Roland Dürre
Mittwoch, der 31. Oktober 2012

Warum auf so vielen Tagungen so viele Vorträge nichts taugen!

Ein paar meiner Freunde waren vor nicht allzu langer Zeit auf einer Forum-Tagung zu Projekt Management. Ihre Rückmeldung waren nicht so besonders. Die eine oder andere „keynote“ hätte die Zuhörer begeistert.  Auch wäre in einem von mehreren „Streams“ etwas  Vernünftiges dabei gewesen. Aber unter dem Strich wäre das Gros der Vorträge doch sehr enttäuschend gewesen – dominiert von Belanglosigkeit, Praxisferne, Selbstdarstellung oder Werbung. Außerdem wären viele Vorträge auch schlecht gehalten und oft nur abgelesen worden.

Das ist keine Ausnahme. Gerade bei renommierten und teuren Tagungen fällt mir seit längerem auf, dass die Qualität der Vorträge immer schlechter wird. So gehe ich nur noch wenn es unbedingt sein muss, auf solche Veranstaltungen. Ist eigentlich schade, denn Tagungen und sich Treffen an sich sind wichtig. Zum Leute „Kontakten“ und Treffen, zum Kommunizieren. Nur sind diese Tagungen halt auch zeitintensiv. Und wer mag heute schon seine wertvolle Zeit für zwei oder drei Tage am Stück ausgeben, wenn das Ergebnis unteroptimal ist?

Für dieses zweifelsfrei existierende Phänomen der schlechten Vorträge auf konventionellen Tagungen habe ich eine Erklärung. Nach meiner Meinung liegt dies unter anderem am Auswahlverfahren der Vorträge.

Mich erreichen häufig „Call for Papers“, oft werde ich auch ganz persönlich angesprochen, ob ich nicht etwas einreichen möchte. Da sind oft Tagungen dabei, die Überschriften haben, die mich durchaus interessieren: Wirtschaft, Führung, Management, Projekte, Wandel, Innovation, Agile Methoden. Könnte mir da ab und zu auch durchaus vorstellen, einen interessanten Beitrag zu leisten. Dafür müsste ich aber ein Papier einreichen. In dem ich mich ein halbes Jahr vor dem Vortrag festlegen soll, was ich dann berichten will.

Das ist mir ehrlich gesagt zu blöd und aufwändig. Da hilft auch das Lockmittel nicht, an der Tagung umsonst teilnehmen zu dürfen. Weil ich ja eben die Zeit nicht habe, mir dann zwei Tage mehr oder weniger unattraktive Vorträge anzuhören.

Außerdem habe ich genug Nachfragen, bei Veranstaltungen und Institutionen aller Art einen Vortrag zu halten. Das genügt mir völlig. Wenn mir die anfragende Gruppe sympathisch ist und es bei mir rein passt, dann nehme ich die Einladung an. Bei Universitäten und/oder gemeinnützigen oder „modernen“ Foren halte ich meine Vorträge prinzipiell „for free“. Als Teil des „Teilens von Wissen“.

Meine Freunde und die guten Referenten, die ich kenne, machen es genauso. Keiner von ihnen hat es nötig, einen Vortrag einzureichen, nur um auf einer Tagung dann sich selbst darstellen oder für ihr Unternehmen werben zu können. Für einen guten Zweck reden sie sogar umsonst oder gegen eine Spende für etwas Gemeinnütziges (ich bevorzuge da in der Regel AI). Oder sie verlangen ein Honorar, manche sogar in der Steinbrück-Klasse.

Welche Leute bewerben sich typischerweise bei einem „Call of Paper“?  Ich finde da oft Universitätsangehörige, die ihre Arbeit noch an zweiter Stelle verwerten wollen, Mitarbeiter von Firmen, die Ihre Öffentlichkeitsarbeit verbessern wollen. Nach dem Motto: Der Chef hat gesagt: „Mayer, halten Sie doch mal Vorträge bei den Tagungen A, B und C!“. Oder es sind Menschen, die von einem Thema fanatisch besessen sind. Oder Übertheoretiker, die ihre persönliche Theorie wie ein Messias kundtun wollen. Meistens sind es aber Menschen, die sicher einen guten Job machen, aber sich halt einfach profilieren wollen, weil sie sich durch eine Erhöhung ihres Bekanntheitsgrades ein besseres berufliches Fortkommen erhoffen. Was sicher nicht verwerflich ist.

