Roland Dürre
Samstag, der 17. August 2019

Wachstum.

Nicht nur beim Schach sollte man ab und zu mal denken.

Es erscheint klar, dass die Menschheit, also wir alle, WENIGER produzieren muss. Das meint,

– weniger Autos

– weniger Flugzeuge

– weniger Panzer

– weniger Maschinen

– weniger Straßen

– weniger Elektrogeräte

– weniger Gebäude

– weniger Beton und Teer

– weniger Kriege

– weniger Plastik

– weniger Müll

– weniger Fleisch

– weniger CO2 …

– und so weiter.

Natürlich müssen wir auch weniger Öl, Kohle und Gas und weniger Boden und Natur verbrauchen oder besser „nicht zerstören“. Wahrscheinlich sollten wir auch aufhören, Stauseen anzulegen, ist deren Schaden doch meistens groß und der Nutzen langfristig oft sehr fraglich. Und allgemein die großen Eingriffe in die Natur komplett einstellen.

Für diese Liste, was wir alles WENIGER tun sollten, sehe ich viel WACHSTUM. Ganz allgemein, weniger Unsinn machen!

Das heißt, uns ist klar dass es mit dem Wachstum als Allheilmittel vorbei ist. Jede Nachricht, dass die Wirtschaft wächst ist so eine schlechte Nachricht, und die Kunde vom „negativem Wachstum“ tut gut.

Nach wie vor ist das ganz große politische und wirtschaftliche Ziel WACHSTUM! Und was machen die Institutionen der Menschheit, wie die Regierungen und Notenbanken? Weltweit wird durch Geldmarktpolitik versucht, das Wachstum zu stützen, ja zu erzwingen. Da wird sogar zu eigenartigen Werkzeugen wie „negativen Zinsen“ gegriffen. Um das große Feuer der Wirtschaft um jeden Preis an zu blasen.

Der Brexit ist ein gutes Beispiel. Wenn ich die Brexit-Kritiker höre, dann ist ihr Hauptargument gegen den Brexit, dass der Brexit nicht nur den Wohlstand und das Wachstum der Briten sondern das von uns allen reduzieren würde. Aber das wäre doch dann gut für die Welt? Dann könnte man zum Schluss kommen, dass wir ganz viele „Brexits“ und eine ganz andere und sehr alternative Form von Globalisierung bräuchten.

Dem Wachstum zu Liebe haben wir Negativzinsen. Die bewirken aber keine „soziale Gerechtigkeit, im Gegenteil sie schaffen eine noch stärkere Polarisierung von Arm und Reich. Ich habe sie ich noch nie verstanden.

Wenn ich Geld herleihe, besteht doch die reale Möglichkeit, dass ich es nicht mehr zurück bekomme. Warum soll ich also Geld verleihen, wenn ich schon von vorne vereinbart ist, dass ich zusätzlich zum Verlustrisiko weniger zurück bekomme?

Evolutionär gezwungen beginnt sich unsere Gesellschaft, sich individuell wie auch kollektiv immer mehr gegen Wachstum zu wehren. So entstehen mittlerweile sogar Gesetze, die das WENIGER einfordern. Und da die Politik nicht handeln will, appelliert sie moralisch an das die Individuen. Fliegt weniger, esst weniger Fleisch und Ähnliches prasselt es auf uns ein. Da die Politik nicht in der Lage ist, ihre Aufgaben zu erledigen, wird das Problem zurück an die Bürger gegeben.

So entsteht ein schizophrenes System. Unser perverses Wirtschaftssystem kommt mir metapherhaft wie eine Dampfmaschine vor. Die Zentralbanken und die Politik heizen an und erhöhen den Druck im Kessel. Die Menschen versuchen die von der Dampfmaschine angetriebenen Maschinen mit Widerständen zu versehen um den Wahnsinn zu bremsen.

Normalerweise zerreißt es dann die Anlage und alles fliegt in die Luft. Als Folge eines ganz normalen Systemversagens.

Ob es innerhalb des Kapitalismus allerdings überhaupt die Möglichkeit gibt, aus der wachstumsfixierten Umweltzerstörung auszubrechen und eine Abkehr vom fossilen Raubbau hin und zu einer nachhaltigen zirkulären Ökonomie zu erreichen, ohne die Grundprinzipien des Kapitalismus selbst infrage zu stellen, ist mehr als fraglich.

