Roland Dürre
Sonntag, der 14. April 2019

Wer glaubt denn noch an VUCA?

Immer wieder wenn ich Veranstaltungen zu #newwork oder #agile besuche, dann höre ich dieselbe Klage:

Unser Leben wird immer „schneller“. Die hohe Geschwindigkeit der Veränderung führt zu einer hohen Komplexität, die uns überrennt. Also müssen wir „agiler“ werden, um damit fertig zu werden.

Ich entgegne dann, dass ich einen Scheiß muss. So muss ich auch nicht mit Komplexität fertig werden. Und überlasse die Komplexität einfach mal sich selber.

Schutz vor vuca in Bonnaire in der Karibik (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

Dann kommt die bange Frage:
Und Du, hast Du keine Angst vor VUCA?
Huch, vuca das klingt freilich zum Fürchten. So wie HORG (Hierarchische ORGanisation).

Nur VUCA ist halt auch nur eine der heute so beliebten Abkürzungen, die zu „buzzwords“ geworden sind. Wobei ein „buzzword“ für mich so etwas wie eine „leere  Phrase“ ist. Also so etwas wie Digitalisierung oder Nachhaltigkeit.

Bezeichnender Weise wurde die Verwendung von Abkürzungen im 3. Reich in Deutschland von der Bürokratie der NSDAP erfunden und massenhaft genutzt. Dann sind die abkürzenden Buchstaben-Folgen zum Exportschlager wurden. Frei nach dem Motto „Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen“.


VUCA
Laut Wikipedia ist VUCA ein Akronym für die englischen Begriffe volatility (Volatilität / Unbeständigkeit), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit).


Die VUCA-Prediger nutzen die harmlosen vier Buchstaben als Eselsbrücke für ihre Horrorbotschaft.

Aber war die Welt aus Sicht eines Menschen nicht immer schon vuca?

In der Steinzeit und im Mittelalter fing das für die Menschen wohl schon bei der Ernährung an. Gibt es heute etwas zu essen?

Auch aus der Sicht von Organisationen war die Welt immer vuca. Man denke nur an die Städte im Mittelalter, in denen sich eigengehörige Menschen mit ihren Mauern sehr aufwändig gegen vuca zu schützen versuchten.

Oder mein Lieblingsbeispiel: Die Weimarer Republik hat gerade 9 Jahre gehalten – und das 1000-jährige Reich hat in gerade 12 Jahren alles verändert (und dabei so viel zerstört). Was für ein Tempo! Echtes vuca! Sogar die DDR hat 41 Jahre (von 1949 bis 1990) existiert. Und die BRD (von 1949 bis heute) hat es aktuell schon auf 70 Jahre gebracht. So wenig vuca ist doch eigentlich unglaubbar.

So finde ich, dass die Welt schon immer vuca war. Eher mehr als heute. Denn die  „Betriebssysteme“ unserer sozialen Systeme haben sich stabilisiert und sind auch aufgrund ihrer „digitalen Zwangsjacken“ stabiler als früher. Wie will man ein großes Unternehmen, dass seine Prozesse in Office365 und SAP gegossen hat, denn noch verändern?

Nach meiner Bewertung ist unsere Welt vielleicht stressiger geworden. Oder hat zumindest uns eine neue Form von Stress gebracht. Nur Stress – klingt halt nicht so toll wie vuca. Als Leseempfehlung nenne ich hier das Buch
Phänomen Stress:
Wo liegt sein Ursprung, warum ist er lebenswichtig, wodurch ist er entartet?

von Frederic Vester.
Das enthält mehr lesenswerte Substanz als wir in der ganzen vuca-Literatur zusammen finden. Und kostet gebraucht weniger als einen EURO. Und noch meine 10 Cent zum Stress

Der Wechsel von Natur- zu Kulturwelt hat uns eine neue Form von Stress gebracht.

Wir haben eine Welt geschaffen, in der wir permanent mit Lärm vollgedröhnt werden. Die Luft ist verpestet von Abgasen. Unser Körper inklusive seines vegetativem (Nerven-)Systems ist vielen idiotischen Belastungen (wie Steuern von Autos ohne körperlichen Ausgleich …) und Einschränkungen (der Tag wird sitzend verbracht …) unterworfen.

Das können wir ändern. Wir müssen es nur wollen!

Weil wir genau die Dinge eh nicht brauchen, die uns fertig machen. Wir müssten viel weniger arbeiten und könnten mehr für uns tun, wenn wir uns besser organisieren würden oder nur einfach auf viel Unsinn verzichten würden.

Heute schuften wir im Hamsterrad meistens für nichts. Insofern halte ich es richtig, dass wir unsere Welt ein wenig einfacher gestalten sollten – im Sinne von Vermeiden von Abfall. Aber nicht über eine „vucasierung“ unseres Lebens klagen sollten. Denn das macht auch Stress. Also:

🙂 VUCA –> FGI (forget it)

RMD

2 Kommentare zu “Wer glaubt denn noch an VUCA?”

  1. Hans Bonfigt (Sonntag, der 14. April 2019)

    Hehe.

    Natürlich haben Sie recht – die Welt war auch „früher“ genau so komplex wie heute. Mit einem Unterschied:
    Wir haben früher versucht, Komplexität zu vermeiden. Heute gilt: Je komplexer und featurereicher, desto besser.
    Heute bin ich durch Grünwald gelaufen: Ein „SUV“ neben dem anderen, alle strotzen vor Komplexität. Selbst die Bescheiß-Software bei Mercedes ist komplexer: Anstatt die Abgasreinigung direkt abzuschalten, wird die gemessene Kühlmitteltemperatur vermindert, sodaß „über Bande“ abgeschaltet wird. Beheiztes Lenkrad. Massagethron. Das ist arm, arm und degeneriert. Diese Kisten müßten alle rosa angestrichen sein.

    Genau so aber geht es heute in der Softwareentwicklung. Früher kettenrauchende Männer, heute dauertwitternde, gickelnde, schon mit 30 zu fette Weiber.
    Und sie sind ganz geil auf Komplexität, je mehr Schnörkel, desto besser. Und dann beschweren sie sich darüber. Sehen Sie sich nur dieses Beispiel an:
    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Kommentar-zum-Internet-Explorer-Ein-Gespenst-geht-um-im-World-Wide-Web-4229968.html

    *WIR FRÜHER* hätten solche stinkenden Features überhaupt nicht genutzt, denn ein Webbrowser hält sich sinnvollerweise an allgemeine Standards. Und dann wundern sich die Kaffeetanten, daß sie schlechter bezahlt werden als Männer.

    Im übrigen hatten auch wir früher VUCA:

    Vision
    Understanding
    Care for Clarity
    Agnostic

  2. rd (Montag, der 15. April 2019)

    Meine Gedanken im Artikel drehen sich nicht um IT oder Autos sondern um die Gesellschaft ich sag mal im Sinne von „Soziologie“.
    Ich meine, dass wir dank des Glauben an den technologischen Fortschritt und an die „Kirche der Vernunft“ gemeint haben, dass wir Menschen das Leben „entVUCAisieren“ könnten, und jetzt halt bemerken, dass das ganze nicht funktionieren kann und wird. Und irrtümlicherweise meinen, dass es plötzlich „vuca“ geworden ist. Will sagen, dass uns mal wieder betrügen und jammern, wie schlimm alles geworden ist, obwohl es früher auch (nur anders) schlimm war :-).
    Und mein Eindruck ist, dass Unternehmen z.B. weniger Vuca geworden sind – auch wegen den „digitalen Zwangsjacken“. Das heißt auch, schwerer zu dynamisieren.

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