Zeitbombe Internet

Götz Hamann und Thomas Fischermann haben ein Buch geschrieben. Der Titel ist ein wenig „outstanding“ (auf Deutsch würde man vielleicht sagen „reißerisch“): Zeitbombe Internet. Ich habe es noch nicht gelesen, habe aber vom Gehörten den Eindruck, dass es gut recherchiert ist und versucht, die natürlich immer vorhandenen Probleme einer neuen wesentlichen Technologie und die daraus folgend möglichen Krisen herauszuarbeiten.

Am letzten Mittwoch Abend (16.11.11) hat Thomas Fischermann (stellvertretender Leiter der Wirtschaftsredaktion der ZEIT) auf einer Veranstaltung von Bündnis 90/DIE GRÜNEN den Inhalt seines Buches vorgestellt. Im Anschluss des Vortrags sollte eine Podiumsdiskussion unter Beteiligung des Publikums stattfinden.

Da habe ich seit langem mal wieder eine politische Veranstaltung einer der etablierten Parteien besucht. Hier mein Bericht:

Neben drei Vertretern von Bündnis90/Die Grünen Jerzy Montag (rechtspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion), Malte Spitz (Mitglied im Bundesvorstand) und für die Moderation verantwortlich Thomas Pfeiffer, Mitglied im Vorstand der Grünen des KV München-Stadt, saßen noch Sandra Mamitzsch von der Digitalen Gesellschaft e.V. und natürlich der Autor auf dem Podium.

Nach einem kurzem und nach meinem Dafürhalten sehr gelungenen Bericht von Thomas Fischermann über den Inhalt seines Buches „Zeitbombe Internet“ startete die Podiumsdiskussion. Sie fand in einem sehr autoritären Format statt. Am Anfang wurden gar keine Fragen zugelassen. Die später zugelassenen Fragen wurden in der Regel nicht beantwortet, weil der Moderator das Gespräch immer wieder auf Facebook und den Datenschutz brachte und dabei Herrn Montag als Bundestagsabgeordneten und rechtspolitischem Sprecher der Fraktion (!) besonders viel Sprechzeit eingeräumt wurde.

Die nutzte er dann auch sehr breit, um immer wieder auf dem Datenschutz herum zureiten, die wichtige Rolle der EU in der Gesetzgebung auf diesem Gebiet zu unterstreichen und last not least zwar sehr redegewandt und langatmig aber auch fern von jener Kompetenz zu Twitter Stellung zu nehmen.

Das waren aber seine harmlosen Beiträge. Für mich schlimm wurde es immer, wenn er mehr Gesetze und empfindlichere Strafen forderte. Das ganze wurde für mich unerträglich, wie er den Satz „Freiheit braucht Sicherheit“ als unumstößliche Wahrheit postulierte. Ich zitiere dazu einfach eine mir wichtige Aussage von Benjamin Franklin:

» Jene, die grundlegende Freiheit aufgeben würden, um eine geringe vorübergehende Sicherheit zu erwerben, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit. «

» Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. «

Benjamin Franklin (1706-1790)
(Laut wikiquote stammt dieses Zitat tatsächlich von Benjamin Franklin.)

Es war ein verlorener Abend.

Nach der exzellenten Vorlage von Thomas Fischermann hätte sich bei Nutzung eines demokratischen Formats (z.B. in einer fish bowl) eine wirklich gute Diskussion entwickeln können. Und dabei wäre dank der mir überwiegend sehr qualifizierten scheinenden Teilnehmer für alle ein guter Erkenntnisgewinn entstanden.

So aber wurde es zu einer typischen Parteidemonstration, bei der der Moderater die relevanten Fragen aus dem Publikum umschiffte. Und statt der Antworten auf die Fragen den Vertretern seiner Partei die Möglichkeit für lange Monologen eröffnete, in denen bekannte Plattitüden zum Teil mehrfach wiederholt wurden. An diesem Abend habe ich nur gelernt, dass man Bündnis 90/DIE GRÜNEN wohl auch nicht mehr wählen kann. Eigentlich schade.

RMD

P.S.
Am nächsten Tag sah ich das Bild von Jerzy Montag in der Presse. Er soll auf der „Todesliste“ der rechten Terrorgruppe gestanden haben, um die herum es so viel Ungereimtes gibt. Gemeinsam mit Herrn Gauweiler.

🙂 Jetzt hoffe ich nur, dass diese beiden Herren nicht in CSU und Bündnis 90/DIE GRÜNEN eingeschleuste V-Männer sind.

