Roland Dürre
Dienstag, der 23. November 2010

Verflixtes verpixeltes Land!

Jetzt ist es soweit – Deutschland ist ein verpixeltes Land. Wahrscheinlich das einzige weltweit. Und ich ärgere mich.

Viele Menschen bei uns haben anscheinend noch nicht begriffen, dass wir in einer globalen Welt leben. Und dass das Internet das Schaufenster dieser globalen Welt ist.

Und nehmen wir mal an, ich bin in Neu-Delhi, Peking, Mombasa oder sonst irgendwo auf der Welt. Und ich will einem jungen Inder, einer jungen Chinesin oder auch dem jungen Mann aus Afrika zeigen, wo ich lebe.

Ich will streetview nutzen, um ihm mein Zuhause zu zeigen. Strategisch ist es ja noch eh nicht für viel mehr zu gebrauchen.

Und dann laufe ich durch die Straßen. Und jedes zweite Haus ist verpixelt! Was denkt der junge Mann oder die junge Dame dann?

Ob sich die Deutschen ihrer Häuser schämen? Oder ob sie so arrogant sind, dass sie diese niemanden zeigen wollen? Das wundert meine Gesprächspartner, ihr Stolz war es immer, mir ihr zu Hause zu zeigen.

Und wenn ich ihm dann erkläre, dass die Menschen in Deutschland um den Verlust ihrer Privatheit fürchten, dann sehe ich schon das Unverständnis auf dem Gesicht meines gegenüber aufleuchten. Denn sie wissen genauso wenig wie ich, was diese Privatheit eigentlich ist. Und haben die in Deutschland denn keine anderen Sorgen?

Es dürfte viele Menschen aus der ganzen Welt geben, die uns in Deutschland zumindest virtuell besuchen wollen. Besonders, da sie es sich nie leisten werden können, uns real zu besuchen.

Und dann laufen sie virtuell durch Straßen, bei denen zahlreiche Gebäude weggepixelt sind. Mir ging es am Wochenende genauso. Ich plane demnächst in den Südosten Münchens zu ziehen und wollte mir die Umgebung dort noch ein wenig anschauen. Und kam in Straßen, da war jedes zweite Haus verpixelt.

Und dachte mir spontan: Neben solchen Leuten möchte ich nicht wohnen. Wenn die schon Sorgen haben, dass man ihre Hütte im Internet sehen könnte, mit was für Erwartungen werde ich da als Nachbar konfrontiert?

Unsere globalen Besucher dürften von unser Pixelwut genau überrascht werden. Und sich auch komische Fragen stellen: Wieso ist denn da alles verpixelt? Was sind das für Menschen, die ihre Häuser verpixeln lassen?

Ich vermute mal, dass die meisten der Verpixler gar nicht wissen, wie man Internet schreibt. Und auch nicht verstehen, was sie tun und damit bewirken. Aber sie sind halt dagegen. Warum auch immer. Aus Trotz gegen eine neue Welt, die zum Teil ja wirklich schwer zu verstehen ist. Die unheimlich ist und die sie folgerichtig nicht mögen.

Es war ja auch sehr einfach, dagegen zu sein. Ironischer Weise mit der Anleitung aus dem Internet. Kein großer Aufwand und keine Zivilcourage war notwendig. Ein Fax genügte.

Aber was die Welt denkt, wenn sie uns im Internet besucht und dann durch verpixelte Landschaften laufen muss, daran denken sie nicht. Jetzt schirmen wir also nicht nur durch FRONTEX unsere Grenzen gegen die bösen Wirtschaftsflüchtlinge ab, sondern verhindern durch Verpixeln, das unsere virtuellen Besucher unsere Häuser sehen können. Kann man noch dämlicher und egoistischer sein?

Irgendwie habe ich den Eindruck, dass wir so eine gewisse deutsche Krankheit nicht los werden. Und dass wir immer noch so ein besonderes deutsches Wesen pflegen. Irgendwie müssen wir unsere besondere Geschichte jetzt anscheinend auch im Internet fortsetzen.

Oder ist das die viel beschworene deutsche Leitkultur?

Aber vielleicht hat das Verpixele auch etwas Gutes. Vielleicht verlieren wir dann das Image des Landes, das die großen Kriege bewirkt und besonders perfekt organisierte Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat. Und werden dafür bekannt als das Land, das seine Häuser verpixelt!

Und das wäre dann ja doch wieder ein Fortschritt!

RMD

P.S.
Das preußische Wappen habe ich aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons. Urheber ist David Liuzzo.

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7 Kommentare zu “Verflixtes verpixeltes Land!”

  1. Felix Lange (Dienstag, der 23. November 2010)

    Ich sehe es ganz genauso. Ich bin erschrocken, wie viele Häuser letztendlich verpixelt sind. Und falls es sich die Leute doch noch anders überlegen ist es dank der Rohdatenlöschung auch zu spät.

  2. rd (Dienstag, der 23. November 2010)

    Auch wenn es makaber ist: Ich kam mir beim ersten Besuch in Streetview vor wie in meiner Jugend. Da gab es auch Lücken in der Häuserreihe. Die haben wir dann wieder aufgebaut.

  3. E2E (Mittwoch, der 24. November 2010)

    Ich fass es auch nicht – unser Haus ist eine Insel in der Pixel-Wüste – und wenn ich aus dem Fenster schaue und die (noch???) unverpixelten Häuser um mich herum sehe, verstehe ich noch weniger, was es da zu verbergen gibt.
    Aber vielleicht war der Hype um Streetview eine gute Gelegenheit von den wirklichen Sünden von Google abzulenken?
    So, wie ich mich jetzt frage, ob tägliche Terrorwarnungen, Testbomben, Diskussionen über Einschränkungen der Pressefreiheit (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,730753,00.html) nicht auch ganz gelegen kommen, weil sie von Stuttgart21, Castor-Transporten und Staatschulden ablenken???

  4. Chris Wood (Mittwoch, der 24. November 2010)

    Roland, for once I really agree! When I see pixeling on TV, I quickly switch to another channel. Can you somehow partly pixel the accompanying graphic, or is that forbidden?
    I believe that when one occupier in a block of flats chooses to pixel, then the opinions of the others are disregarded.

  5. hans-peter kuhn (Donnerstag, der 25. November 2010)

    Leider typisch für den IF-blog, viel Lärm um nichts…

  6. rd (Donnerstag, der 25. November 2010)

    Lärm um nichts stimmt genau dann, wenn man davon ausgeht, dass das Internet in Zukunft keine Rolle spielen wird. Da gibt es aber auch andere Meinungen …

  7. hans-peter kuhn (Samstag, der 27. November 2010)

    Das internet ist eine wunderbare Erfindung, die immer mehr Bedeutung gewinnen wird. Warum aber sich darüber aufregen, dass nicht alle Leute jeden Hokuspokus mitmachen???

    Ich buche keine Flüge übers internet und kaufe CDs und Bücher, wenn immer möglich nicht übers net. Will ja auch in Zukunft Reisebüros und Buchläden in meiner Stadt haben. Dass ich dafür einen Aufpreis zahle ist mir die Sache wert.

    Virtuelles herumgehen in Städten und virtuelles Herumreisen interessieren mich nicht. Das überlasse ich den Stubenhockern.

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