Roland Dürre
Donnerstag, der 1. Januar 2009

Warum fahre ich eigentlich Rad? Und viele andere Fragen …

Zum Jahreswechsel frage ich mich, wie es denn so weiter gehen wird. Wie lange dauert es noch bis zum Ende des automobilen Zeitalters? Ist das infomobile Zeitalter schon da? Wird die Veränderungen evolutionär oder ruckweise mit tsunami-ähnlichen Auswirkungen stattfinden? Und warum fahre ich eigentlich immer mehr Fahrrad, obwohl das doch bei einer globalen Betrachtung recht sinnlos erscheint?

Dienstfahrten bis zu 10 km versuche ich überwiegend mit dem Fahrrad zu erledigen – unabhängig vom Wetter und der Jahreszeit. Bei schönem Wetter auch gerne bis zu 20 km. Wenn es wichtige Gründe gibt, weiche ich gelegentlich auf den MVV (Münchner Verkehrs Verbund) aus. Auch zum Einkaufen fahre ich gerne mit dem Fahrrad, da benutze ich dann einen wunderschönen Anhänger.

Wenn ich bei Sauwetter mit dem Rad unterwegs bin, nehme ich eigenartige Reaktionen wahr. Unverständnis ist die harmlose Form „Wie kann man bei einem solchen Wetter nur radeln?“. Oft werde ich ganz schlicht für verrückt gehalten. Und ab und zu wird mir die Frage gestellt, wieso ich eigentlich (fast) immer mit dem Rad komme.

Ich fahre gerne Fahrrad – auch bei schlechtem und kaltem Wetter. Ich genieße die Bewegung und die frische Luft. Für meine ungeduldige Seele ist es gut, nicht im Stau zu stehen. Und ich liebe die Muße der gewonnen Zeit, in der ich mich morgens auf Termine vorbereiten und Abends auf den Feierabend freuen kann. Beim Radfahren bilden Körper und Kopf eine Einheit, das macht mich ausgeglichen. Wenn mir – im Winter selten genug – ein Radler entgegen kommt, grüsse ich ihn freundlich. Eine Fahrt in der Wintersonne durch eine weiße Welt wird zum Genuß. Auf die Frage, ob es nicht zu kalt fürs Radeln ist, antworte ich, dass man bei diesem Wetter ja am liebsten in den Bergen beim Schifahren wäre und es dort viel kälter ist.

„Mein“ Radfahren ist ein stiller Protest gegen die Selbstverständlichkeit der Autogesellschaft. Autos sind das primäre Element unserer sozialen Selbstdefinition geworden. Wie war dies möglich? Woher kommt unsere hohe Emotionalität, wenn es ums Autofahren geht? Warum setzen wir einen so wesentlichen Anteil unserer Wertschöpfung und Wirtschaftsleistung für den Individualverkehr ein und ignorieren dessen Schäden so gelassen. Autos beherrschen uns, wir nehmen das Risiko in Kauf, als Autofahrer andere Menschen zu verletzten oder gar zu töten. Einen relevanten Teil unseres Lebens verbringen wir hinter dem Steuer und verrichten dort freiwillig eine Arbeit, die gesellschaftlich nicht besonders angesehen und dementsprechend schlecht bezahlt ist, zudem ungesund für Körper und Geist. Und schimpfen in unserer sozialen Isolation auf andere Autofahrer, oft in einer beleidigenden Art wie sie im normalen Leben undenkbar wäre.

Viele Menschen meinen, dass das Auto Zeit sparen würde und auch sonst beliebig große Vorteile bringen würde. Dass individuelle Mobilität wesentliche Vorteile verschafft, kann als kollektiver Selbstbetrug entlarvt werden. Autofahren ist bequem, aber ist Bequemlichkeit eine Tugend? Vieles bleibt im Auto auf der Strecke und der zu zahlende Preis ist hoch.

Viele von uns halten ein Leben ohne Auto für undenkbar, ohne Auto fühlen sie sich total gehandicapt. Wie konnte sich dieser (Irr-)Glaube verbreiten? Wie konnte das globale Credo entstehen, dass das Auto die Voraussetzung für Emanzipation und Entfaltung personalen Glücks ist? Warum sind wir bereit, dem Individualverkehr unsere Gesundheit, Umwelt und Zukunft zu opfern? Wie konnten Automobile zu den „Goldenen Lämmern“ unseres Zeitalters werden? Haben wir nicht auf der Suche nach der Freiheit die Unfreiheit gefunden?

Je mehr ich Erfahrungen als als überwiegender Nicht-Autofahrer sammle, desto weniger verstehe ich das automobile Zeitalter. Mein Verzicht aufs Autofahren bringt zweifelsfrei auch Nachteile mit sich und erfordert gelegentlich kleine Opfer, dafür werde ich aber reich belohnt. Ab und zu fahre ich auch Auto, meistens dann, wenn der öffentliche Verkehr nicht mehr nutzbar ist – letztlich als Folge der Dominanz des Individualverkehrs. Und dann merke ich, wie ich mich z.B. in flachen Fahrzeugen unwohl fühle. Makabrer Weise finde ich Autofahren erst in einem SUV halbwegs erträglich.

Wir stehen am Ende des Jahrhunderts des Automobilen Zeitalters. Und vermeintlich stecken wir in der Klemme. Unsere Wirtschaft scheint abhängig geworden zu sein von der Bereitschaft der Menschen, einen wesentlichen Teil ihrer Einkünfte und ihres Lebens dem geliebten Statussymbol zu opfern. Deswegen subventionieren wir jetzt den Tanz um das “goldene Lamm”. Da ich weiß, dass Menschen halt so sind wie sie eben sind, finde ich das in Ordnung und bitte nur darum, die gegenwärtige Krise auch für sinnvolle Umstrukturierungen unserer gesellschaftlichen und sozialen Welt zu nutzen.

RMD

1 Kommentar zu “Warum fahre ich eigentlich Rad? Und viele andere Fragen …”

  1. Wolfgang Stief (Dienstag, der 6. Januar 2009)

    Danke Roland für diesen Aufsatz. Ich hätte meine eigene Meinung zum Thema nicht besser ausdrücken können! Ich wünsche Dir für 2009 viele trockene Radltage 🙂

    wolfgang

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