Roland Dürre
Mittwoch, der 23. August 2017

Warum wir Christophine brauchen! (II)

Das habe ich am 12. Juli geschrieben. Ein paar Tage nach dem ich als mittlerweile 67-jähriger wieder mal zur Grundschule gehen durfte. Und zwar in der Christophine. Und ich bin so froh, dass ich zu diesem Artikel so viel Zuspruch bekommen habe.

So erlebe ich, dass ich mit meiner Kritik an der Art und Weise, wie Kinder weltweit „erzogen“ und „gebildet“ werden nicht alleine stehe. Denn bei Schule geht meistens ums „dressieren“ und „formatieren“ eine jungen Menschen – und dabei bleibt der Respekt vor dem Kinde auf der Strecke.

Wie man mit Kindern respektvoll umgeht und ihnen den Raum gibt, selbst gesteuert und motiviert zu lernen und zu erleben, das ist genau das, was ich am 23. Juni in Marbach am Neckar erleben durfte. Hier mein Bericht:

Ich war an diesem Freitag einen halben Tag Teil der Klasse. Als nervöser neuer Schüler war ich natürlich ganz früh da. Und konnte mich freuen, wie die Schüler und Schülerinnen der Reihe nach eintrudelten. Es waren lauter gut gelaunte und fröhliche Kinder – die sich offensichtlich freuten, in der Schule angekommen zu sein.

Sobald die Klasse komplett war, wurde gemeinsam ein Lied gesungen. Das Lied bestand aus einer Begrüßung in vielen Sprachen – gemeinsam haben wir uns beim Singen auf den Tag gefreut.

Nach dem Lied gehörte an diesem Freitag die erste Runde den Kindern. Sie berichteten von einem Erlebnis, das ihnen wichtig war. Eines der Kinder war der Moderator der Runde – jeden Tag übernimmt diese Aufgabe ein anderes Kind.

Erzähler zu Erzähler ging eine gebastelte Pappkiste – die auf der einen Seite eine grüne und auf der anderen eine rote Scheibe hatte. Solange ein Kind sprach, dann zeigte den Zuhörern die rote Seite (Bitte seid still und hört mir zu!). Wenn es dann fertig war und Fragen erlaubte, drehte es die Schachtel um zeigte die grüne Seite (Jetzt dürft Ihr fragen und kommentieren!).

Es war toll, wie wohltuend kurz sowohl die Berichte wie dann auch die Fragen und Antworten waren. Wie die Kinder sich gegenseitig konzentriert zuhörten und ausreden ließen. Ich musste an das brutale Chaos denken, dass ich so oft bei so vielen Erwachsenen-Besprechungen (Meetings mit ganz wichtigen Leuten) erlebt habe …

Die zweite Runde gehörte der Arbeitsplanung. Die Kinder überlegten sich, mit welchen Tätigkeiten sie den weiteren Vormittag verbringen wollten. Ich war verblüfft, welch hohes Maß an Motivation die Kinder einbrachten und wie realistisch sie ihr eigenes Können bewertet und danach ihr Tätigkeiten ausgerichtet haben.

An der Christophine gibt keinen Sitz-Zwang. Deswegen tragen die Kinder leises Schuhwerk, damit sie die anderen Kinder nicht bei der Arbeit stören. Denn das ist ein wichtiges Recht, dass man auch einfordern darf (Bitte störe mich nicht bei meiner Arbeit!). Man arbeitet in Gruppen oder alleine – so wie es Sinn macht. Und wenn das Wetter passt geht es auch im Freien.

Mir ist aufgefallen, dass es in der Christophine eine Ordnung gibt, die für alle da ist. Die nicht als Zwang empfunden wurde, sondern eine gelingende Sozialität ermöglicht. Und die nicht Selbstzweck ist, sondern nur einen Rahmen gibt für einen vernünftigen Umgang mit sich selber und in der Gemeinschaft mit den anderen.

