Auch bei meinem letzten Vortrag vor doch zahlreichen Menschen habe ich wieder die Frage gestellt: Wer im Raum nutzt Wikipedia? Alle haben sich gemeldet – kein einziger Nichtnutzer war im Raum! Wikipedia ist eine ganz wichtige Geschichte geworden. Wikipedia ist nicht mehr weg zu denken.

In Wikipedia steht alles, meint man. Denn die Anzahl der in Wikipedia verfügbaren Begriffe ist ein Mehrfaches höher als in allen anderen Enzyklopädien. Natürlich kann in Wikipedia auch nicht alles stehen. Ab und zu entdeckt man relevantes Kulturgut, das in Wikipedia nicht vermerkt ist. Eigentlich wäre es eine „Bürgerpflicht“, das Entstehen der fehlenden Artikel dann zu unterstützen.

Wikipedia verändert die Welt. Techniken oder Begriffe, die in Wikipedia nicht gefunden werden oder dort schlecht beschrieben sind, verlieren an Bedeutung. Neues, das in Wikipedia nicht beschrieben ist, hat keine Chance, sich zu entwickeln.

Dank der demokratischen Struktur von Wikipedia gleicht sich das zum größten Teil selbst aus. Es gibt eine gute demokratische Kontrolle. Und die Vertreter aller Fachgebiete wissen natürlich, dass ihr Wissen in Wikipedia rein muss, damit es eine Chance bekommt, relevant zu bleiben. Denn in Wikipedia beschriebene Technologien und Kulturen aber auch Menschen und soziale Systeme bekommen eine andere Bedeutsamkeit.

Wikipedia ist aber massiv bedroht!

Die Bedrohung ist nicht mal finanzieller Art. Es ist eine Entwicklung, die gerade in Europa wohl bekannt ist – die Überalterung.

Allein in Deutschland wirken ein paar hunderttausend Menschen ehrenamtlich an Wikipedia mit. Die braucht man auch dringend, um das gigantische Werk fortzuführen. Und die Gemeinschaft dieser vielen Menschen stellt ein gigantisches „soziales Wissens-Netzwerk“ dar! Wikipedia ist wahrscheinlich das weltweit größte „social network“ mit einer explizit dem Menschen verpflichteten globalen Zielsetzung – der Dokumentation des menschlichen Wissens.

Wenn diese Community sich auszehrt und verschwindet, wird es rasch mit Wikipedia abwärts gehen. Das wäre ein großer Rückschlag für uns alle.

Jetzt kenne ich doch einige Menschen, die bei Wikipedia aktiv sind. Zwar habe ich keine Statistik über das Alter der „Wikipedianer„. Aber gefühlt stelle ich fest: Wikipedia ist überaltert. Die Menschen, mit denen ich kommuniziere, scheinen mir alle älter als ich. Und ich bin 60! Und habe den Eindruck, dass die Generation unter 60 schwach und die unter 50 kaum mehr in Wikipedia vertreten ist. Das macht mir Sorge, ich würde mich freuen, wenn ich z.B. durch eine Statistik oder zahlreiche Rückmeldungen widerlegt werden würde …

Da müsste man etwas tun! Z.B. in den Schulen für Wikipedia werben.

Aber was macht die Schule? Sie warnt die ihr anvertrauten Kinder und Jugendlichen vor Wikipedia. Auf Empfehlung und Weisung von höherer Stelle.

Was wäre die Aufgabe von Bildung und Schule?

Die Schule sollte ihren Schüler lehren, Wikipedia-Artikel (wie alles andere) kritisch zu hinterfragen. Und erkannte Fehler zu verbessern oder zumindest die Anregung auf der Diskussionsseite hinterlassen. Und die Lehrer sollten ihren Schülern – vielleicht in Wissenskunde – die wichtigen aber auch nicht einfachen Regeln und Strukturen von Wikipedia lehren. Ihnen erklären, wie dort demokratische Prozesse schon heute im Internet gelebt werden. Ihnen vermitteln, was eine Diskussionsseite oder Relevanzkriterien sind. Wie Wikipedia aufgebaut ist. Wie man übers Glossar sich leicht orientieren kann.

Und noch besser: Die Schule und Ausbildung sollten für die Mitarbeit bei Wikipedia aktiv werben!

Das Mitwirken an einer Enzyklopädie dürfte eine der besten Möglichkeiten sein, sich im Lernen einzuüben. Es erfordert eine konzentrierte und kritische Arbeitsmethodik, erfordert kluge Recherche-Arbeit und verantwortliches Abwägen der Ergebnisse. Es übt präzises Formulieren. Alles zusammen stellt einen exzellenten Wert fürs weitere Leben dar, sei es privat, als Bürger oder am Arbeitsplatz der Zukunft.

Bedauerlicherweise wissen aber zumindest die mir bekannten Lehrer selber rein gar nichts über Wikipedia, bis auf die wenigen, die selbst aktiv an Wikipedia mitarbeiten. Die gilt nicht nur für die Älteren, sondern bedauerlicherweise besonders für die Jungen. Das passt auch zur Altersstruktur der Lehrer, die ähnlich problematisch ist wie die in Wikipedia.

Was passiert, wenn der Wikipedia-Nachwuchs ausbleibt? Wenn das „social network“ der „Wikipedianer“ drastisch an Mitwirkenden verliert!

Dann wird eine Wissensruine entstehen, die von wenigen Hohepriestern gepflegt wird. Eine Ablösung von Wikipedia durch eine relevante private Enzyklopädie ist nicht zuletzt aufgrund der Menge des menschlichen Wissens kaum mehr vorstellbar.

Also müssten die Universitäten und öffentliche Wissenseinrichtungen einspringen. Das wird kaum möglich sein. Universitäten wie das Bildungssystem werden immer maroder. Bibliotheken verschwinden oder müssen sich erst selbst wieder erfinden.

Am Schluss bleibt uns dann nur noch, auf Google und Amazon zu hoffen. Oder auf den großen amerikanischen Milliardär, der die Hälfte seiner Milliarden für einen guten Zweck spenden will.

Keine schöne Aussicht.

RMD

P.S.
Am 15. Januar 2001 war das Wiki der Nupedia unter der eigenständigen Adresse wikipedia.com abrufbar, was seither als die Geburtsstunde der Wikipedia gilt. Das heißt, dass Wikipedia offiziell erst in im nächsten Jahr 10 Jahre alt wird. Wenn das kein Beispiel für Beschleunigung und die Geschwindigkeit ist, die das Internet aufnehmen kann!

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