Roland Dürre
Samstag, der 6. Juli 2013

Wer nicht kooperiert, fliegt raus. Leichter gesagt als getan?

Das war auch so ein Dialog, über den ich viel nachdenken muss … Und wieder hat der Stefan einen Stein ins Wasser geworfen. Die Wellen haben dann auch mich erreicht und so kam es zu diesem Dialog und Artikel. Angefangen hat es mit:

Auf die Kooperation kommt es an: Zusammenarbeit organisieren! › Hagen Management GmbH, Dornbirn

Da hat der Stefan geschrieben:
In seinem aktuellen Buch „Radikal führen“ fordert der Top-Autor Reinhard K. Sprenger, dass Führungskräfte den „Kooperationsvorrang“ mit allen Mitteln durchsetzen sollten
(am besten Nachlesen).
Ich habe – vielleicht ein wenig zu vorschnell – geantwortet:
Wenn jemand dieses Ultimatum „Wer nicht kooperiert, fliegt raus“ tatsächlich so formuliert, dann ist das schon der erste Offenbarungseid …
Genauso könnte man auch schreiben: „Wir wissen was richtig ist, wer das nicht einsieht, fliegt raus!“
Und da denke ich mir: Adieu Zivilcourage und Bürgermut!
Und natürlich hat Stefan zurückgeschrieben:

Zugegebenermaßen ist die Formulierung provokant. Um Missverständnisse zu vermeiden, einige Gedanken dazu:

a) Gemeint ist NICHT, dass wir Ja-Sager in Organisationen brauchen.
b) Gemeint ist vielmehr, dass wir eine konstruktive Streit-Kultur in Organisationen brauchen.
c) Gemeint ist NICHT, dass kontroverse Meinungen bekämpft werden.
d) Gemeint ist aber, dass Menschen, die offensichtlich nicht kooperationsfähig oder -willig sind, in Organisationen nichts verloren haben.

Denn konsequente Einzelkämpfer können ihre Fähigkeiten gerne als Einzelunternehmer/innen ausleben. Organisationen hingegen sind angewiesen auf kompetente und lernwillige Menschen, die bereit sind, ihre Fähigkeiten in den Dienst einer gemeinsamen, übergeordneten Sache zu stellen. Nur so kann TEAMarbeit gelingen. Und darauf kommt es jetzt und in Zukunft an.

Roland, bist Du anderer Meinung? Wenn ja, bin ich sehr gespannt… 😉

🙂 Natürlich war ich nicht anderer Meinung. Aber antworten musste ich natürlich:
Hi Stefan, Deiner Formulierung a) bis d) stimme ich voll zu. Und auch dem Rest. Ich bin sicher auch der letzte, der in solchen Situationen nicht konsequent gehandelt hat und Menschen aus Teams entfernt bzw. Mitarbeiter gekündigt hat. Da waren auch „einsame“ und nicht einfache Entscheidungen dabei, die – glücklicherweise in den meisten Fällen nur anfangs – Irritation hervorgerufen haben und auf Unverständnis selbst im Team gestoßen sind.

Ich habe aber auch in Teams negative Erfahrungen gemacht bzw. beobachtet. Deshalb beziehen sich meine Sorgen auf den Grenzbereich, den es bei Querdenkern und „Nein-Sagern“ wohl immer gibt.

Witziger weise hat mir erst ein „konservativer“ Politiker wie Klaus Töpfer klargemacht, wie wichtig die community der „Nein-Sager“ bzw. die Kultur des „Nein-Sagens“ ist! Ich selbst war oft viel zu schnell dabei, Leute zu verurteilen, die sich gegen Windräder oder Stromtrassen ausgesprochen oder gewehrt haben. Und diesen das St.-Florian-Prinzip unterstellt (Lieber Heiliger, schütz mein Haus und zünd ein anderes an).

Und meine jetzt verstanden zu haben, welchen großen bis unersetzlichen Wert diese „Nein-Kultur“ und besonders auch die Querdenker haben können.

Auch deshalb, weil Organisationen und Systeme immer latent zu faschistoiden Strukturen neigen. Und zu oft ist es passiert, dass die „Nein-Sager“ und „Querdenker“ sehr schnell eben als die „diffamiert“ wurden, die wie Du schreibst „offensichtlich nicht kooperationsfähig oder -willig wären“ und nicht „an einem Strang ziehen würden“ und so die große vaterländische (oder unternehmerische) Aufgabe verraten würden.

Diese Gefahr besteht nach meiner Meinung besonders dann, wenn man selber mit großer Leidenschaft für etwas arbeitet, das einem subjektiv sehr wichtig und oft auch objektiv gut begründbar ist und so voll legitim scheint. Leidenschaft beim Tun und Machen schätze ich sehr. Und schon kommt der Ärger über lästige Störfaktoren und ganz schnell wird unsachlich und zu unrecht diffamiert.

Zusammenfassung:

Im Prinzip bin ich voll bei der von dem formulierten Anspruch, weise nur auf die Gefahr einer immer möglichen schleichenden Entstehung von – ich schreib das böse Wort – faschistischen Tendenzen in Organisationen / sozialen Systemen hin, mit denen auch „gute“ Neinsager und Querdenker mit Berufung auf „das übergeordnete Ziel“ oder gar das „große Ganze“ ausgegrenzt werden. Und ich empfehle Aussagen, die solche Begriffe enthalten, immer sehr kritisch zu hinterfragen …

Letzten Endes ist es wohl immer die Frage, wer bestimmt, was die „gemeinsamen, übergeordneten Sachen“ sind. Und da hapert es meines Erachtens auch in an sich guten demokratischen Strukturen sehr.

