Roland Dürre
Sonntag, der 6. Dezember 2015

Was ich nicht mag #34 – Lobbyismus, Marketing und ihre Verbände.

Im letzten Artikel habe ich versucht, meinen Pessimismus zu Best Practice, Methoden, Prozessen, Normierung, Zertifizierung usw. zu formulieren.

bild02791Daran muss ich denken, weil ich im ICE sitze, Hunger habe und trotzdem den per Durchsage im „Bordbistro“ angepriesenen Spaghetti Bolognese tapfer widerstehe. Und das, obwohl ich Spaghetti Bolognese sehr mag, aber eben nicht als „convenient food“.

Besonders, wenn diese heute bundesweit in allen ICEs auf deutschen Schienen angepriesen und serviert werden. Hergestellt und verteilt im Rahmen eines  optimierten und präzise abgearbeiteten Prozess. Mit viel Plastik als Prozessmittel.

Die Erinnerung, wie gut ich vor ein paar Jahren (2009)  in einem rumänischen Speisewagen „gespeist“ habe (im wahrsten Sinn des Wortes), macht es noch schlimmer. Es gab zwar „nur“ Fleisch, Gemüse und Kartoffeln, aber alles so richtig frisch auf dem Gasherd zubereitet. Köstlich. Bei mir kommt Bedauern auf, dass das alles vorbei ist.

Jetzt überlege ich mir, wer diese Entwicklung verursacht hat. Weg von individueller Qualität hin zum gesicherten und sterilen Mittelmaß. Sicher hat die Industrie ihre Mitschuld. Aber auch die Konsumenten haben das kräftig mit ihrem „Geiz ist geil“ befördert.

Aber ich wollte ja über Vereine schreiben. Wegen meinem Ärger, dass es „freie“ Vereine gibt, die diesen Unsinn der Normierung und Zertifizierung in der Welt auch noch befördern. Und jeden „Sch….“ auditieren“ und die angebliche Fähigkeit, diesen „Sch….“ anzuwenden, auch noch für teures Geld zertifizieren.

Aber gehen wir eine Ebene höher in die Welt der Vereine und Verbände. Deutschland ist ja so etwas wie das Land der Vereinsmeierei. Fairerweise muss gesagt werden, dass Vereine sehr unterschiedlich sind und verschiedene Zwecke haben können. Da gibt es NGOs, die in meiner Bewertung sich wie eine Trutzburg durch die Zeit erhalten haben. Dazu rechne ich AI (Amnesty International). Das sind aber in meiner Beobachtung nur ganz wenige. Zu stark ist die Kraft der Korruption, die vieles in den Sumpf oder zumindest in die Mittelmäßigkeit zieht.

Manche Vereine sind mit „edlen“ Motiven gestartet und haben sich zum mächtigen, bürokratisch-kommerziellen System entwickelt. Sofern sie trotzdem immer noch einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft bringen, finde ich das zwar nicht optimal aber zumindest irgendwie in Ordnung. Da denke ich z.B. an das Rote Kreuz, Green Peace, BND (Bund Naturschutz – nicht den anderen, der ja auch gar kein Verein ist) und ähnliche Organisationen.

Es gibt auch Vereine, die für eine Verbesserung in ganz konkreten, auch wirtschaftlichen Bereichen gegründet worden sind, wie der Verein für die Einführung von Normen (DIN). Andere wollten differenziert sozial wirken wollen und konkrete gesellschaftliche Probleme angehen, die der Staat nicht zu lösen schafft . Die finde ich auch OK, solange sie ihrem Auftrag treu bleiben.

Sportvereine sind eine weitere und besondere Kategorie. Sie sind gegründet worden, um eine besondere oder neue Tätigkeit (Sportart?) in Gemeinschaft ausüben zu können. Und das ist doch schön. So ist mir ein Sportverein zum Beispiel für Breitensport lieber als ein Unternehmen, dass seine Fitness-Studios strategisch wie beim Monopoly-Spiel ausbreitet.

