Roland Dürre
Sonntag, der 18. September 2011

Von der sittlichen Pflicht zur Insolvenz

Wenn ein System sich so verrannt hat, dass es sich aus eigener Kraft auch auf lange Sicht nicht mehr retten kann, dann muss es die Konsequenzen tragen. Das gilt für Unternehmen, Länder, Kommunen und auch Privatpersonen.

Es besteht also eine moralisch-ethische Verpflichtung zur Akzeptanz einer Konkurs-Situation – und dies für beide Seiten, für den Insolventen und seine Umwelt.

Das kaputt gegangene System muss den Mut haben, die Insolvenz zu erklären und die Folgen zu tragen.

Die Umgebung muss bereit sein, die Insolvenz zu akzeptieren und dem gescheiterten System eine reelle Chance geben, sich wieder aufrichten zu können.

Ich sehe nur eine Ausnahme von dieser Regel. Wenn z.B. von zehn Systemen neun völlig gesund sind und nur eines kaputt ist. Dann könnte ich mir vorstellen, dass die wohlhabenden und großmütigen Neun den Zehnten retten. Ich bin mir aber nicht einmal sicher, ob das für den Zehnten (und auch die neun Anderen) wirklich gut ist.

Für unsere Finanzkrise bedeutet das:

Wenn Griechenland unrettbar verschuldet ist, dann muss Griechenland den Mut zur Insolvenz haben und bereit sein, die Folgen zu tragen. Und die anderen Länder müssen diese Insolvenz akzeptieren und Griechenland die Chance für einen neuen Anfang geben.

Das wird aber garantiert nicht in einem Europa mit einer Währung und ohne Schutz durch Zölle oder ähnliches möglich sein, denn unter diesen Voraussetzungen haben Länder wie Griechenland keine Chance. Zu groß sind die Differenzen bei den Strukturen und Erfolgskriterien der verschiedenen Länder Europas, zu unterschiedlich die weiteren Leistungsparameter wie Mentalität, Klima, Ausbildung, Infrastruktur, technische Voraussetzungen und vieles mehr. Wahrscheinlich muss in solchen Fällen wieder über „Sonderwirtschaftsräume mit eigener Währung“ oder ähnliches nachdenken.

Wir können aber Griechenland gar nicht „retten“. Denn in der EU ist es eben nicht so, dass die überwiegende Mehrheit der Länder reich und ohne Schulden ist und sich so die Wohltat und den Großmut leisten kann, Griechenland zu „retten“. Und für Griechenlands Schulden zu bürgen und davon auszugehen, dass Griechenland durch Sparmaßnahmen seine Schulden zurückzuzahlen kann, erscheint mir ein sehr realitätsfremdes und dementsprechend naives und natives Konzept.

Laut Wikipedia gibt es 23 EURO-Länder, davon sind drei „passive“ Euronutzer und drei weitere assoziierte Euronutzer mit eigenen Euromünzen. Griechenland ist eines davon. Die 16 „echten“ EURO-Länder sind aber alles andere als reich und wohlhabend.

Im Gegenteil, alle EURO-Länder sind mit ganz wenigen und nicht so relevanten Ausnahmen (Estland und Monaco) überschuldet. Selbst das gelobte Österreich und die angesehen Niederlande ächzen unter ihrer Schuldenlast und dem notwendigen Schuldendienst. Noch schlimmer ist die Situation von großen Ländern wie Italien, Spanien und Frankreich. Zwar schaffen sie aktuell noch ihren Schuldendienst aufrecht zu halten, eine Schuldenrückzahlung ist dort aber völlig utopisch.

Der Hauptbürge (und absolute Hauptschuldner) Deutschland steht schon ohne Berücksichtigung der eingegangenen Bürgschaften gar nicht gut da. Schon jetzt können wir in Bildung und Infrastruktur nicht mehr ausreichend investieren. Die nächste wirtschaftliche Schwäche kann (und wird) sehr unangenehme Folgen für uns haben. Und schon heute gleicht unser Wirtschaftsleben einem permanenten Drahtseilakt und immer kürzer werdenden Zyklen des „Aufs und Abs“.

