Roland Dürre
Sonntag, der 18. November 2012

Vorbereitung auf meinen Vortrag „Der Wandel im Management“

Im November werde ich vor verschiedenen Gruppen über den „Wandel im Management“ sprechen. Der folgende Text ist im Rahmen meiner Vortrags-Erarbeitung entstanden. Er beschreibt das Umfeld und soll den Zuhörern bei der Vorbereitung auf den Vortrag helfen – quasi als begleitender „Reader“.

In der letzten Zeit hat sich das Tempo der Veränderung, auf neudeutsch „change“ genannt, geometrisch beschleunigt. Das Internet verändert die Welt in einem Maße, wie dies seit der „Industrialisierung“ nicht mehr der Fall war. Die Postmoderne geht zu Ende, mit großen Schritten betreten wir das „Informationszeitalter“ (wenn man es denn in 100 Jahren so benennen wird).

Die Veränderung betrifft wesentlich auch den wirtschaftlichen Bereich. Die Art zu Arbeiten ändert sich. Junge Unternehmen – mit ganz neuen Geschäftsmodellen, Unternehmenskulturen und nie da gewesenen Produkt- und Dienstleistungsangeboten – entstehen und erobern in kurzer Zeit die Welt. Man denke an Apple, Dell, Facebook,  Google, HP, Microsoft, Oracle, SAP und viele, viele andere. Und Siemens & Co schauen voller Neid zu.

Und es geht weiter. Hochqualifizierte Menschen wollen nicht mehr als Festangestellte arbeiten. Einige schließen sich zusammen und arbeiten mit ihrem Spezialwissen und Können ehrenamtlich für gemeinsame Ziele. So haben sich Menschen aus einer ganz neuen Branche, der Software-Industrie, in der GNU-Zeit zuerst in den USA zu kleinen Gemeinschaften zusammen geschlossen und „freie“ und „offene“ Produkte entwickelt. Und so sind große Bewegungen entstanden, die heute nicht mehr wegzudenken sind.

Zuerst waren das typischerweise „einfache SW-Werkzeuge wie die (GNU-)Compiler der 80iger Jahre. Aber schon bald ging es richtig los und die berühmte „lamp“-Software entstand: Linux, Apache, MySql und Php. Das ist aber nur die Spitze des Eisberges. Heute gibt es eine breite „Open Source“-Bewegung, die aus vielen kleinen großen Communities besteht. Und da entstehen die tollsten Dinge in unglaublicher Vielfalt. Und plötzlich verdrängen Produkte, die durch freiwillig und ehrenamtlich geleistete Arbeit entstehen, arrivierte kommerzielle und haben Weltgeltung.

Natürlich können auch weniger komplizierte technische Teile als großes Software-Systeme wie zum Beispiele Automobile vernetzt und offen „ingenieursmässig“ entwickelt und lokal „assembliert“ werden. Und es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis das erste Open-E-Mobil in großer Serie auf den Straßen rollen wird.

Ergänzt wird diese Entwicklung durch IT-fremde OpenSource-Bewegungen. Die bekannteste davon dürfte Wikipedia sein. Aber auch Wikipedia stellt nur die Spitze des Eisberges da. Überall hören wir den Schlachtruf:

„Wissen ist das einzige Gut, dass durch Teilen mehr wird!“

Im gleichen Zeitraum entstehen NGOs (Non Government Organization), die mittlerweile bei vielen Völkern ein höheres Ansehen haben als deren Regierungen. Die neuen Schlagworte sind Community, Zugehörigkeit, Kollaboration. Besonders das „co“ von cooperation wird zur beliebten Vorsilbe. Begriffe wie co-creation, co-working, co-programming beginnen zu leben.

Neue Strategien wie „crowd sourcing“ entstehen und versuchen die „Intelligenz der Masse“ zu nutzen. Und schaffen so einen wirklichen Megatrend. Das Internet dominiert die Welt. Pad, Smartphone und Laptop sind „in“. Der Markt für Apps explodiert.

Vor kurzem habe ich gelesen, dass sich schon mehr Deutsche ein Leben ohne Auto vorstellen können denn ein Leben ohne Facebook. Sogar das „Goldene Kalb“ des letzten Jahrhunderts, das Auto, scheint auf dem Wege zum „out“ zu sein.

