Roland Dürre
Sonntag, der 2. November 2014

Wie war das doch alles verrückt im letzten Jahrtausend.

Im letzten Jahrhundert, vor der Jahrtausendwende, da war alles anders.

Die Manager glaubten damals noch, dass Zukunft vorhersagbar ist. Noch mehr – sie waren überzeugt, dass Wachstum ewig statt finden könnte.

Die Menschen damals hatten das Gefühl, dass alles machbar ist und dass man dank der Technologie und des Fortschritts alle Probleme lösen kann. Denn der Mensch als Krone der Schöpfung fühlte sich als das omnipotente Wesen – den Tieren weit überlegen. Und er meinte, er könne alles unter Kontrolle bekommen.

Das Motto war schneller, höher, größer, weiter und komfortabler. Die Ingenieure und Technokraten hatten das Sagen. Ein Leben ohne Autos war nicht vorstellbar. Der Individualverkehr mit schweren Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor auch für einzelne Personen war das selbstverständliche Grundrecht eines jeden Menschen – genauso wie der Kurzurlaub in der „DomRep“ oder in Thailand. Eine Gesellschaft galt als „entwickelt“, wenn sich auch die Armen ein Auto leisten konnten!

Der Wochenendausflug nach London oder Madrid wie der Kurztrip nach New York oder Abu Dhabi half den Menschen, ihre Langeweile auf mondäne Art zu vertreiben. Durch Konsum wollte man sich selbst bestätigen und das Glück sich kaufen. Trotzdem war Geiz geil und Geld die neue Religion. Mit dieser Einstellung gelang es trefflich, die Welt zu zerstören.

Die Professoren an den Hochschulen lehrten uns, dass gute Manager nie reagieren müssen, sondern immer agieren können. Denn die Guten sind in der Lage, im voraus zu sehen, was kommen wird. So wie mir 1968 der kettenrauchende und entsprechend hustende Fahrlehrer beibrachte, der aufgrund seines Aussehens den Spitznamen „Old Death“ hatte, dass ein guter (deutscher) Autofahrer immer vorhersehen müsse, was in der nächsten Sekunde passieren könnte.

Die Hochschulen brachten uns auch bei, dass ein Manager immer frei von Emotionen und persönlichen Gefühlen sein müsse. Die Wissenschaft der Entscheidung hat uns empfohlen, als erstes Informationen in ausreichender Menge zu sammeln. Dann müsse man diese ganz objektiv bewerten und analysieren. Erst dann könne man und müsse man frei von Gefühlen, ganz rational und logisch entscheiden. Und dabei müsse man Intuition wie Heuristik als trügerische Störfaktoren ignorieren.

Das war damals auch die Begründung, warum die „normale Frau“ nichts im Management verloren hätte. Weil die Frau – bis auf ganz wenige – einfach zu sehr von ihren Gefühlen gesteuert werden würde. Klar – die Frauen in „hohen“ Positionen im Management waren eher die Ausnahme. Und diese sahen dann auch aus wie Männer.

Die Lehrbücher lehrten auch, dass eine Organisation genau dann gut wäre, wenn der Ober-Manager in der Lage ist, durch das „Drehen an wenigen Schrauben“ das System nach seiner Vorgabe zu steuern.

Die Firmen orientierten sich deshalb mit ihrer Aufbau-Organisation an militärischen Vorbildern. So war Hierarchie angesagt, nur ganz wenige ultra-moderne Unternehmen erlaubten sich eine Matrixkooperation und hatten gar den Mut zur „kooperativen Führung“. Begriffe wie Selbst- und Netzwerkorganisation waren verpönt ebenso wie Transparenz und Agilität gefürchtet wurden. Es galt „Einfalt statt Vielfalt“ und nicht die „Weisheit der Masse“.

Taylorismus, moralisierende Prozesse und Globalisierung galten als das Erfolgsrezept für die Wirtschaft und die Garanten für den Wohlstand der ganzen Welt. Das Ziel der großen Unternehmen war immer die Weltmarktführerschaft. Die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen aller Art wuchs parallel geometrisch.

Die Masse dagegen galt als primitiver Mob. Der Bürger wurde für dumm gehalten und für dumm verkauft. Mit Marketing wurden die Massen manipuliert, mit Lobbyismus ihre Interessen ausgeschaltet. Der Wähler in der Demokratie galt als Stimmvieh, sein Verlangen nach Frieden wurde mit erfundenen und groß propagierten Ängsten „overruled“.

Die Regierenden und Regierungen wussten damals viel besser, was für alle gut ist. Sie machten sogar Gesetze, die geltendes Recht außer Kraft setzten und im Grundgesetz festgelegte Rechte igoriert haben. So wurden die Bürger massenhaft belauscht und vergaukelt. Oft um den Interessen und Forderungen fremder Mächte oder mächtiger Konzerne zu genügen.

Sogar Gerichte wurden in extremen Fällen für nicht mehr zuständig erklärt und an ihrer Stelle obskure Schiedsgerichte eingesetzt. Bürger, die gegen Steuergesetze verstossen hatten, wurden streng verfolgt. Gleichzeitig haben dieselben Staaten für die Konzerne „Steuer-Oasen“ geschaffen.

Und das schlimmste: Die Regierungen haben geglaubt, mit Kriegen die Ordnung der Welt gestalten und mit Waffen Frieden schaffen zu können.

Wie bin ich doch froh, dass diese Zeit vorbei ist.

RMD
(20. Juni 2030)

3 Kommentare zu “Wie war das doch alles verrückt im letzten Jahrtausend.”

  1. Klaus Rabba (Sonntag, der 2. November 2014)

    Es wird sich nichts ändern im unserem neuen Jahrtausend. Der Paukenschlag von 9/11 hat alle bösen Geister wach gehalten. Die Kulturgeschichte des Orients geht ins siebte Jahrtausend und ist dabei , sich neu zu orientieren. Unsere westlichen Werte stehen dabei nicht an der ersten Stelle der Wertetabelle. Der Rest der Welt durchlebt die neue Ära des Friedmannschen Kapitalismus, der sich unaufhaltsam in der Wirtschaft durchsetzt und in den USA gesellschaftliche Verwüstungen anrichtet. Frankreich sträubt sich noch in den Spar-Dich-Kaputt-Für-Deinen-Aktionär Kapitalismus einzuschwenken, aber das wird diesen sozialistischen Hallodris schon noch gründlich ausgetrieben werden. Deutschland zeigt diesen Sozialträumern beharrlich die kalte Schulter.

  2. six (Montag, der 3. November 2014)

    Tja, ich weiß ja auch, wie’s nicht geht, habe aber sehr wenig Ahnung davon, wie’s gehen könnte.

  3. Andreas Zeuch (Mittwoch, der 5. November 2014)

    Lieber Roland,

    ich bin gespannt, was die Zukunft bringt. Und wie wir sie gestalten. Gemeinsam, in der einen oder anderen Weise.

    LGA

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