Roland Dürre
Montag, der 2. Mai 2011

Problemindustrie Automobil

Vor zwei Wochen habe ich von einem Interview mit Professor Stefan Bratzel in der Zeitung ATZ elektronik berichtet. Da ging es um die drohende „Ent-Emotionalisierung“ des Autos. Das hat mich damals richtig gerissen.

Mir persönlich reicht ja die Mobilität mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Bei Entfernungen bis 20 km ist die Mobilität aus eigener Körperkraft (Fahrrad) eh das beste. Wenn ich keinen Zeitdruck habe, gerne auch mehr als 20 km. Für mich ist das gut, ich habe körperliche Bewegung, frische Luft und nicht zuletzt ist das auch eine Gegenmittel gegen Stress und eine gute „Burn-Out-Vorsorge“.

Da bin ich aber sicher ein Exot. Das ist mir auch klar und so verstehe ich und akzeptiere ich alle Menschen, die gerne ohne den Einsatz eigener Körperkraft und nicht „zu öffentlich“ mobil sein wollen. Das ist alles OK, wenn es in einem vernünftigen Rahmen bleibt. Zum Beispiel dürfen nicht zu viele Menschenleben dafür geopfert werden und der berühmte CO2-Fußabdruck sollte nicht jenseits der Verträglichkeitsgrenze aufgebläht werden. So sehe ich die „Automobil-Industrie“ der Zukunft eher als den Lieferanten einer vernünftigen „Individual-Mobilität“ als den Hersteller eines emotionalisierten Spaßprodukts.

Davon ist sie aber auch weltweit noch weit weg. In Deutschland weiß sie das wohl auch selbst. Durch ihre Lobbyisten lässt sie deshalb beharrlich verkünden, dass sie nur existieren könne, wenn mindestens drei notwendige Bedingungen auch in Zukunft erfüllt bleiben:

  • Das Automobil muss ein emotionales Produkt bleiben.
    Das hat Stefan Bratzel in seinem das Interview klar zum Ausdruck gebracht. Das Auto muss unser „goldenes Kalb“ bleiben. Damit es weiter so gern und teuer gekauft wird.
  • In Deutschland darf es kein Tempolimit geben.
    „Freie Fahrt für freie Bürger“ ist der Slogan für das Recht, unbegrenzt schnell fahren zu dürfen. Das ist ein in Deutschland sakrosanktes Prinzip. Jeder Vorstoß für ein strenges Tempolimit wird sofort abgeschmettert. Es genügt der Hinweis auf den für die Automobilindustrie zu erwartenden Schaden und aus ist die Diskussion. Dies obwohl sich in Umfragen die große Mehrheit der Deutschen immer wieder für ein Tempolimit ausspricht.
  • Als Dienstwagen deklarierte Fahrzeuge dürfen unbegrenzt steuerlich abgesetzt werden.
    Die „Dienstwagenregelung“ ermöglicht es einem Unternehmen, alle Ausgaben für „Geschäftswagen“ als Kosten geltend zu machen und auch die Mehrwertsteuer komplett abzusetzen. Auch wenn das Geschäftsauto für „geschäftliche“ Zwecke gar nicht benötigt wird. Angeblich sind die meisten Fahrzeuge der Premium-Klasse auf Deutschlands Straßen als „Dienst- oder Geschäftswagen“ unterwegs. Auch diese Subvention scheint in Deutschland unabschaffbar – wieder mit der Begründung des Schadens für die Automobilindustrie.

Eigentlich müsste eine Industrie, die von solchen Voraussetzungen abhängig ist (oder zu sein scheint), alles tun, um sich davon unabhängig zu machen.

Also müssten wir:

  • Neue und ganz andere Autos bauen
    Wir bräuchten Fahrzeuge, die sich auch über Vernunft verkaufen lassen, weil sie energiesparend und kostengünstig eine sanfte umweltschonende individuelle Mobilität ermöglichen. Am besten in ganz neue Mobilitätskonzepte integriert. Und dies müsste auch im Marketing „promoted“ werden.
  • Strenges Tempolimit einführen
    Ein Tempolimit sollte positiv als Druckmittel gesehen werden, um die Zukunft der individuellen Mobilität zu sichern und die Entwicklung dorthin zu ermöglichen. Nicht zuletzt um die Absatzchancen von „Neuen Autos“ zu erhöhen.
  • Dienstwagenregelung abschaffen
    Subventionen, die alte und nicht mehr zeitgemäße Strukturen fördern, sind nicht zielführend. Allein die Abschaffung dieser Mega-Subvention würde den Anteil der Vernunft bei der Autokaufentscheidung sehr schnell erhöhen.

So wie wir mit „im alten Denken“ mit herausragenden Fahrzeugen außerordentlich erfolgreich waren, müssen wir jetzt endlich beginnen, eine ganz neue Art von hybrider Mobilität (individuell/öffentlich) zu entwickeln. Wenn die Autoindustrie diese Wende nicht von schafft, wird es eines Tages ganz schnell mit ihr abwärts gehen. Nicht nur in Deutschland, sondern bei den Herstellern von „Kraftwagen“ in der ganzen Welt.

Wir können in Europa und Deutschland nur erfolgreich sein, wenn wir uns an die Spitze von Entwicklungen setzen, die sowieso stattfinden werden. Auch wenn andere (ehemals) reiche Länder wie auch aufstrebende Schwellenländer) dies noch nicht verstanden haben, noch im Gestern leben und automobil-mäßig gerade erst so richtig aufrüsten.

RMD

 

 

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2 Kommentare zu “Problemindustrie Automobil”

  1. Chris Wood (Montag, der 2. Mai 2011)

    Yes, all that has been written over and over, but still it needs to be repeated until something happens. My only doubt concerns tax write-offs. In general, business costs can be written off, without great investigation whether they are reasonable, or generally undesirable. Roland, can you give one good reason why cars should be an exception to this rule?
    In general, fossil energy, whether nuclear or carbon based costs the world far more than what it takes to dig it up and use it. These costs should be carried by the user, and not by the tax payer. This should apply for both business and private use. On the other hand writing off the added value tax is OK, as long as any scrapping costs are otherwise accounted for.
    Of course, there is always the issue of why should Germans be good, (e.g. about the world climate), when the rest of the world is not. There are similar concerns regarding weapon exports. In both these areas Germany seems rather hypocritical. Germany is a big weapon exporter, while trying to look rather pacifist (e.g. in Iraq and Libya). Germany exports luxury cars, and imports electricity, while reducing the local CO2 production. In both cases, poor countries are the main victims.
    Of course, nature is red in tooth and claw. Evolution is driven by competition, modified by reasonable cooperation. The great problem is to organise enough cooperation before the competition destroys civilisation, (assuming civilisation to be desirable).

  2. Jens-Christian Lang (Montag, der 2. Mai 2011)

    Ich fürchte, dass die Automobilindustrie in Deutschland in wenigen Jahren die Ernte ihrer unbelehrbaren Strategien einfahren wird.

    Dass Umweltschutz sexy ist, und konkurrenzfähige Produkte durchaus emotionalisieren können zeigt uns ein Marktbegleiter aus dem Ausland.

    http://www.teslamotors.com/models/

    Ab knapp 30.000 EURO wird es den Siebensitzer mit einer Reichweite von bis zu 480 Km wohl auch mittelfristig in Deutschland geben – die Auslieferung in den USA beginnt 2012.

    Genug Zeit für die deutschen Autobauer um konkurrenzfähig zu bleiben (werden)?

    Ich will es hoffen.

    JCL

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