Roland Dürre
Mittwoch, der 15. Januar 2020

Wie macht man einen Vortrag?

Vor kurzem erzählt mir eine von mir sehr wertgeschätzte Wissenschaftlerin und Beraterin, dass sie an einer bekannten Universität einen Vortrag halten wird. Im Rahmen einer Mittelstandstagung soll sie einen Beitrag zum Thema
„Fehler bei der Anwendung von Data Science im Controlling“
halten.

Beim schlauen dozieren …

Das Thema ist unternehmerisch interessant, so fange ich gleich an nach und mit zu denken. Wenn ich den Vortrag halten sollte, was würde ich als Botschaft vermitteln wollen? Und wie gehe ich bei der „Erfindung“ des Vortrages vor?

Hier meine Überlegungen. Im ersten Schritt zerlege ich die Überschrift in die einzelnen Botschaften und stelle Fragen dazu:

  1. Fehler bei der Anwendung von …
    Da denke ich mir, dass es darum geht, was ich richtig machen muss und worauf ich besonders aufpassen muss. Und welche Fallen auf mich lauern.
  2. … Data Science …
    Aber was ist Data Science? Ich versuche andere Worte zu finden. Meine Sammlung wächst schnell:
    Ist Digitalisierung gemeint? Aber Digitalisierung ist doch nur „advanced technologie“, etwas das man auf Deutsch einfach als „technischen Fortschritt“ bezeichnen würde? Oder sollten ich einfach ans Leben in der „Cloud“ denken? Das ja für viele das summarische Ergebnis der ITK-Technologie ist.
  3. … im Controling.
    Da denke ich, dass  es hier um das „kaufmännische Controling“ geht. Darunter verstehe ich die Möglichkeit, sich immer präzise über den Status aller Prozesse und Zahlen des Unternehmens auf Makro- und Mikro-Ebene informieren zu können. Oder ist die Anwendung von Business Intelligence gemeint? Will man vor allem die kausalen Wirkungsstrukturen erkennen?

Dann suche ich die „richtigen“ Fragen. Ich bin auf der Suche nach einer Lösung, die Antworten gibt. Und Antworten finde ich nur, wenn ich vorher die richtigen Fragen finden.

Ich muss die richtigen Fragen finden und sie analysieren. So mache ich mich an die Frageliste. Zuerst mal ganz frei und kreativ. Ein paar der Fragen habe ich ja schon bei der Titelanalyse gefunden.

  1. Wo muss ich aufpassen, was muss ich richtig machen und welche Fallen drohen?
    Das ist die Frage im Vortragstitel, ein wenig umformuliert.
  2. Was ist beim Einsatz von neuer Digitalisierung anders als wenn ich mit alter Technologie arbeite?
    Digitalisierung schafft mächtige Werkzeuge. Auf was muss man aufpassen, wenn die Werkzeuge mächtiger werden.
  3. Passen Digitalisierung und Controling eigentlich zusammen?
    Digatilisierung hilft beim Wissen teilen und macht „geheim halten“ schwieriger.
  4. Was wünsch ich mir vom „Controling“?
    An erster Stelle will ich Klarheit. Dazu gehört Transparenz, Übersichtlichkeit, Vollständigkeit, die Sichtbarkeit von Zusammenhängen. Ich will Veränderungen rasch bemerken und entstehende Trends schnell erkennen. Ich möchte die Lesbarkeit von Entwicklungen in verschiedenen Dimensionen. Ich möchte das kompexe Wirkungssystem eines Unternehmens, das ich sein „Betriebssystem“ nenne, verstehen.

Jetzt kann ich anfangen nachzudenken. Und es hat gewirkt. Mir kommen folgende Gedanken.

Ich muss aufpassen,

  • dass ich aufgrund einer Überflutung meines Verstandes mit digitalen Daten „vor all den Bäumen, den Wald nicht mehr sehe“. Weil Digitalisierung in der Lage ist, mir ganz schnell unendlich viele Daten zu liefern. Aber welche sind relevant?
  • dass ich nicht leichtfertig, die Referenzsysteme verändere, um Dinge besser darzustellen. Das kann schnell die Vergleichbarkeit in der Dimension Zeit gefährden.
  • dass die mächtigen digitalen Systeme mich nicht aus Versehen (oder mit hintergründiger Absicht) falsch informieren. Dazu empfiehlt sich wahrscheinlich, möglichst oft die Plausibiliät der Erkenntnisse zu hinterfragen.
  • dass ich nicht so dumm bin, wie die Ersteller der Vereinfachungen und Graphiken mich offenbar halten. Denn digitale Systeme sind die Weltmeister im Produzieren von Bildern und Graphiken. Die vereinfachen, verzerren und beeinflussen können.

Aber das befriedigt mich nicht so richtig. Weil es irgendwie nicht griffig und plakativ ist. Also suche ich nach einer Metapher, um die komplexe Situation schreiben.

Da finde ich das Internet und social media. Ist das nicht auch eine Art von „control system“, mit dem ich den Zustand unserer Gesellschaft oder unseres Planeten betrachten und auswerten kann? Wie gut unsere Politik, die gesellschaftliche Konsens-Findung, das Bildungsystem und vieles mehr funktioniert?

Und auf was muss ich beim Untersuchen aufpassen?  Ich darf nicht einer Blase gefangen sein und nicht leichtfertiges Opfer von Verschwörungstheorien werden.  Denn ich will Dinge verstehen und begreifen. Ich habe gelernt, dass es einfacher ist, Daten zu sammeln. Auch da kann man Fehler machen. Deutlich schwieriger ist es aber Zusammenhänge zu erkennen. Und ganz schwierig ist es, die Ursache-Wirkungs-Relation richtig zu ermitteln.

Wir kennen das vom Klimathema her. Es ist absolut klar, dass es eine Korrelation gibt zwischen der Temperatur auf der Erde und dem Kohlendioxid in der Atmosphäre. Ein wenig schwieriger ist es zu zeigen, dass die Erhöhung des Kohlendioxid-Gehalts überwiegend vom homo sapiens verursacht wird und nicht von einer magischen Temperaturerhöhung.

Mein Controling des Klimas zeigt ziemlich klar, dass die Klimakatastrophe schon passiert ist. Und wir keine Chance haben, sie rückgängig zu machen oder auch nur zu bremsen. Da müssen wir jetzt die nächsten paar hundert Jahre durch und dies dürfte nicht ganz leicht werden. Und irgendwie bin ich ein wenig froh, dass ich dieses Jahr das Alter von siebzig Jahren erreiche.

À propos homo sapiens – auf die Schnelle fällt mir keine zweite biologische Gattung auf unserem schönen Planeten ein, die solch einen irreführenden Namen trägt.

RMD

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