Vielleicht ist das Problem der Spagat zwischen Individualität und Kollektivität, dem wir Menschen permanent ausgesetzt sind.

Sorry für meine lange Antwort …

Noch zum Schmunzeln:

In meiner Jugend habe ich nur zu oft gehört:

„Wenn es Dir hier nicht gefällt, dann geh doch in die Sowjet-Zone“.

Und gerade im nach hinein muss ich sagen, dass das, was damals mir und meinen Freunden nicht gefallen hat, uns aus heutiger Sicht uns wirklich zu Recht nicht gefallen hat.
„Kaum ist ein halbes Jahrhundert vergangen und man sieht die Folgen schon …“

Weil das Thema mich nicht los lässt
Noch ein paar Gedanken!

Der Schwachpunkt ist wohl das „kollektive Ziel“. Teamarbeit ist für mich sehr positiv besetzt. Ich arbeite gerne im Team und glaube, dass dies unseren Befürfnissen entgegen kommt. Wir Menschen sind soziale Wesen. Und um „gute Teamarbeit“ zu ermöglichen müssen zweifelsfrei ab und zu „harte Maßnahmen“ entschieden und umgesetzt werden.

Das „kollektiv übergeordnete“ Ziel bleibt aber ein Problem. Wenn das ein gutes Ziel ist, gibt es ja zuerst mal keine Einwände. Was passiert aber, wenn das Ziel zum Selbstzweck wird? Oder so wichtig wird, dass alle Mittel „recht“ werden? Oder sich gar zum „schlechten“ Ziel wandelt, warum auch immer?

Ein „gesundes“ Ziel kann auch zum „kranken“ Ziel werden, ohne dass es sich selber ändert. Nur weil in der Welt ein (Werte-)Wandel stattfindet oder Rahmenbedingungen anders erkannt werden.

Und wenn dann das Team zu „optimal dressiert“ ist, kann ihm das „innere Immun-System“ fehlen, das vielleicht funktioniert hätte, wenn genau die als „Motzer und Miesmacher“ bewerteten Menschen noch an Bord sind.

Denn die „crowd“ des Teams muss dann ja die Situation retten – und wehe, wenn jetzt die „Bösen“ fehlen.

Vielleicht versuche ich mich zu diesem Thema mal mit einem Artikel oder einer Session auf einem barcamp zu widmen. Obwohl ich mit solchen Gedanken im Dialog mit bestimmt sehr klugen und guten Menschen auch schon gescheitert bin. Damals haben meine aus meiner Sicht harmlosen aber sehr wichtigen Einwände gegen eine stark zielorientierte Projekt-Organisation losgelöst von wesentlicher und kritischer Reflektion des Projektziels bei meinem Gesprächspartner eine große Betroffenheit ausgelöst, die dazu geführt hat, dass er meinte, ich würde ihm persönlich etwas unterstellen wollen.

Dabei wollte ich nur klar machen, dass kollektive Ziele leicht umkippen können, dies scheibchenweise und so, dass dies die „Ausführenden und Umsetzenden“ gar nicht merken (können). Und wenn man dann vorher die (vielleicht nur vermeintlich) „konsequenten Einzelkämpfer“ entfernt hat und nur noch die vielleicht genauso vermeintlich „kompetenten und lernwilligen Menschen im Team hat, die bereit sind, ihre Fähigkeiten in den Dienst einer gemeinsamen, übergeordneten Sache zu stellen“, könnte es sein, dass die innere Immunität eines solchen Teams gegen missbräuchliche Forderungen oder gar faschistoide Entwicklungen zu schwach wird.

Also:

Ich meine, dass die beschriebenen Außenseiter für Teams wichtig sein können, sogar dann wenn man sie als „asoziale Stinkstiefel“ wahrnimmt, die das Team nur belasten.

Vielleicht habe ich aber auch nur eine Paranoia vor zu gleichförmigen Teams und faschistischen Systemen, weil in mir der individualistische Teil sehr viel Angst vor dem kollektiven Zwang hat.

Dann kommen wir aber zum Thema der „gesunden Autonomie“ und machen ein völlig neues Fass auf. Das alles waren meine komplexen Gründe für die Kritik eines eigentlich völlig richtigen Gedanken.

RMD

3 Kommentare zu “Wer nicht kooperiert, fliegt raus. Leichter gesagt als getan?”

  1. Chris Wood (Sonntag, der 7. Juli 2013)

    For once I agree almost entirely with Roland. One must distinguish between an individual (or clique) that acts too selfishly, and one that has a different fairly reasonable opinion. This is not always easy.

  2. Chris Wood (Montag, der 8. Juli 2013)

    This crops up everywhere, e.g. marriage, or Egypt right now.

  3. rainwebs (Dienstag, der 6. August 2013)

    Vielleicht könnte man die Betrachtung an der gemeinsam getragenen Vision festmachen (wie in Scrum). Wer diese nicht mittragen kann, gehört nicht länger ins Team.

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