Roland Dürre
Samstag, der 20. Dezember 2008

Vorsicht, die Dementoren werden mehr!

Kinder wollen von ihren Eltern vorgelesen bekommen. So habe ich dank meiner sieben Kinder viel zauberhafte und wunderschöne Geschichten kennengelernt: Die Lotta (Astrid Lindgren), die fast alles kann, im Notfall sogar einen Christbaum beschaffen, wenn es in der ganzen Stadt keinen mehr gibt, den kleinen Eisbär (Hans de Beer), der am Nordpol wohnt, immer wieder in Schwierigkeiten kommt, (unfreiwillige) Reisen macht und dabei viele Freunde gewinnt, den Räuber Hotzenplotz und die kleine Hexe von (Otfried Preußler) und unendlich viel mehr.

Jetzt sind meine Kinder groß. Sie lesen ihre Bücher ganz alleine. Nur die Maresa liebt es immer noch, wenn ich ihr vorlese. Mit 12 Jahren ist Harry Potter angesagt. So lese ich ihr zurzeit zwei bis drei Mal in der Woche ein paar Seiten aus Harry Potter vor. Immer auszugsweise und dann wieder ein paar zig Seiten weiter (die ohne mich gelesen worden sind). Die ganze Geschichte lerne ich so nicht kennen, aber es reicht aus, dass mich die von Joanne K. Rawling geschaffenen Phantasiewelt immer wieder sehr beeindruckt. Und ich entdecke atemberaubende Bezüge zu unserer realen (?) Welt. Bei der letzten Lesestunde haben mich die Dementoren besonders beeindruckt.

Hier die kurze Wikipedia-Definition (Figuren der Harry-Potter-Romane):

Dementoren sind seelenlose und böse Kreaturen. Sie schweben über den Boden und holen in tiefen und rasselnden Atemzügen Luft. Sie wecken die schlimmsten Erinnerungen in ihren Opfern und saugen das Glück auf, wo immer sie sind. Ist man ihnen zu lange ausgesetzt, wird man seiner geistigen Kräfte beraubt und als Folge dessen wahnsinnig. Aufgrund dieser Eigenschaften entstammt der Name Dementor vermutlich dem lateinischen Wort „dementia“ (Wahnsinn, Verrücktheit; vgl. Demenz).

Ich nehme die Dementoren beim Vorlesen so wahr: Schon ihre Nähe erzeugt Kälte, raubt Mut und führt zu und tiefer Hoffnungslosigkeit und einem totalen Ohnmachtsgefühl. Ein Dementor ist das (totale) Gegenteil eines guten Mentors. Man erlebt Dementoren übrigens nicht, sondern „erfühlt“ sie (Diese Anmerkungen zur Definition bewerte ich aber nicht als relevant genug, um sie in Wikipedia einzutragen :-). Und mit der Quellenangabe hätte ich da auch Probleme).

Schlimmerweise „erfühle“ ich aber immer mehr Dementoren und „Dementorentum“ in meinem täglichen Leben, sei es in meiner kleinen Welt wie in unserer großen Gesellschaft.

Entpersonalisierte Systeme, nicht nachvollziehbare globale Entwicklungen, unverständliche Gesetze, sinnlose Regeln und absurde Prozesse, eine erniedrigende Bürokratie und vieles mehr rauben uns den Mut und kosten uns beliebig Kraft. Unproduktive aber mächtige Abteilungen bei großen Unternehmen haben sich verselbstständigt. Nicht nachvollziehbare Positionen entstehen aus einem eigenartigen Gemisch von Angst, Misstrauen und dem vorgegebenen Zwang zur Wahrung eines oft nur vermeintlichen Vorteils. Und am Schluss verlieren alle.

Systemische Regeln brechen persönliche Zusagen, der „Ober sticht den Unter“, Verabredungen von gestern werden vergessen, Vertrauen und Verlässlichkeit schwinden. „Compliance“-Regeln versuchen moralisches und ethisches Verhalten durch Formalisierung und Prozessabläufe sicher zu stellen und bewirken das Gegenteil. Die Verlogenheit nimmt zu und nur unehrliches Verhalten erlaubt zu überleben. Bestechung wird durch Druck ersetzt, Erpressung wird zum beliebten Mittel, um Forderungen durchzusetzen.

Persönlich leiden wir unter nicht personaler Führung und offensichtlichem Handeln gegen den gesunden Menschenverstand. Die verbreitete Ratlosigkeit macht uns Angst, die Panik generiert widersprüchliche und untaugliche Lösungsversuche. Und oft laufen wir selber Gefahr, zu Agenten des Systems zu werden und gegen unsere innere Überzeugung zu handeln. Die Verschwendung regiert, auch bei der Nutzung unserer intellektuellen Ressourcen.

So habe ich einen großen Wunsch für das neue Jahr: Möge InterFace wie meine eigene Welt und die all meiner Freunde in 2009 von solchem Dementorentum verschont bleiben. Und an meine Leser richte ich zwei Weihnachtswünsche: Wenn Sie einen Dementor kennen oder Dementorentum finden, dann schreiben Sie uns einen Kommentar. Es wäre doch schön, wenn in IF-Blog eine Art „Galerie des Dementorentums“ entstehen würde und wir so den einen oder anderen Dementor entlarven und seiner Macht berauben könnten. Und der zweite Wunsch: Wenn Ihnen dieser (oder ein anderer) Artikel gefällt, dann empfehlen Sie ihn (und IF-Blog) doch bitte weiter!

Ganz herzlichen Dank!

RMD

1 Kommentar zu “Vorsicht, die Dementoren werden mehr!”

  1. Edwin Ederle (Sonntag, der 21. Dezember 2008)

    Die Idee, Dementoren zu ächten gefällt mir. Ich fürchte, es wird unterschätzt, wieviel Schaden durch unmenschliches Verhalten erzeugt wird!

    Ein Beispiel ist ein großer deutscher Automobilkonzern, wo wir für eine Abteilung (laut deren Aussage) sehr gute Arbeit (in time, im budget) abgeliefert haben. Nachher versucht die Einkaufsabteilung über Monate hinweg, den Preis zu drücken und die Zahlung aus formalen Gründen zu verzögern. Viele Formblätter wandern hin und her … bis dahin, dass sich meine Kontakte in der Fachabteilung für das Verhalten Ihres Arbeitgebers (den sie als „Saftladen“ bezeichnen) entschuldigen.

    Was für eine Verschwendung von Resourcen und was für eine Zerstörung von „Moral“!

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