Aber warum ist das mit dem WENIGER nur so schwierig? Meine persönliche Erfahrung mit dem WENIGER ist sehr positiv. So denke ich mir: Wie schön wäre ein freiwilliges, kreatives und kollektives WENIGER.

Weniger Lärm, weniger Müll, weniger Zerstörung. Das wäre dann eine große Transformation mit viel Veränderung, auch der regierenden kapitalistischen Metrik. Bei so einem innovativen Prozess würde viel zerstört werden. Denn Innovation ist kreative Zerstörung.

Allerdings muss irgendjemand die Transformation steuern und versuchen die Folgen zu lindern. Wer könnte das nur sein?

Die Politik? Dort wird gerade über den Soli diskutiert. Vielleicht wäre es eine gut Idee, diesen nicht abzuschaffen sondern umzuwidmen. Vergessen wir die Wiedervereinigung. Und nutzen den Soli, um den Absturz der absehbaren Opfer der zur Rettung des Planeten notwendigen Transformation ein wenig abzufangen. Die und ihre Folgen dürften nämlich heftiger werden als das bisschen Wiedervereinigung.

Die Transformation kommt sowieso! Und wenn wir uns nicht endlich mal selber daran machen und sie weiter aufschieben, dann kommt sie ganz von selbst, wahrscheinlich dann ziemlich disruptiv und wird uns noch härter treffen.

Das permanente Verschieben von Aufgaben, die man dringend angehen sollte, nennt man übrigens Prokrastination. Unsere Politiker sind also Prokrastinatoren.

RMD

3 Kommentare zu “Wachstum.”

  1. Joachim Schnurrer (Dienstag, der 20. August 2019)

    Einverstanden! ABER
    Wir, die „alten weisen Männer“ haben gut reden. Alle Vorteile genossen, die das Wachstum für uns bereit hatte. Nun, kurz vor dem Ende, heben wir den Zeigefinger!
    Ist wohl nicht OK.
    Das Einzige, was wir tun können, ist allenfalls unser jetziges „gutes“ Tun zu erzählen, ohne dass dies uns entlasten würde, bei unserer verschwenderischen Vorgeschichte.
    Letztendlich ist die Erde für eine endliche Zahl an Bewohnern geeignet. Je nach Lebensweise. Darum wird noch erbittert gestritten werden, nicht nur mit Worten.
    Die Politik wird da keinen Einfluß haben! Das Einzige wird der Leidensdruck sein, der zwangsläufig entstehen wird. Der wird allerdings nur durch die Naturgesetze in Kraft gesetzt, nicht von irgendeiner Einsicht der Menschheit. Die schlimmste Entwicklung ist „The winner takes it all“! Dieser „Wettbewerb“ läuft bereits auf vollen Touren!
    Der Trost für uns „alte weise Männer“: Wir werden das nicht mehr erleben.

  2. Martin Bartonitz (Donnerstag, der 31. Oktober 2019)

    Lieber Roland,

    Du fragst, warum immer nach Wachstum geschrien wird. Das ist leider System-immanent. Erst wer in der Tiefe versteht, wie unser Zinsgeldsystem versteht, dem wir klar werden, dass dies der Wachstumstreiber ist.

    Ich hab vor einigen Jahren erkennen müssen, dass dieses Zinsgeldsystem nichts anderes ist als die moderne Kette der Leibeigenschaft. Erst wer ca. 500.000 € mit 5.% Verzinsung einsetzt, ist auf der Nulllinie der Zinssklaverei. Wer drunter steht, ist Zinssklave und muss für Jene arbeiten, die darüber liegen.

    Silvio Gesell, der kurzzeitige Finanzminister der Räterepublik München (1918), hatte die Zusammenhänge sehr klar darstellen können. Leider hat er ja nicht viel Zeit gehabt, zu zeigen, wie es mit dem fließenden Geld funktionieren kann. Das hatte ja bisher nur Wörgel für ein Paar Monate eindrucksvoll aufzeigen können.

    Nicht von ungefähr hatte die NSDAP das Thema Zinsknechtschaft als Zugpferd mit dabei. War aber dann doch schnell aus dem Programm, als sie an die Macht kam.

    Was also tun: Gesell folgen :-

    Herzliche Grüße
    Martin

  3. POLITIK. - IF-Blog (Freitag, der 8. November 2019)

    […] meinem Artikel Wachstum habe ich mich beklagt, dass „die Politik“ so wenig macht, um den Planeten als unsere […]

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