So ist es auch in der Wirtschaft. Unternehmen, die plötzlich ganz anders ticken, verdrängen die traditionellen. Im Privatleben verlieren Ämter, Karriere, Krawatten, Status und Titel an Bedeutung und Wichtigkeit. Dagegen steigt das Bedürfnis, das eigene Leben auch eigenbestimmt zu führen. Mit den Worten des alten Fritz gesagt: Die Menschen wollen „nach ihrer Façon glücklich werden“ und kündigen Spätkapitalismus und Marketingwirtschaft ihr Gefolge auf. Wie ich finde ein sehr schönes Verständnis von Freiheit.

Aber wie war das möglich?

Ganz einfach – wir erleben die Evolution. Und die macht natürlich auch vor Menschen und ihren Lebensformen und -gruppen nicht halt. Es gibt Menschen, die über besondere Antennen verfügen und so viel von der gesellschaftlichen Entwicklung mitkriegen. Mit besonderer Ausbildung und Wissen machen sie sich Gedanken und verbalisieren, wie sich das „Gestern, Heute und Morgen“ so entwickelt. In der Regel sind das die Philosophen und Menschen verwandter Wissenschaften in ihrer Aufgabe als „Evolutionsbeobachter“.

Die Philosophen formulieren auch das zeitgenössische Denken und beschreiben, welche Werte im letzten Jahrtausend die handlungsleitenden waren. Und die haben sich im Laufe der Jahrhunderte gewaltig geändert.

Im Mittelalter klang das so:

„Alles, was Gott gefällig ist, ist gut!“

Eine eigentlich recht einfache Regel, man muss nur wissen, was denn „Gott gefällig“ ist. Dann kam der Utilarismus mit Thomas Hobbes (Leviathan) mit

„Alles, was dem Menschen nutzt, ist gut!“

Klingt ja nicht schlecht, besonders wenn man Mensch ist. Das hat dem Kant aber nicht gefallen. Der meinte, dass das nicht so einfach wäre. Man bräuchte noch so etwas wie Moral und formulierte sehr kategorisch den

Kategorischen Imperativ:

„Alle endlichen vernunftbegabten Wesen und damit alle Menschen sollen ihre Handlungen darauf prüfen, ob sie einer für alle, jederzeit und ohne Ausnahme geltenden Maxime folgen und dabei das Recht aller betroffenen Menschen, auch als Selbstzweck, also nicht als bloßes Mittel zu einem anderen Zweck behandeln!“

Darwin provozierte mit seiner Evolutionstheorie die feinen viktorianischen Daten und Nietzsche hatte es eilig mit der Aufklärung. Und wir wussten nun, dass der Mensch ein ganz normales Lebewesen ist, welches sich aus den Affenartigen entwickelt hat und dieser am besten danach streben sollte, durch den Erwerb neuen Wissens Unklarheiten zu beseitigen, Fragen zu beantworten und Irrtümer zu beheben.

In der Postmoderne wurde die Aufklärung dann zum radikalen Gedankengut und ist wohl nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Die Entwicklung ging aber weiter.

Da kam zum Beispiel nach dem Krieg Habermas. Der sprach vom herrschaftsfreien (redlichen) Diskurs als Basis von Kommunikation und Erkenntnisgewinn und formulierte folgende fantastische Regeln:

  1. Kein äußerer Zwang darf das Gespräch behindern.
  2. Geltung hat das beste Argument.
  3. Jeder hat die gleiche Chance zur Beteiligung am Gespräch.
  4. Jeder muss zur „ungekränkten Selbstdarstellung“ fähig sein und sich den anderen transparent machen.
  5. Jeder muss die Grundentscheidungen seines Lebens thematisieren und kritisieren lassen. (Hierzu dient ein ausgeklügeltes System von Rede und Gegenrede, Begründungspflicht für alle Aussagen und Behauptungen usw.).
  6. Keiner hat Vorrechte aufgrund von Alter, Erfahrung, Autorität usw.
  7. Jeder muss bereit sein, mit jedem die Verhaltenserwartungen zu tauschen. Jeder soll jederzeit mit jedem zum Rollentausch bereit sein.
  8. Diskutiert wird so lange, bis ein Konsens erreicht ist. Ist die neue Wahrheit angenommen, bestimmt sie von da an das Leben und Verhalten der Teilnehmer.

