Das Bayerische Schulsystem ist immer wieder für eine Überraschung gut.

Gymnasiasten empfehle ich, wenn sie sich eines neuen Themas annehmen wollen oder müssen, zuerst Mal die betreffenden Begriffe und Themen in Wikipedia nachzulesen. So wie das jeder normale Mensch wie Beamte, Manager, Journalisten, Politiker, Hausfrauen, Experten, Assistenten und wahrscheinlich auch Pädagogen (!?) machen.

Dann bekomme ich die Antwort von den Schülern, dass das nichts bringen würde, denn Wikipedia sei unzuverlässig und nicht zitatfähig. Und deshalb wäre es gar nicht gerne in der Schule gesehen, dass man aus Wikipedia zitiere.

Warum dies so wäre, habe ich gefragt. Die Antwort der Schüler war ganz einfach: Die Lehrer würden ihnen erklären, dass in Wikipedia ein jeder reinschreiben dürfe, was er so wolle. Und so würde Wikipedia vieles Falsches und Unbelegtes enthalten. Ich habe diese Antwort von verschiedenen Schülern verschiedener Jahrgangsstufen an zwei Gymnasien im Münchner Südosten bekommen, völlig unabhängig voneinander.

Jetzt kenne ich persönlich Menschen, die in Wikipedia engagiert sind. Ich habe auch eine gewisse Ahnung, wie streng die Prozesse dort sind. Und ich weiß, dass die Inhalte zweifelsfrei belegt werden müssen (nach meiner Meinung sogar ab und zu mit übertriebener Strenge). Auf die Tests, die immer zeigen, dass die Qualität von Wikipedia auf jeden Fall nicht schlechter als die von kommerziellen Lexika ist, möchte ich hier gar nicht groß verweisen. Und dass der Vergleich in der Wissensbreite natürlich einseitig zu Gunsten von Wikipedia ausgeht, merkt jeder durch einfaches Ausprobieren.

Ich weiß auch aus eigener Erfahrung, wie bei Einträgen, die nicht den Relevanzkriterien genügen oder bei Fehlern in zentralen Artikeln die Kontrollmechanismen im Sekundenbereich wirken.

Microsofts Encarta ist in der Schule übrigens durchaus zitatfähig.  Jetzt kenne ich eine Meldung, dass Encarta wohl aus kaufmännischen Gründen von Microsoft nicht weiter entwickelt werden soll. Könnte auch ein Zeichen für den Erfolg von Wikipedia sein.

Was also ist die Ursache für die negative Bewertung von Wikipedia an den Gymnasien im Südosten von München her? Ist das eine  zentrale Vorgabe vom Kultusministerium, von der Konkurrenz gesteuerter Flurfunk oder einfach Unwissen der Lehrer?

Wäre es nicht schöner, wenn die Lehrer ihre Schüler für Wikipedia begeistern und diesen vermitteln würden, wie schwierig der Prozess von konsolidierter und demokratischer Mehrheitsfindung ist. Und wie letztendlich gut er in Wikipedia gelebt wird? Und die Menge von ehrenamtlicher Arbeit gewürdigt werden würde, die in Wikipedia eingeflossen ist und täglich weiter einfließt. Und dass Wikipedia ein beeindruckendes Beispiel für ganz neue gesellschaftliche Formen von globaler Zusammenarbeit und Wertschöpfung ist. Und so eine weltweite NGO (Non Government Organisation) des Wissens entstanden ist!

RMD

2 Kommentare zu “Wikipedia und ich #6 – „Nichts für die Bayerischen Gymnasien“ oder „Plädoyer für Wikipedia“”

  1. Lonesome (Samstag, der 16. Mai 2009)

    WORD!

  2. Sabine (Dienstag, der 19. Mai 2009)

    Prima!

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