Da die Einreichungen in der Regel limitiert sind, darf oft jeder, der dann einreicht auch reden. Man ist häufig froh, die Streams überhaupt besetzen zu können. Wenn mehr „Papers“ als „Slots“ da sind, haben wir das nächste Problem. Der Auswahlmechanismus erfolgt in der Regel nach der Papierlage. Jetzt gibt es aber keine Korrelation zwischen der formalen Güte des Papiers und der Fähigkeit des Redners. So kann es gut sein, dass bei der Auswahl sogar die guten Redner ausscheiden und die schwachen bleiben.

Ich könnte mir da auch Lösungen vorstellen. Zum Beispiel kann der Veranstalter einen Probevortrag verlangen. Wenn das zu aufwändig ist, dann halt eingereicht als Video. Ober besser natürlich als Link auf Youtube. Dann geht zwar der „Live-Effekt“ verloren, aber man kann sich zumindest eine Vorstellung machen. Noch besser wäre es, wenn man die Referenten persönlich kennen lernt. Sich mit ihnen trifft, den Vortrag durchspricht und sich ein rundes Bild macht. Das kostet natürlich Zeit. Aber wäre diese Zeit nicht für eine tolle Tagung gut investiert?

Eine ganz pragmatische und vielleicht innovative Idee hätte ich auch noch: Man lade viele Menschen zu einer Konferenz ein, schaue in einem größeren Team die Anmeldungen durch und bittet die Teilnehmer, die man persönlich, direkt oder indirekt, kennt, einen Vortrag zu halten. Da habe ich natürlich ein Henne-Ei-Problem, denn die Besucher müssen halt das Vertrauen haben, dass es eine Super-Konferenz wird und die richtigen Menschen so da sein werden.

Aber an einer Tatsache wird auch das nichts ändern. Denn die Referenten, die sich aktiv bemühen, Vortrage zu halten, sind eben nicht die guten. Das sind die, die eh laufend angefragt werden. Das wurde mir auch auf einem Wettbewerb der GSA (German Speaker Association) bestätigt. Die GSA macht immer so eine Art „Deutschland sucht das Supermodell“ für Redner. Da kann man – wenn man Mitglied ist oder werden will – sich mit einer Proberede vorstellen. Meistens bewerben sich hier „professionelle Redner“, die ihren Lebensunterhalt mit Reden oder als Trainer verdienen (wollen). Einmal war ich eingeladen und überrascht, wie niedrig das Niveau dort war. Die meisten „professionellen Redner“ konnten den Menschen, die ich auf Barcamps oder Jam-Sessions erlebe, nicht das Wasser reichen.

Nein, die guten Redner werden geholt und bewerben sich nicht. Oder sie sitzen entweder ganz im Verborgenen unter uns, und konzentrieren sich auf ihr Können. Da muss man sie finden! Manche davon gehen am Wochenende auf ein Barcamp und tauschen ihr Wissen aus. Nur als Redner auf den Tagungen findet man diese Menschen in der Regel nicht.

Ich beende den Artikel mit Werbung für unser PM-Camp in Dornbirn vom 8.- 10. November (das aber leider eh schon fast ausgebucht ist).

RMD

Be Sociable, Share!

1 Kommentar zu “Warum auf so vielen Tagungen so viele Vorträge nichts taugen!”

  1. Johannes Link (Mittwoch, der 31. Oktober 2012)

    Und dann gibt es noch die guten Redner, die einfach der Meinung sind, dass eine Community, wie sie sich oft hinter nicht-kommerziellen Konferenzen versteckt, gute Themen und gute Präsentationen verdient hat. Und die reichen dann auch oft genug Vorträge auf einen CfP ein.

Kommentar verfassen

*