Entscheidend für die heutige Entwicklung ist aus meiner Sicht dieser Begriff vom „Herrschaftsfreien Diskurs“, der wohl bei Habermas zu verorten ist. Zwar ist die Primärliteratur sperrig, wenngleich auch schön zu lesen. Zum Lesen empfehle ich diese kleine Rede, die die eine oder andere Anregung enthält:

Und einen Adorno gab es damals auch. Hier ein nettes Zitat von ihm:

„Gibt der Kontrahent nicht nach, so wird er disqualifiziert und des Mangels eben der Eigenschaften bezichtigt, welche von der Diskussion vorausgesetzt würden. Deren Begriff wird ungemein geschickt so zurechtgebogen, dass der andere sich überzeugen lassen müsse; das erniedrigt die Diskussion zur Farce. Hinter der Technik waltet ein autoritäres Prinzip: der Dissentierende müsse die Gruppenmeinung annehmen. Unansprechbare projizieren die eigene Unansprechbarkeit auf den, welcher sich nicht will terrorisieren lassen. Mit all dem fügt der Aktionismus in den Trend sich ein, dem sich entgegenzustemmen er meint oder vorgibt: dem bürgerlichen Instrumentalismus, welcher die Mittel fetischisiert, weil seiner Art Praxis die Reflexion auf die Zwecke unerträglich ist.“ (Seite 180-181)

Das Zitat entstammt dem Aufsatz „Marginalien zu Theorie und Praxis“ (1969) und ist dem Suhrkamp Bändchen “Kritische Modell 2″ von Adorno entnommen. Ansonsten findet sich einiges Material in „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von Habermas, das er 62 geschrieben hat.

Für mich sind Adorno und Habermas zwei Menschen, die ganz gut beschrieben haben, was heute passiert. Und da hilft heute das Web 2.0 ganz schön mit. Und eine logische Konsequenz sind die interaktive Blogger und Twitter wie die Social Media wie Facebook vernetzten Menschen. Aber es geht erst richtig los.

In der Wirtschaftswissenschaft hat Hans Ulrich, der „Erfinder des St. Gallener Management Modells“ besonders schön die anstehende Veränderung beschrieben. Sehr lesenswert dazu finde ich seine 8 Thesen  zum “Umdenken im Management” (zu finden in: Hans Ulrich “Management – Aufsätze 2. Teil von 1981 – 1998″) :

  • Ungewissheit und die Unvorsehbarkeit der Zukunft als Normalzustand akzeptieren!
  • Die Grenzen des Denkens weiter stecken!
  • Sich in den Kategorien “Sowohl-Als-auch” an Stelle von “Entweder-Oder” bewegen!
  • Mehrdimensional denken!
  • Selbstorganisation und Selbstlenkung als Gestaltungsmodell für die Unternehmung verwenden!
  • Managen als sinngebende und sinnvermittelnde Funktion auffassen!
  • Sich auf das Wesentliche konzentrieren!
  • Gruppendynamik ausnutzen!

Heute geht es darum, schnell Erkenntnisgewinn zu produzieren, um gemeinsam die Zukunft zu gestalten. So brauchen und haben wir, um die richtigen Fragen zu finden neue Kommunikationsformate. Das ist die erste kreative Pflicht, denn erst dann wenn wir unsere Probleme wirklich wissen können uns auf die Suche nach Lösungen aufmachen.

Forderungen wie der „Herrschaftsfreie Diskurs“ galten mal als utopisch und unerfüllbar. Heute ist das Realität geworden und wird im Internet wie auch in der Nicht-Interwelt gelebt. Neue Formate wie jam session, barcamp, open space, fish bowl, Pecha Kucha, Ignite und manches mehr verbreiten sich rasant. Die lösen so manche Tagung, Konferenz und letzten Endes Institutionen ab und führen zu einer hybriden Kultur, die reales und virtuelles Leben verbindet.

Soweit ein paar Gedanken als Vorschau für meinen Vortrag zum Beispiel am Donnerstag an der Universität der Bundeswehr.

RMD

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1 Kommentar zu “Vorbereitung auf meinen Vortrag „Der Wandel im Management“”

  1. Chris Wood (Mittwoch, der 21. November 2012)

    Impressive stuff! I think though that the campaign for non-hierarchical management is too idealistic. I, together with others I have known, have sometimes longed for a boss able to get decisions right. Again today, I have read that big firms pay better than small ones (for staff with similar hours and qualifications). And these firms are always fairly hierarchically organised. Do such firms produce more added value per man-hour, or can they pay better because they are „better“ at lobbying, bribing, manipulating markets, etc? Certainly I am glad to have a Siemens pension, although my work at Nixdorf was more fun and seemed more productive.

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