Die Sprache in der Schule war voller gegenseitigem Respekt – und wie ich sagen würde „alterozentriert“. Die Kinder können zu hören, waren in der Lage andere ausreden zu lassen und auf die Anliegen des Anderen einzugehen. Das ist so selten bei den Erwachsenen. So habe in dieser Schule ein erstaunliches Maß von redlicher und gewaltfreier Kommunikation zwischen Kindern erlebt! Ein „Aufeinander-Eingehen“, wie ich es im Erwachsenen-Leben nur selten wahr nehme.

Natürlich gab es auch einen Konflikt. Die wurde aber nicht von den Lehrern platt gemacht und herunter gebügelt. Die Streihähne (eins davon war ein Huhn) wurden angeleitet, vernünftig mit dieser Konfliktsituation umzugehen. Und wie es schwierig wurde, durften sich die jungen Kontrahenten zurück ziehen und ihr Problem unter vier Augen besprechen. Und spätestens als sie zum nahe gelegenen Dorfbrunnen gingen und ihre Hände ins Wasser gehalten haben, war der Konflikt bewältigt.

Und immer, wenn ich an die oft erlebte Erwachsenen-Welt denken musste, dann kamen mir die Tränen. Ja, der Rupert Lay hatte schon Recht, wenn er sagte, dass Kinder weise Wesen wären. Und wir, die Eltern und Lehrer, ihre Weisheit auf dem Altar der Erziehung opfern würden.

Und ich glaube auch, dass es durchaus Fortschritte gibt, wie z.B. in der Montessori Schule. Aber das ist mir zu wenig. Was wir brauchen sind doch viele freie und selbst organisierte Schulen mit einem zeitgemäßen Konzept. Ohne Indoktrination und zentrale Vorgaben.

Jetzt genieße ich die Sonne Griechenlands. Und überlege, was ich für die Christophine tun kann.

In meinem aktuellem Leben versuche ich meinen eigenen Frieden zu finden und meine Liebe zu mehren. Weil das die Voraussetzung für alles andere ist. Ich verbringe viel Zeit damit, Mentés (im Studium und beim Berufsstart) und jungen Unternehmern (geschäftlich beim Start-Up) zu helfen. Damit sie in ihrem Leben erfolgreicher und glücklicher werden.

Junge Müttern unterstütze ich bei ihrem beruflichen Wiedereinstieg, in dem ich Ihnen helfe einen „alternativen CV“ zu schreiben (Das was sie können und tun möchten beschreiben an Stelle das, was sie getan haben).

Mit Freunden habe ich Barcamps wie PM-Camp und ähnliche Veranstaltungen ins Leben gerufen, um „Neues Denken“ und „Muster Brechen“ populär zu machen. Ich vernetze laufend Menschen ganz allgemein, damit sie gemeinsam stärker und größer werden. Und versuche eine sinnlose Mobilität vorzuleben und meinen Wunsch nach Frieden Ausdruck zu verleihen.

Und manches davon scheint sogar ganz gut zu klappen. Das macht mich durchaus selber ein wenig glücklicher.

Aber wäre es nicht sinnvoller, meine Zeit und Kraft vor allem für die ganz Kleinen und Schwachen zu investieren? Unseren Kindern und Enkeln. Denen es nach meiner Meinung jedes Jahr ein wenig dreckiger geht, weil sie immer mehr wegen vermeintlicher Sachzwängen ihrer Freiheit beraubt und indoktriniert und werden. Damit sie brave Bürger und Konsumenten werden.

Unsere Gesellschaft meint es ja immer so gut, macht es aber dann gnadenlos schlecht. Leider sind unsere Kinder das beste Beispiel dafür. Sollte deswegen es nicht mein Hauptziel werden, für die Kinder zu wirken? Dass diese nicht klein sondern groß gemacht werden? Und sie als freie und autonome Menschen die bestmöglichen Voraussetzungen haben ein gelingendes Leben zu führen?

Also ganz typische Gedanken, wie ich man sie halt in einer wunderschönen Auszeit so hat.

RMD

P.S.
Die „Marbacher Pädagogik“ von Lorenz Obleser halte ich für so etwas wie das von mir geforderte zeitgemäße Konzept. Ich werde versuchen, im Artikel „Christophine III“ auch hier im IF-Blog dann gemeinsam mit ihm und weitern Protagonisten der Christophine dazu etwas zu formulieren.

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