Roland Dürre
Mittwoch, der 30. November 2011

Wetten auf die Zukunft. Großprojekte.

Über den Sinn oder Unsinn von S21 und der dritten Landebahn des Münchner Flughafen muss ich immer wieder nachdenken. Und komm zu Schlüssen, die ich ich in der öffentlichen Diskussion vermisse.

Dazu meine These:

Ein Großprojekte ist immer eine Wette auf die Zukunft.

Ich habe nichts gegen Wetten. Im Gegenteil, ich finde diese notwendig. Im Prinzip ist jede unternehmerische Entscheidung, die für die Zukunft relevant ist, eine Art von Wette. Unternehmer zeichnet aus, dass sie investieren, weil sie an bestimmte Entwicklungen und zukünftige Märkte glauben. Sie wetten und arbeiten für das, an das sie glauben.

Bei den beiden erwähnten (und manch weiteren) Großprojekten hätte ich bei der Wette zwei Probleme:

Das hohe Risiko und die Finanzierung der Wette.

Zum Risiko stelle ich mir die Frage:

Wie wird die Mobilität in 5, 10 oder 20 Jahren sein? Oder gar in 30 – 50 Jahren?

Wird sie noch so dominant individuell sein? Wird da wirklich noch so viel geflogen werden? Wird vielleicht der Trend wieder mehr zum Bus und die Schiene gehen? Brauche ich dann vielleicht riesengroße Busbahnhöfe? Oder brauchen wir wieder mehr der Eisenbahn ähnliche Systeme auf der letzten Meile? Werden die Wasserwege noch genug Wasser haben und uns weiter als wichtige Transportwege zur Verfügung stehen? Wie wird Mobilität ohne Öl aussehen?

Für diese und weitere Fragen muss ich vernünftige Antworten finden, wenn ich so große Infrastruktur-Projekte im Bereich Verkehr angehe. Immer hin brauchen ja so teure Projekte mit langen Zeiträumen der Realisierung auch eine lange und intensive Nutzung, damit sie sich halbwegs rechnen.

Ich weiß nicht, wie gravierend sich unsere Mobilität nächsten 20 und mehr Jahren verändern wird. Und ich glaube (fürchte), dass in der aktuellen Lage unseres Planeten kein Mensch und auch kein Institut für Zukunftsforschung in der Lage ist, hier eine realistische Prognose zu machen. Bin aber sehr sicher, dass wir auch hier die Verschwendung reduzieren müssen und auch werden.

Nachdenklich werde ich, weil ich diese Wetten auf S21 und eine dritte Landebahn für viel riskanter halte als z.B. die Wette auf eine Gas-Pipeline, ein mächtiges deutsches Gleichstrom-Basis-Netz oder (um ein extremes Beispiel zu bringen) auf den Tunnel, der England und Frankreich verbindet. Diesen Tunnel halte ich für eine gute Sache, obwohl auch da die Wettenden pleite gingen (natürlich!).

Und der Einsatz für S21 und die neue Landebahn ist halt verdammt hoch. Bei S21 spricht man von 5 Milliarden, aber die Erfahrung mit all solchen Projekten zeigt, dass es auch inflationsbereinigt teurer werden wird. Ganz zu schweigen von den wirklichen Gesamtkosten.

Die dritte Landebahn kostet zwar „nur“ eine Milliarde, dafür wird zusätzlich aber auch sehr viel Natur und Boden geopfert. Die investierte Milliarde muss erst mal wieder rein verdient werden. Der verbrauchte Boden jedoch könnte in Zukunft recht wertvoll werden. Also: In der Summe droht ein (sehr) großes Verlustgeschäft.

Zur Finanzierung meine ich:

Schon als Kind habe ich gelernt, dass man Wetten nur eingehen sollte (wie auch an der Börse spekulieren), wenn man genug Spielgeld hat. Und das scheint ja, wenn ich den Nachrichten und Zahlen glauben kann, endgültig vorbei sein. Es gibt keine verfügbaren Mittel für Prioritätsthemen wie Bildung und zur Bewahrung der vorhandenen Infrastruktur mehr. Wenn ich aber kein Geld mehr habe, muss ich mir für meine Wetten das Geld leihen.

