Roland Dürre
Samstag, der 3. Oktober 2015

Wutrede!

Rotes QuadratAb und zu geht mit mir der Gaul durch. Zuletzt bei einer Diskussion in einem Forum. Es ging über „Unschooling“. Das System von kollektiver (staatlicher) Schule wurde als einzig selig machende Variante der Bildung und „Erziehung“ junger Menschen und „unschooling“ als gesellschaftlich nicht akzeptabel bewertet. 

Es gibt noch mehr Aussagen, die bei mir Wut erzeugen. Ich sehe rot, wenn ich zum Beispiel höre,

DASS

  • wir Waffen produzieren müssen.
  • Lobbyismus ein notwendiger Teil unserer Wirtschaft ist.
  • ein Tempolimit diese jedoch ruinieren würde. Oder:
  • Konzerne maximal Gewinn machen müssen,
  • fortwährendes Wachstum alternativlos ist,
  • der Kündigungsschutz unantastbar und
  • ein BGE (Bedingsloses Grundeinkommen anstelle der vielen Sozialsubventionen) kompletter Unsinn ist.
  • BND und  Verfassungsschutz ganz wichtige und notwendige Behörden sind und
  • totale Transparenz und Offenheit in der Gesellschaft wie bei Software nicht möglich wäre.
  • Patente und Copyright alternativlos sind.
  • die Klimakatastrophe nur eine Erfindung grüner Spinner wäre.
  • man die Beschneidung aus religiösen Gründen wie
  • auch die Unterdrückung der Frau tolerieren müsse

Aber zurück zur Schule: Wenn Menschen klassischen Systeme wie der Schule ausweichen, ist das für mich der letzte und wie ich ab und zu fürchte letztendlich erfolglose Versuch von einzelnen Menschen, aus einer Welt auszubrechen, die ich halt so gar nicht mag.

EINER WELT,

  • in der die Menschen individuell wie kollektiv so handeln, wie es mir gegen den Keks geht,
  • in der die Dummheit immer wieder siegt und ich den Eindruck habe, dass man nur gemeinsam so blöd sein kann (siehe auch Dueck – Schwarmdumm),
  • die wenigen von uns zwar viel zu viel Wärme und Kalorien beschert aber den anderen nichts gibt und letztlich uns allen so alles nimmt,
  • die uns Omnipotenz vorgaukelt, de facto uns aber total zu manipulieren versucht und
  • uns Freiheit die raubt und uns zu ins System passende Knechte machen will.
  • in der das kritische Hinterfragen „des Warum“ gar nicht gemocht wird, aber
  • in der ein „was nützt das unserem Profit“ regiert,
  • die versucht, uns gleich zu machen und
  • uns die Fantasie auszutreiben,
  • die uns den Glauben an Utopien ausgeredet,
  • in der man fortwährend „das geht doch sowieso nicht“, „das haben wir schon immer so gemacht“ und das „ja aber ..:“ zu hören bekommt,
  • die uns von klein auf „Schuld, Schuldhaftigkeit und Schuldgefühle“ trimmt, obwohl das Gehirn für so etwas gar nicht gebaut wird,
  • in der von Augenhöhe, Miteinander, Partizipation, Respekt, Toleranz, Zivilcourage … mächtig schwadroniert wird, aber
  • jeder Versuch zur Autonomie gleich mal abgestraft wird,
  • in der Aufforderungen zum „mehr geben als nehmen“ und „sei Dir selber treu“ wie Hohn klingen,
  • in der man sich gegenseitig aus Gewohnheit kleiner und eben nicht größer macht.
  • bei der wir die Regeln der Naturwissenschaften sehr gerne glauben, wenn sie uns nützlich zu sein scheinen; wehe aber wenn sie uns nicht „schmecken“.

In der Evolution sagt man, dass die Dinge sich erst ändern, wenn die alte Generation aus stirbt. So habe ich großen Respekt, wenn Eltern verantwortet beschließen, ihre Kinder selber zu erziehen. So ein Bekenntnis zur Familie ist selten geworden ist. Und das erfordert wie sich auf die wichtigen Dinge des Lebens zu konzentrieren und auf  Vieles zu verzichten.

Wie viel einfacher und bequemer ist es doch, Kinder (wie übrigens auch die Alten) in Verwahr-Anstalten abzugeben. Zwar führt das dazu, dass die Eltern sich früher oder später dem Druck der Schule beugen. So werden sie den Kindern fremd und die Eltern ergreifen letztendlich sogar noch die Partei der Agenten des Systems „Schule“ – gegen die Interessen  und den Willen der eigenen Kinder.

Die Varianten von „un-, no- oder home-schooling“ sind also nicht arrogant und elitär sondern revolutionär. Solchen Mut an Stelle von gedankenloser Hingabe brauchen wir in vielen anderen Bereichen unseres Lebens (Ernährung, Freizeit, „Life style“ …). Genauso wie wir die Bereitschaft brauchen, „Opfer“ für Zukunft zu erbringen und uns Zufriedenheit wie Glück nicht erkaufen sondern erarbeiten zu wollen.

Für ein gutes „Unschooling“ muss man seinen Kindern sehr viel geben. Besonders das Wertvollste was man hat, die eigene Zeit. Die ist knapp. Das Ändern des eigenen Leben braucht auch viel Zeit. Also dürfen wir mit Zeit nicht verschwenderisch umgehen. Und müssen Abstand nehmen von dem, was uns als erstrebenswert verkündet wird.

Verzicht ist mühsam. Verzicht dürfte aber die erste Maßnahme gegen Fremdsteuerung sein. Aus einem fremdgesteuerten Leben kann man leicht böse erwachen. Vielleicht ist es für einsame Menschen noch schwieriger zum eigenen Leben zu finden.

Der Versuch lohnt, der Formatierung einer pervertierten Gesellschaft zu entfliehen. Wir Menschen haben uns lange genug zum dressierten Affen machen lassen. Dies in einer ganz besonders pervertierten Art und Weise in dem langen 19. Jahrhundert. Die Aufklärung kann nur ein Aufbruch gewesen sein. Die uns Frieden und Freiheit jedoch auch Krieg und Zerstörung gebracht hat.

Dann meine ich mehr denn je, dass wir eine zweite Aufklärung brauchen. Und unsere Utopien weiter träumen müssen von einer sanften und gewaltfreien  Welt jenseits von „Bestrafung“ und „Rache“.

Danke Schön!

RMD

P.S.
In Deutschland ist die „unschooling-Diskussion“ im übrigen müßig. Da ist das „unschooling“, das in allen anderen Ländern Europas möglich ist, verboten. Trotz EU und dem ganzen bürokratischen Quatsch …

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