Sollten die Bürgschaften fällig werden, wird es zappenduster. Damit ist zu rechnen. Als Bürge für insolvente Schuldner kommt man nie ungeschoren davon. Und wenn die Bürgschaft komplett eingefordert wird, steigen die deutschen Schulden um gut 20 %. Wir sind dann bei den Schulden absolut wie prozentual Spitze in Europa.

Das ist die ganz schlichte Realität bei den staatlichen Systemen in Europa.

Das Insolvenzgebot muss auch für Banken und Unternehmen gelten!

Auch da wäre die einzige Ausnahme, dass die Banken z.B. durch einen Solidaritätsfonds eine gefallene Bank retten oder übernehmen. Aber auch das geht nur gut, wenn die anderen Banken gesund sind und die marode Bank die Ausnahme ist. Aber so ist es halt auch hier nicht.

Die Verpflichtung zur Insolvenz ist aber nicht nur eine moralisch-ethische. Auch die Vernunft fordert sie ein. Nur so kann der Schaden am Gemeinwohl minimiert werden. Deshalb ist bei Unternehmen die Verschleppung der Insolvenz sogar ein Tatbestand, der mit Strafe geahndet wird. Wie übrigens auch das leichtfertige Bürgen mit fremden Geld.

Insolvenz vernünftig eingesetzt hilft, einen Schaden anzunehmen und zu reparieren, um weitere, größere Schäden abzuwenden.

Der Volksmund sagt:
Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!
und hat damit wie fast immer Recht.

Das bewusste Zulassen und aktive Annehmen von Insolvenzen bewirkt auch eine zeitliche Entzerrung der Krisen. Das Hochschaukeln und selbstständige Verstärken von Fehlsituationen wird vermieden. Nur so haben wir eine Chance, den ganz großen BIG BANG zu verhindern.

Vielleicht nach dem Motto: „Lieber ein paar Jahre lang jedes Jahr einmal Lehman Brothers Holdings Inc.“ und dafür ein halbwegs stabiles System. Und so bereit sein, mit vielen kleinen Krisen leben, von denen jede für sich sehr schmerzhaft sein wird. Dies ist aber besser als das Vermeiden von Insolvenzen um jeden Preis – zum Preis von immer stärker werdenden Ausschlägen und Missständen, die dann eines Tages zum Totalabsturz führen müssen.

Die aktuelle Politik erinnert mich an den Umgang mit Hochwasser. Nur mit dem Unterschied, dass Hochwasser immer einen Höchstpegel erreicht und dann von selbst wieder fällt. Schulden tun dies nicht. Beim Hochwasser kann man hoffen, mit genug Sandsäcken durchzukommen, bis das Wasser wieder zurück geht. Zumindest war das vor der Klimakatastrophe so.

Bei den Schulden geht das nicht. Die verhalten sich nicht wie Hochwasser und gehen nicht von selbst zurück. Zinseszins und der wirtschaftliche Kreislauf machen das Zurückgehen der Schuldenflut unmöglich. Sparen hilft nichts, denn dann würgt man sein Geschäft ab, und es wird noch schlimmer. Also muss man immer weiter Schulden machen, um den Status Quo aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig raubt einem der Schuldendienst (Zins und Rückzahlung) jede Luft. Ein tödlicher Kreislauf. Nur die Inflation bringt da ein wenig Milderung.

So versuchen wir heute die Löcher zu stopfen, erhöhen aber nur den Druck. Wir sitzen auf einem Pulverfass, das immer größer und explosiver wird. Ein kleiner Funken – schon fliegt uns alles um die Ohren.

Wenn ich mir nur vorstelle, dass in Europa Sparsamkeit gefordert wird, die USA aber von Europa gleichzeitig Programme zur Konjunkturbelebung fordern (die ja nur mit Schulden finanziert werden können) und beide Seiten ja im Prinzip Recht haben, dann wird mir schon allein von dem Widerspruch her schlecht.