Das ist riskant. Und zusammen bedeutet das:

Wir gehen sehr riskante Wetten auf Pump ein!

Und da habe ich als kleiner Mittelständler meine Sorgen.

RMD

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4 Kommentare zu “Wetten auf die Zukunft. Großprojekte.”

  1. Detlev Six (Mittwoch, der 30. November 2011)

    Roland, die Logik des Kapitalismus lebt nicht von der Finanzierung sinnvoller Aufgaben, wie Du sie beschwörst. Wir geben kein Geld aus, weil wir wichtige, sinnvolle Bedürfnisse befriedigen wollen, wir geben Geld aus, damit der Laden (siehe oben) brummt. In Zeiten gesättigter Märkte ist jeder neue Markt ein erleichtertes „weiter so“. Jede Bewertung unter Zugrundelegung von Zukunftsszenarien ist je nach Standpunkt Verkaufsstrategie oder Gegenstrategie. Denn die Zukunft lacht nur über die Kenntnisse, die wir angeblich von ihr haben.

    Dabei ist Deutschland noch relativ harmlos im Spiel „Geld nährt Geld“. Franzosen, Italiener oder US-Amerikaner könnten uns erwürgen wegen der Austeritätspolitik, die Frau Merkel nicht nur predigt, sondern die ich ihr auch abnehme (aber nicht mehr lange zutraue).

  2. rd (Mittwoch, der 30. November 2011)

    Hi Detlev, teile Deine Gedanken. Aber rein kaufmännisch und unternehmerisch gesehen, sollten Investitionen halt einen „return“ bringen 🙂

    Und das „weiter so“ wird halt nicht mehr lange funktionieren …

    Zur Politik äußere ich mich besser nicht.

  3. Bernhard Schloß (Mittwoch, der 30. November 2011)

    Soweit dáccord, aber wenn man Großprojekte betrachtet, muss man aber noch eine weitere Seite einbeziehen: Das Umfeld.
    Großprojekte „passieren“ nicht auf der grünen Wiese, sondern in großen Organsiationen (unser Staat/unsere Gesellschaft ist auch eine Organisation in diesem Sinn). Große Organisationen sind von Haus aus träge, wenn nicht sogar manövrierunfähig. Hier kommt das Bild des Tankers, der nur schwer zu steuern geschweige denn zu bremsen ist.
    Soll nun so ein Tanker die Richtung ändern, so hilft mitunter nur ein gewagtes Manöver. Der Ausgang eines solchen Manövers lässt sich nicht immer prognostizieren und führt häufig zu ungewünschten Ergebnissen: Vom Abdriften in eine andere Richtung, bis hin zum Sinken des Tankers. Auch dieses Bild passt zu Großprojekten…

    Gruß
    Bernhard

  4. Chris Wood (Mittwoch, der 30. November 2011)

    I am a bit surprised at so much opposition to the Stuttgart station improvements. Surely we are all for travel more with rail and less on the road. The people near the station seem to think so, and people from Paris to Budapest will profit from it.
    Roland, when I was at the FJS airport, I saw hardly any nature land near it. The land was nearly all agricultural. Throughout the world, agriculture is responsible for most destruction of nature.
    I used to think it silly that politicians and trade unionists bother so much about jobs, without seeming to worry whether the jobs are generally beneficial. Since retirement, I realise that there is some benefit in just keeping people busy. Most like to have a purpose in life, and many of us have difficulty defining such purposes for ourselves. If somebody else finds work for me, I can believe that I am benefiting somebody. Unfortunately nobody now seems to have a use for me, so I waste my time with chess and blog. Big projects are useful in this sense, just like the pyramids and Ludwig’s castles.

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