Vor kurzem habe ich in einem Artikel bedauert, dass so viele Häuser im Südosten Münchens verpixelt sind (in streetview). Fand ich gar nicht gut. Ein Kommentar zu meinem Artikel war „viel Lärm um nichts…“. Deswegen noch einmal:

Ich glaube nicht, dass das ganze so unwichtig ist. Um es zu erklären, greife ich zu einem Postkarten-Gleichnis.

Gehen wir mal viele Jahre zurück. Gerade ist eine neue Technologie erfunden worden, die Photographie. Sie verbreitet sich mit hohem Tempo. Photographen ersetzen die Lohnmaler. Sie fertigen Porträts an, fotografieren Hochzeiten, Feste … und Landschaften.

Gleichzeitig hat sich eine neue Mobilität entwickelt. Immer mehr Menschen besuchen mit Kutsche, Zug und Schiff andere Länder und Städte. Bis ins ferne Italien nach Venedig reisen sie.

Und findige Unternehmer haben ein neues Produkt entwickelt. Die Postkarte! Die Zeit ist reif, denn gerade hat sich ein funktionierendes Postsystem weltweit verbreitet. Und unsere Reisenden haben die Möglichkeit, mit einer Postkarte ein Bild vom Ziel ihrer Träume nach Hause zu senden. Fürwahr, ein sensationeller Fortschritt.

Dummerweise finden aber z.B. die Bürger von Venedig es mit ihrer Privatheit nicht vereinbar, wenn die Bilder ihrer Paläste um die Welt gehen. Und verlangen vom Fotografen, dass er ihre Häuser auf der Postkarte schwärzt.

Streetview ist eben auch nichts anderes als eine Superpostkarte basierend auf aktueller Technologie.

Jetzt höre ich schon den Einwand: Aber Google ist ja etwas anderes, die verdienen ja Geld damit. Aber das hat uns doch schon Adam Smith erklärt, der schottische Moralphilosoph und Aufklärer und Begründer der klassischen Volkswirtschaftslehre: Der Bäcker backt unsere Brötchen auch nicht aus Menschenfreundschaft, sondern um sich selbst davon möglichst gut zu ernähren. Und natürlich gilt das genauso für den Postkartenproduzenten von damals wie heute für Google.

🙂 Die Frage ist vielleicht, wie berühmt Venedig geworden wäre, wenn man aus Venedig immer nur geschwärzte Postkarten hätte versenden können.

Aber ich bleibe dabei: Das mit dem Verpixeln ist schon wieder so typisch deutsch. Und den Menschen, die ihr Haus verpixeln haben lassen, begegne ich bis auf weiteres mit Skepsis. Weil ich mir denke, dass das schon irgendwie besonders kleingeistige Mitbürger sein müssen, die mit Weltoffenheit, Toleranz oder Gelassenheit und Großzügigkeit wenig am Hut haben. Dafür eher mehr mit Angst vor Neuem und Fremden und einem gewissen Maß an „Sicherheitsdenken“.

🙂 Naja, vielleicht bin ich ja genauso kleingeistig – nur in die andere Richtung.

RMD

P.S.

Jetzt bereitet Microsoft den Start von Bing Streetside in Deutschland vor. Bin mal gespannt, ob es da immer noch so viele Widersprüche hageln wird. Glaube eigentlich nicht. Dann wäre diesmal Google als erster dann doch letzter geworden, zumindest in Deutschland.

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4 Kommentare zu “„Wir verpixeln unsere Häuser“ oder „Für Internet-Analphabeten“”

  1. Felix Lange (Sonntag, der 28. November 2010)

    „Weil ich mir denke, dass das schon irgendwie besonders kleingeistige Mitbürger sein müssen, die mit Weltoffenheit, Toleranz oder Gelassenheit und Großzügigkeit wenig am Hut haben. Dafür eher mehr mit Angst vor Neuem und Fremden und einem gewissen Maß an “Sicherheitsdenken”.“

    Sehe ich wirklich ganz genauso.

  2. hans-peter kuhn (Sonntag, der 28. November 2010)

    Hallo, Hallo ihr lieben Internetties,

    Als regelmässiger Nutzer von etwa 0,05% der Möglichkeiten des Internets zähle ich mich gern zu denen, die ihr als Analphabeten bezeichnet. Sollte ein T-shirt mit diesbezüglichem Hinweis im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten der IF-AG liegen, dann schickt es mir bitte zu Weihnachten. Ich verspreche Euch damit durch die Gegend zu joggen.

    Ich bin militanter Analphabet, habe mich in meiner beruflichen Laufbahn von 1997-2005 geweigert mit einem Handy zu arbeiten, trotz permanenter Auslandsaufenthalte. Den Affront mir einen Labtop anzubieten wagte selbst der Vorstand der Firma nicht. Wahrscheinlich deswegen, weil ich ausgesprochen erfolgreich war.

    Nun zu Euch. Ich finde Ihr seid lustige Jungs, das ist ein Kompliment. Felix (der Kater?) verbindet Pixelei mit Kleingeistigkeit und Fehlen von Toleranz, Weltoffenheit, Gelassenheit und Grosszügigkeit. Roland hält sein, zugegeben beeeindruckendes, Haus in Ottobrunn fûr den Dogenpalast in Venedig und stilisiert die Postkarte hoch zum Unesco Welterbe der Erfindungen.

    Ich mag Euch, weil Ihr Bierenst da diskutiert, wo eigentlich Humor am Platz ist. Versuchts mal mit Champagner oder fehlt euch Bajuwaren da die Weltaufgeschlossenheit und Grosszügigkeit?

    Nehmts mir nicht scrum Ihr IT-Fundamentalisten.

  3. rd (Sonntag, der 28. November 2010)

    @Hans-Peter Wir mögen Dich auch – auch wenn Du Laptop mit „b“ (Labtop)“ schreibst 🙂

  4. Chris Wood (Montag, der 29. November 2010)

    Hans-Peter; as an Englishman, of course I take humour more seriously than any German can. But for humour to work, a common view of life is required. This is lacking in IF-blog, so I shall continue to try to avoid humour.

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