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15 Kommentare zu “„Zu Besuch bei den Grünen“ oder „Keine Freiheit ohne Sicherheit?“”

  1. Andreas Essing (Samstag, der 19. November 2011)

    Hallo Roland,

    Ich muss mich noch bei Dir noch entschuldigen, ich hatte Dich schließlich auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht und war auch gefrustet.

    Eine gute Diskussion kam überhaupt nicht auf, es ging darum, dass die Positionen der Grünen dargestellt werden. Nix gegen die Grünen, aber da hatte ich zum Teil den Eindruck, dass die genau wie so andere auch noch ein wenig der „Internet“-Zeit hinterherlaufen, auch wenn sie es noch nicht einmal merken.

    Schönes Wochenende
    Andreas

  2. rd (Samstag, der 19. November 2011)

    Nein Andreas,

    entschuldigen musst Du Dich nicht!

    Im Gegenteil:

    Zum einen hat die Veranstaltung meine Vorurteile bestätigt, das freut mich immer 😉

    Zum andern hat es zu einem vielleicht nicht guten aber zumindest provozierenden Artikel gereicht!

    Und letztendlich habe ich die gemeinsame Anreise mit Dir sehr genossen. Der Leberkäse und das dunkle Bier im Männerheim waren auch sehr gut!

    Also – alles bestens!

    Roland

  3. Chris Wood (Montag, der 21. November 2011)

    Dear Roland, is it a special polemic trick, to ignore the adjectives? Benjamin Franklin would surely agree that „Those who give up essential security for a little temporary freedom can expect to die young“. I would include addicts who share needles, and profligates who avoid condoms in this group.
    For normal people, freedom does need security. Even free climbers would not feel very free, if they knew terrorists were fairly likely to shoot at them as they climb the rock face.

    I too dislike when politicians avoid serious discussion in public. But their behaviour has evolved due to the need to get elected. Vox populi vox Rinderviech. I and others who tell too much truth just annoy.

  4. rd (Montag, der 21. November 2011)

    Lieber Chris,

    natürlich würde Franklin widersprechen, weil es in seinem Satz nicht um Folgen sondern um Werte geht! Auch Dein Beispiel passt einfach nicht. Wenn Du „Klettern“ bemühst, dann ist die Sicherheit z.B. die Sicherung. Natürlich kann immer die Welt untergehen …

    Auch Deinen Schlusssatz halte ich für zu pessimistisch. Aber das unterscheidet uns ja – ich glaube ja, dass Ehrlichkeit und Realitätsnähe die Autorität verbessern.

  5. Chris Wood (Dienstag, der 22. November 2011)

    Dear Roland, what you now write about Franklin is irrelevant. You took him to mean that freedom is absolutely more important than security. But in that case, why did he quantise? Of course both are values, and bring consequences. Of course the right compromise is desirable.

    What do you mean about honesty, realism and authority? Are you just writing about how (German) people use these words? I think we can easily agree about honesty and realism, but authority is tricky. Does a man have authority just because people think he does? Does he have authority just because he is right, even if nobody believes him?

    Also „improve“ is tricky. Is „greater authority“ the same as „better authority“? Perhaps we can define „better authority“ as authority based on honesty and realism, in which case your „belief“ becomes circular and thus independent of the „real“ World.

  6. rd (Dienstag, der 22. November 2011)

    Lieber Chris, für mich sind Freiheit und Sicherheit elementare Widersprüche. Wie z.B. Vertrauen und Mißtrauen.

    Und Franklin hat in meinem Verständnis nicht quantifiziert sondern qualifiziert.

    Die Diskussion zwischen uns wird aber nie ergiebig sein, weil wir in meiner Wahrnehumg vom Sprachspiel und vom Urvertrauen (wie in Gut und Böse, in Sinn und Unsinn …) in total verschiedenen Welten leben.

  7. Chris Wood (Dienstag, der 22. November 2011)

    Values and consequences are not as disjoint as you suggest. Values whose application has no consequence are worthless. They are not real values.

  8. rd (Dienstag, der 22. November 2011)

    Chris, das ist schon wieder so eine Kommunikationskatastrophe.

    Werte sind etwas moralisches und abstraktes. Mit Werten kann man eine Handlung „bewerten“.

    Folgen sind die physischen Ergebnisse von Handlungen.

    Werte haben keine Folgen … Das gehört nicht zusammen.