Da alle Vereine – wie auch die Unternehmen – soziale Systeme sind, unterliegen sie den normalen Regeln der Entwicklung von Systemen. Oft verlassen sie im Lauf der Zeit die idealistischen Prinzipien der Gründer. Das ist ganz normal. Der Erhalt des eigenen System wird oft (fast ist die Regel) zum Hauptziel des Vereins.

An Stelle des von den Gründern ersonnenen Zwecks wird das Überleben des Systems zum Selbstzweck. Das gepaart mit „systemische“ Gier führt schnell zu (extremer) Kommerzialisierung. Hier ordne ich den Motorsport-Klub ADAC, den Alpensport-Klub Alpenverein und ähnliche Institutionen ein.

Gerade im Segment „Sport“ werden Vereine schnell zu Unternehmen der Unterhaltungsindustrie, der Logik „Brot und Spiele“ folgend. Diese entwickeln dann häufig kriminelle Dach-Organisationen. Weil es halt gigantisch viel Geld zu verdienen gibt. Und das ist immer eine Gefahr. Denn Gier dominiert oft.

Es gibt aber auch Vereine, die nicht aus idealistischen sondern „räuberischen“ Motiven gegründet worden sind. Diese haben von Anfang an nur eine einzige Aufgabe: Sie wollen (müssen) Vorteile ihren Mitgliedern Vorteile verschaffen. Um das zu erreichen, gilt es  Macht zu entwickeln. Rücksichtnahme auf das Gemeinwohl stört da nur.

So sind sie bei der Wahl der Mittel nicht zimperlich, auch Bestechung ist ein übliches Werkzeug. Solche Verbände mag ich noch weniger als die FIFA und ähnliche Verirrungen, wie sie aktuell gehäuft entdeckt werden. Übrigens zum Teil dank „Whistle-Blower“, die wir dringend brauchen.

Wir nennen diese Vereine „Lobbies“. Ihre Angestellten sind die Lobbyisten. Die üben enormen Druck auf Politik und Parlament aus, um für ihre Unternehmen oder Branchen Vorteile durchzusetzen. In der Regel ist ihnen kein Mittel heilig. Wichtig ist ihnen nur, den Auftrag ihrer Mitglieder durchzusetzen. Der heißt: Alle Hindernisse müssen aus dem Weg geschafft werden, die die Mehrung von Umsatz und Gewinn stören könnten. Und Lösungen zu organisieren, mit denen die gemachten Gewinne privatisiert und die ab und zu nicht vermeidbaren Verluste sozialisiert werden können. Da darf es nur ein Bäh geben!

Ich meine:
Der Lobbyismus ist eine der beiden großen Gefahren für die Demokratie. Die andere ist das sogenannte Marketing – für mich die Industrie der Katzengoldverkäufer und Glückseinflüsterer. Die Marketing-Industrie hat ein einfaches Motto „Kauf Dich glücklich!“. Das wird mit filigranen Methoden und Techniken zur Manipulation von Menschen verkündet. So wird die persönliche Entwicklung eines autonomen und selbstverantwortetem Leben (das nennt man Freiheit) zumindest erschwert wenn nicht unmöglich gemacht.

Wahrscheinlich wäre die Welt ein wenig lebenswerter ohne Lobbyismus und Marketing. Aber irgendwie stehen wir dem ganzen so absolut hilflos gegenüber.

RMD

1 Kommentar zu “Was ich nicht mag #34 – Lobbyismus, Marketing und ihre Verbände.”

  1. Joachim Schnurrer (Dienstag, der 8. Dezember 2015)

    Aus der Historie gibt es da ein Gleichnis, das einem in den Sinn kommen mag: Die Tempelreinigung vor ca. 2000 Jahren.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Tempelreinigung
    Man geht davon aus, dass Jesus die wirtschaftliche Macht der Tempelaristokratie brechen wollte.

    Der Abgeordnete (Politiker) schwört heute:
    „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden etc…… „deutschen Volkes“ muss natürlich durch Lobbyisten ausgetauscht werden, dann versteht man das gleich viel besser.

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