270px-pyramids_of_egypt1Von (mir sehr sympathischen Vertretern) der Lehrerseite habe ich zu meinem letzten Wikipedia-Artikel “Nichts für die Bayerischen Gymnasien” oder “Plädoyer für Wikipedia” eine Rüge und heftigen Widerspruch bekommen. Wikipedia würde auch an Schulen hohen Respekt genießen, allerdings wolle man vermeiden, dass die Schüler ihr Wissen nur noch aus Wikipedia holen, sich komplett darauf verlassen und auf das Suchen nach eigenen Informationsquellen und das Bilden einer eigenen Meinung verzichten würden.

Diese Gefahr sehe ich nicht nur auch – im Gegenteil, die Wirklichkeit ist doch viel schlimmer. Wenn ein Schüler eine Facharbeit erstellt, dann sucht er erstmal in Google nach ähnlichen Facharbeiten zum Thema. Zu oft beschränkt er sich dann darauf, das gefundene ein wenig umzuschreiben und seine persönliche Duftnote zu setzen. Das ist bei Fach- und Diplomarbeiten oft ähnlich. Soviel kopiert und montiert wie heute wurde noch nie, obwohl wir in der Vor-Internet-Zeit ab und zu auch woanders abgekupfert haben. Aber so einfach und so verbreitet wie heute war es damals nicht.

Aber mir geht es um etwas anderes. Dass Wikipedia vielleicht aus falschem Wissen an der Schule versehentlich abgewertet wird, ärgert mich, weil ich ja das Gegenteil fordere: Ich wünsche mir die aktive und gerne auch kritische Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Phänomen Internet. Und da ist Wikipedia ein ganz wichtiges Beispiel. Deswegen noch mal ganz drastisch formuliert:

Für mich ist Wikipedia das erste der 7 Internet-Weltwunder! Hier die „normalen“ Weltwunder, natürlich aus Wikipedia. Das Bild oben links ist auch aus Wikipedia (nämlich vom Artikel Weltwunder). Es ist „free content“. Freier Inhalt, was für ein phantastischer Gedanke! Ohne freie Inhalte wäre z.B. der Aufwand, einen Blog zu illustrieren, gigantisch hoch!

Ich weiß, dass bei „free content“ zahlreiche Menschen Bedenken haben. Wer schützt das Einkommen von Autoren und Fotografen. Viele Dinge sind hier zu bedenken. Natürlich darf der Diebstahl des geistigen Eigentums nicht unterstützt, zugelassen und auch nicht toleriert werden. Und natürlich wird es für den professionellen Fotografen nicht leichter, wenn er Konkurrenz durch Amateure bekommt. Aber die Technik hat sich gewandelt und die Gesellschaft wird diesem Wandel folgen.

Aber warum Dilettanten das Recht verwehren, ihre mit viel Liebe produzierten Inhalte frei zur Verfügung zu stellen. Dilettanten ist übrigens erst neuerdings negativ besetzt. Früher war das ein positiver Begriff, der für einen Menschen stand, der mit akribischer Arbeit ein Handwerk nicht aus kommerziellen Motiven sondern aus Liebhaberei betreibt. Heute sind die Produkte der „Dilettanten“ oft viel besser als die „convenient“ Ergebnisse der professionellen Konkurrenz.

Um es zu wiederholen: Ich bin zutiefst beeindruckt von Wikipedia: Von der globalen Zusammenarbeit hinweg über Kulturen und Kontinenten, Sprachen und Religionen. Mich begeistert die Art, wie im Kollektiv Regeln erarbeitet werden, die respektiert, gelebt, gerichtet und exekutiertet werden. Mich fasziniert, wie jede Veränderung von wichtigen handlungsleitenden Kriterien oder Regeln immer demokratisch durch Mehrheitsbescheid beschlossen wird.

Ich empfinde die Größe des Projekts atemberaubend und bewundere, wie die Basis-Prozesse in Wikipedia auf ganz einfache Art und Weise und trotzdem hoch effizient gelöst und implementiert sind. Ich empfinde die Reaktionsgeschwindigkeit der „Community“ auf Angriffe oder versehentliche Fehler sensationell. Ich ziehe meinen Hut vor der Qualität der Inhalte und der Zuverlässigkeit der Software. Und das alles wurde mit Hunderttausenden, wahrscheinlich Millionen von ehrenamtlichen Kräften weltweit geschaffen, die mit Begeisterung  für eine große Idee einen Großteil ihrer Freizeit für ihre „Liebhaberei“ opfern.

Und noch ein Plädoyer für den Gedanken der gemeinsamen Arbeit. Da gibt es einen genialen Leitspruch: „Nobody is perfect – a team can be“ (auch Klaus Kleinfeld und viele andere große Köpfe haben ihn benutzt). Wie kann man das besser zeigen als bei einem Wissensprojekt über alle Disziplinen hinweg wie Wikipedia eines ist!

Aber wahrscheinlich ist all das leider vielen Lehrern gar nicht bekannt. Wikipedia wird bedauerlicherweise sehr gedankenlos „konsumiert“, ohne dass die Verbraucher daran denken, was das für ein besonderes Werk ist. Deshalb auch an dieser Stelle wieder der Hinweis, dass eine kleine Spende an Wikipedia mit Sicherheit nur fair und absolut gerechtfertigt ist.

Ich glaube, dass die gesellschaftliche Relevanz des Internets und seiner Elemente wie z.B. Wikipedia wesentlich wichtiger für die Evolution unserer Gesellschaft ist als die so oft beschworene „Systemrelevanz“ der Banken, für die wir Hunderte von Milliarden ausgeben!

RMD

P.S.
Jetzt habe ich noch zwei große Bitten:

  1. Wenn Sie Kinder haben, die ein Gymnasium besuchen, dann fragen Sie diese doch bitte mal, was in deren Schule zu Wikipedia gelehrt wird?
  2. Was ist das „zweite Weltwunder“ des Internets? Helfen Sie mir!

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