Aber vielleicht spielt das gar keine Rolle. Ich habe gelernt, dass Innovation kreative Zerstörung ist. Und vielleicht muss mal wieder alles zerstört werden, damit Neues entstehen kann.

RMD

P.S.
Dass zusätzliche viele Fleißaufgaben auf unsere Politiker warten, ist unbestritten.

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6 Kommentare zu “Von der sittlichen Pflicht zur Insolvenz”

  1. Chris Wood (Sonntag, der 18. September 2011)

    An excellent analysis of the situation! But it is not clear that Greek bankruptcy is the only solution. Ireland has worked its way out of similar problems, taking a considerable drop in living standard. One difference is that Ireland’s problems were caused largely by bank speculation. Greece’s climate is unpleasantly hot (unless you are on holiday), Ireland’s is unpleasantly wet. Both will worsen due to CO2.

    The chase after „growth“ is a large part of the problem. Why should Germany have growth, with a declining workforce, depleting world resources and increasing world competition? But of course we are frightened to take a back seat and trust in the help or even fairness of rivals. Contributions to this „growth“ come from many people earning well, without contributing to the overall good. The same is true of countries. Are the people of the world really helped by German exports of luxury cars and weapons? Further worthwhile growth can come from increased knowledge and sensible investment, but not from increased consumer demand.

    „dass Griechenland durch Sparmaßnahmen seine Schulden zurückzuzahlen kann, erscheint mir ein sehr realitätsfremdes und dementsprechend natives Konzept“
    When I read this, I guessed that „natives“ was a typo. But it fits the current native German attitude quite well.

  2. rd (Sonntag, der 18. September 2011)

    Chris, Du hast Recht! Nativ war ein Tippfehler. Ich lasse es mal, weil es so gut passt und ergänze es mit naiv … Danke!

  3. Chris Wood (Montag, der 19. September 2011)

    Remember that Greece is not bankrupt in the sense of its net assets being negative. I estimate that the total assets of Greece and its people are more than ten times its national debt. But the cash flow problem is very serious.

  4. rd (Montag, der 19. September 2011)

    @Chris:

    Staaten waren kreditwürdig, weil die Volkswirtschaftslehre davon aus ging, dass ein Staat aufgrund seiner Assets nie Konkurs gehen kann.

    Aber was sind Assets wert, wenn kein Käufer da ist? Wer also soll die griechischen Assets kaufen (und bezahlen?).

    Wer würde z.B. für die griechische Inseln relevante Summen aufbringen wollen? Findet man hier Privatinvestoren oder andere Staaten? Man könnte ja die Türkei fragen 😉

    Für eine Autobahn oder ähnliche Infrastrukturen wird der Investor nur zahlen, wenn er in absehbarer Zeit (3 – 5) Jahre sein Investment wieder mehr als drin hat. Wie hoch müsste dann die Maut sein? Ist das realistisch?

    In Afrika verkaufen Länder ihren fruchtbarsten Boden. Ist das sinnvoll? Gibt es überhaupt ähnliche Lösungen für Griechenland?

  5. Chris Wood (Dienstag, der 20. September 2011)

    Of course you are right Roland! The value of some assets can decrease suddenly when you try to sell them. A new car loses maybe 10% of value as soon as it is bought. Some housing developments in USA became ghost towns, losing practically 100%. A time-share week that we bought could only be sold for 10% of its price, (but we have been happy to have it). We bought some shares that became worthless when the bosses landed in jail.
    The Greek population must accept a significant drop in living standard, to get out of the mess; I guess 20% to 30%. But this is hard to organise. It is relatively easy to reduce imports, but takes longer to increase exports. If they wait a few years before reforming, they will end up like Rumania or even worse off.
    They should be grateful to Germany for trying to help, even if we are not trying very hard.

  6. Chris Wood (Dienstag, der 20. September 2011)

    But one more point: an investor should not expect to regain his investment in less than five years, (as you suggested, regarding an Autobahn). Such a return implies gambling. Big companies often say they want projects to bring in 10% p.a., regaining the investment in 7 years. But even here they are allowing for some optimism in the project planning. A project that returns 7% is a success.

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