  9. Chris Wood (Mittwoch, der 23. November 2011)

    Dear Roland, that is ridiculous. The values that people have (believe in) affect their actions, and this has consequences. Perhaps you are confusing values with concepts. „Truth“ is a concept. „Truth is good“ is a value. This value certainly is useful in aiding cooperation.

    Do you really think our politicians would work better if they were very honest and wise? For a start, I believe they would then never be elected. I consider Reagan and Clinton to be the most successful US presidents of my lifetime. Most Americans would add Kennedy to this pair. Reagan was not very clever. Clinton and Kennedy were hardly honest. Obama seems unusually clever and honest, but has not been very effective. Of course, certain qualities are needed. GWB was surely the worst of the presidents, and the least successful (assuming he wanted to do good for USA).

  10. Chris Wood (Donnerstag, der 24. November 2011)

    And Nixon had rather good results. He ended the Vietnam war, and eased the tension with China.

  11. rd (Donnerstag, der 24. November 2011)

    Lieber Chris,

    ich versuche es doch noch ein mal.

    Freiheit ist ein Wert.

    Sicherheit ist ein Bedürfnis.

    Wert und Bedürfnis haben begrifflich nichts miteinander zu tun.

    Werte für Bedürfnisse zu opfern, ist wahrscheinlich immer problematisch.

    Wer aber einen grundlegenden Wert für ein gering und vorübergehendes Bedürfnis opfert (oder dies nur fordert oder billigend in Kauf nimmt), ist diesen Wert halt nicht mehr wert (schöne deutsche Sprache!)!

    Das gilt für Politiker wie für „normale“ Menschen.

    Aber in einer Diskussion zu Werten und Bedürfnissen zu Reagan, Clinton, Kennedy und Nixon zu kommen, ist einfach absurd.

    Sorry!

  12. Chris Wood (Sonntag, der 27. November 2011)

    Roland, I respect your achievements, and the way you let me publish my criticism of your dubious postings. But the way you dismiss my reasoned arguments „ex cathedra“ really gets up my nose!
    You proposed that we need honesty and realism in our politicians. Yet when I give examples of politicians with more or less of these qualities, and consider the good and ill they have caused, you dismiss this as „absurd“. I chose US presidents, because with recent German politicians, it is difficult to judge what influence (if any) they have had.
    You take an extreme stand on freedom, quoting a very mild saying of Benjamin Franklin. When I point out the silliness of this, you come with a pseudo-philosophical statement that values and needs have nothing to do with each other.
    I am thinking of blog-posting on free trade and on freedom and security, (where incidentally you have supported conflicting principles). But I see now that I have been taking your postings more seriously than you do, and I wonder whether I should continue. Have you reason to believe that we are influencing anybody?
    Incidentally, you should avoid writing occasional words of English. The word „outstanding“ at the start of this posting does not fit. SZ often makes such mistakes too.

  13. rd (Sonntag, der 27. November 2011)

    @Chris: Sicher verwende ich „Outstanding“ als Teil eines „deutschen Euro-Slang“ und nicht im Sinne der klassischen englischen Bedeutung (die ich ja gar nicht kenne 🙂 ). Ich schreibe im deutschen Euro-Slang auch nicht für den klassischen englischen Leser, sondern für den deutschsprachigen Europäer als Zeitgenossen 🙂

    Das Thema „Freiheit“ nehme ich sehr ernst. Aktuell bewegt mich, ob individuelle Freiheit ein Widerspruch zu einer emphatischen Gesellschaft ist oder ob sich diese vielleicht sogar ergänzen.

    Insofern leben wir in verschiedenen Welten und total differenten Sprachwelten … Oder auch:
    Wir regen völlig aneinander vorbei!

    In diesem Artikel habe ich doch nur meinem Ärger ausgegeben, dass ein „grüner“ (!) Politiker, der zudem auch noch der „rechtspolitische“ Sprecher seiner Fraktion ist, so verantwortungslos rumfaselt und „Keine Freiheit ohne Sicherheit“ als ultimative Handlungsdoktrin formuliert.

  14. Chris Wood (Mittwoch, der 30. November 2011)

    Roland, do you think the rest of Europe messes with my language like that, or just the Germans? Anyway, who else does this? I notice only you and SZ doing it, unless one includes „check“ and „Händy“. The only German word often badly misused in England is „Angst“.

  15. rd (Donnerstag, der 1. Dezember 2011)

    Hi Chris, I think, the whole world does …

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