Roland Dürre
Mittwoch, der 2. März 2011

Wahrheit und Gewissheit II – Ein Trick aus der Dialektik

Fortsetzung von MiauMiau und WauWau (1)

MiauMiau und WauWau (2)!

Wie ist das, wenn der eine MiauMiau und der andere WauWau denkt? Wie gehen wir damit um, wenn wir uns im Besitz der alleinigen Wahrheit fühlen und das dringende Bedürfnis haben, diese anderen Menschen mitzuteilen oder noch schlimmer sie unbedingt von unserer Gewissheit überzeugen zu müssen? Oder umgekehrt, wenn uns die Inhaber der alleinigen Wahrheit bekehren wollen?

Vor kurzem hat mir ein Freund dazu diese Sätze geschrieben:

Was die ‚Wahrheit‘ betrifft resp. das, was man dafür hält, so habe ich einmal gelesen, dass man seinem Gegenüber dieselbe wie einen Mantel anreichen solle, so dass er bequem hinein schlüpfen könne – oder sie ihm wie ein nasses Handtuch ums Gesicht schlagen könne.

Erfolgversprechender ist sicherlich die erste Methode, und sich selbst etwas zurückzuhalten ist weniger Feigheit als Klugheit und Selbstbeherrschung.

Da hat er sicher recht. Zu oft werden uns die vermeintlichen Wahrheiten der anderen wie ein nasses Handtuch von gut meinenden (oder bös meinenden) Mitmenschen ins Gesicht geschlagen. Und natürlich wäre die Methode mit dem Mantel besser. Ein schönes Bild.

Es gibt aber auch eine Technik, wie man sich klug gegen das „nasse Handtuch“ wehren kann.

Man darf nicht sofort das eigene, vielleicht noch schwerere „nasse Handtuch“ ergreifen und dies dem anderen ins Gesicht zurück schlagen. Das ist falsch und führt zu nichts, bestenfalls zu einer Handtuchschlacht.

Vielmehr versuche man die ja einem absolut gegen den Strich gehende Wahrheit bzw. „Gewissheit“ des Diskussionspartners sich selbst zu eigen zu machen. Einem kleinen Trick aus der Dialektik folgend stelle man sich die Frage:

Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ich die Meinung meines Gegenüber zu meiner eigenen machen kann?

Mit einer solchen Überlegung gelingt es uns:

  • Bedingungen zu finden, die so unsinnig sind, dass sie uns exzellente Argumente gegen die fremde Gewissheit liefern und wir diese leicht widerlegen können
    und/oder
  • zu erkennen, dass das „fremde nasse Handtuch“ gar nicht so völlig unvernünftig ist und wir vielleicht daraufhin unsere eigene Bewertung verändern können.
    🙂 fast hätte ich „Bewissung“ anstelle von „Bewertung“ geschrieben.

Der erste Punkt verbessert die eigene Position durch bessere Argumente, der zweite hilft, die eigene Position zu überdenken und zu verändern. Beides ist wertvoll und hilft im Gespräch, bei der Debatte, Diskussion oder Erstellung einer Rede. Oder auch einfach beim sozialen Zusammenlesen.

So kann man auch seine rhetorischen Fähigkeiten üben und die eigene „soziale Intelligenz“ verbessern.

Probieren Sie doch selber mal diesen kleinen dialektischen Trick aus. Zum Beispiel bei einem Leitartikel, der eine völlig blödsinnige These verführerisch und scheinbar richtig, in der Tat aber logisch völlig falsch begründet.

RMD

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2 Kommentare zu “Wahrheit und Gewissheit II – Ein Trick aus der Dialektik”

  1. Chris Wood (Mittwoch, der 2. März 2011)

    Certainly this is good advice in very many cases. But it can be taken too far.
    All my life, I have been too good at seeing both sides of any argument. Despite my significant mathematical talent, this has led me into a wishy-washy life, short on achievements.
    I am just reading a book on the blundering history of the CIA. I remember how I read the Readers Digest and the conservative English press, and largely accepted their warped views of affairs. On the other hand, I accepted the moral teaching of the Anglican Church, even if I did not always organise my life accordingly. In order to make a mark in the world, I needed to get more involved in the conflict between these views.
    Incidentally, it is a serious problem in the world that countries, and particularly parties, that are theoretically Christian do not follow the teachings of Christ. They neglect to love their neighbours as themselves, or at least they interpret „neighbours“ too literally, which is contrary to the Parable of the Good Samaritan.
    I remember talking with my brother Frank and an Italian girl at the time of the first American manned satellite. She reacted to the news with „poor boys“. I considered that the „boys“ had volunteered to go up, fully understanding the risks. But she could be right that they had not thought things through properly. Frank reacted quicker. He asked her whether she would say the same about Russian cosmonauts. „No“, she said, „the Americans are poor boys, because they have little idea where they will come down“. She thought the Russians managed this much better. So Frank and I realised quickly that she was a benighted communist, with whom one could not reasonably discuss politics.
    Of course, Roland, you can now say that I have not yet said anything against your posting. The trouble is that you are recommending too much hard work. You advise considering everything carefully. But there is too much to consider. Incidentally, you do not follow your own advice. Otherwise you could hardly have disagreed with any of my blog comments! I find too that your disagreement is rarely „a comfortable new coat“. No, you are a guy with firm views, which you disguise as a comfortable new coat. This is surely part of the secret of your success.

  2. Hans Bonfigt (Donnerstag, der 3. März 2011)

    So if you can make your Opponent believe that he is the one who
    just happened to invent the new comfortable coat, you’ll be perfectly
    fine.

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