Beim Siemens in den Aufzügen im nagelneuen Datasibirsk der Siemens AG in Neuperlach war es auch so. Ich kam da Ende der 70iger als Neuling hin. In eine eigenartige Atmosphäre. Viel Beton und kühle Farben. Das Treppenhaus war im Betonbunker gut versteckt. Irgendwie war es Gesetz, dass man die vier sich permanent bewegenden (da war noch was los in Legoland) gelben Aufzüge benutzte.

Und immer wenn ich in den nie leeren Aufzug eingestiegen bin, war ich überrascht. Die Blicke aller Mitreisenden waren an die Decke gerichtet oder konstant an eine besondere Position an der Wand fixiert. Gespräche waren unüblich. Und niemand hat gegrüßt, wenn er einstieg oder ausstieg.

Ich habe dann versucht, die Menschen im Aufzug beim Betreten zu grüßen. War aber nicht sehr erfolgreich – und habe es wieder eingestellt.

30 Jahre später im Phoenix (das Hallenschwimmbad in Ottobrunn) ist es ähnlich. Zwar sieht man häufig am Morgen die selben Köpfe, aber jeder schaut am anderen vorbei. Dabei sind die meisten Sportkameraden unter der Dusche mir á priori nicht unsympathisch. Aber einem ungeschriebenem Gesetz folgen ignoriert man sich. Wie damals im Aufzug beim Siemens.

Da habe ich vor ein paar Wochen ein Experiment gewagt. Und alle Männer in der Dusche (da gibt es keine Frauen) mit einem freundlichen „Grüß Gott“ begrüßt.

Zuerst habe ich sehr überraschte bis feindselige Blicke geerntet. Aber mittlerweile wirkt es. Ein paar der Schwimmgefährten grüßen mich auch schon, wenn ich zum Beispiel nach den 40 Längen noch ein wenig im Whirlpool relaxe.

Es scheint mir sogar, dass man jetzt schon anfängt, sich gegenseitig zu grüßen. Und es immer mehr werden.

Man sieht, es geht doch. Und so ein regelmäßiges „Grüß Gott“ beginnt ein klein wenig zu wirken, vielleicht der Anfang einer freundlicheren Kultur.

RMD

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2 Kommentare zu “Von Ottobrunn nach Unterhaching #19 “Grüss Gott unter der Dusche””

  1. six (Mittwoch, der 1. Dezember 2010)

    Roland, willkommen im Land der Grüßtrainer. Ich mache dasselbe wie Du im Kieser-Training. Setze aber auf eine doppelte Strategie. Die alten Männer, die eine gewisse Grüßbereitschaft haben, grüße ich freundlich, die angepaßten Ameisen aus dem Mittelmanagement, die frühmorgens ihr gehetztes Pflichtprogramm abspulen, mit einem donnernden „Guten Morgen“ (wir sind hier in Frankfurt). Da sie Gehorsam gewohnt sind, grüßen sie gequält zurück. Immerhin.

  2. JUS (Mittwoch, der 1. Dezember 2010)

    Das passt irgendwie zu der Artikelserie über das verpixelte Deutschland. Auch im Kopf sind einige Zeitgenossen offenbar „verpixelt“.
    Ich bin auch so ein „Dauergrüßer“ und das dieser Artikel aus dem tiefen Süden kommt bestärkt mich in meiner Ansicht, das die Gerüchte über die norddeutsche sturheit quatsch sind. Ich finde, das hat mit Nord-Süd gefälle ziemlich wenig zu tun.

    Grüße aus der Kälte (Finnland), JUS

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