der Menschen und Kulturen aussehen soll.

Wir haben kein Konzept, wie wir unser Europa entwickeln wollen. Soll es ein Europa werden, das weiter von Autos überrollt wird? Oder in dem wir auf eine neue und kooperative Mobilität setzen? Wollen wir als Europa bei der Energie weiter auf die Kernkraft setzen. Ohne auch nur einen Dunst haben, wie die Entsorgung gelöst werden kann. Nehmen wir den Klimaschutz Ernst? Oder ist das für uns nur ein wenig Alibigerede und -beschließe?

Wünschen wir ein Europa des maßlosen Überflusses – oder ein Europa mit reduzierter Verschwendung? Ein Europa, das für das Überleben des Planeten und Menschenrechte steht? Oder ein Europa, das seinen Wohlstand weiter aus der Ausbeutung dritter und der Natur bezieht?

Ist das „wirtschaftliche Wachstum“ wirklich das Maß aller Dinge? Oder soll für ein neues Europa nicht vielmehr gelten, dass „weniger mehr ist“? Dass die Qualität von guter Arbeit wieder ordentlich entlohnt wird? Und nicht Status und Position den Verdienst ausmacht? Dass die Menschen vielleicht wieder weniger arbeiten müssen und nicht den größten Teil ihrer Zeit dafür  aufbringen müssen, dass sie sich Dinge kaufen können, die sie letzten Endes nicht nur eben nicht glücklich sondern sogar krank machen?

Natürlich gehört die Zukunft in einem aufgeklärtem Europa genauso den Frauen wie den Männern. Sind aber die Kinderkrippen dann wirklich die Lösung, in denen die Mütter ihre Kinder sechs Monate nach der Geburt abgeben müssen, weil unser auf Verschwendung aufgebautes ökonomisches System ihre Arbeitskraft braucht? Gäbe es da nicht andere Modelle, die für das richtige Maß an „Lebensbalance“ sorgen können?

Soll es ein Europa fetter Besitzstandwahrer oder ein Europa der Veränderung werden? Ein Europa der Familien? Ein Europa, das versucht den Planeten zu bewahren oder ein Europa, das in seinem vermeintlichen Reichtum exzessiv die letzte Weltparty auf einem zerstörten Planeten feiert?

Solche und viele andere Fragen dieser Art gehen mir durch den Kopf.

Ja, ich wünsche mir ein dezentrales, aufgeklärtes Europa zusammen wirkender aber autonomer und eigenverantwortlicher Regionen. Ein starkes Europa. Ein Europa aber ohne den Anspruch eines Großmachtstatus. Ein Europa, das eben nicht Weltpolizist spielt.

Ich meine nicht, dass man über diese Dinge unbedingt abstimmen muss. Aber diskutieren muss man sie. Weil ich glaube, dass die Demokratie mehr von der Debatte und Diskussion der Werte lebt als von Abstimmungen. Und dass man sich die Dinge in den Ländern erst mal anschauen sollte, bevor man so viel kluge Sprüche und dumme Gesetze macht. Und das Anschauen sollte ganz von unten erfolgen – nicht nur aus der Perspektive des Staatsgastes vom Balkon der Elfenbeinturm-Politik.

Genau das fällt mir nach solchen Reisen in die nahe und doch so ferne Nachbarschaft auf. Und genau dann würde ich mir wünschen, dass die Politik Europas sich als Interessenvertreter der Menschen in ihren konkreten Lebenssituationen versteht und sich vom dem Reichtum und der Vielfalt der Kulturen Europas leiten lässt.

RMD

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