Roland Dürre
Sonntag, der 2. Februar 2014

Zwischen “Agil” und “Geplant”, Intuition und Ratio.

Vor kurzem hat mir wieder mal ein Freund berichtet, wie toll seine Teilnahme an einem barcamp am Wochenende gewesen wäre. Wie viel Aufbruchstimmung er da gefühlt hätte und wie viel Energie er mitgenommen hätte. Und wie schlimm es dann war, als er beschwingt vom Wochenende am Montag in den grauen Alltag seines Arbeitsleben eingetaucht und dabei schmerzhaft auf dem harten Boden der Realität gelandet ist.

Da kamen mir wieder so ein paar Fragen in den Kopf, die mich immer mehr ins Grübeln bringen:

Unternehmen und planen:

Warum fällt „agil“ oft so schwer und warum klammen wir uns noch so gerne an „geplant“? Warum akzeptieren wir nicht die Unvorsehbarkeit der Zukunft?

Entscheiden:

Warum misstrauen wir unserer Intuition und treffen dann doch lieber unsere Entscheidungen ganz rational, scheinbar auf der Ebene der Vernunft und abgesichert durch komplizierteste Begründungen?

 Oder „populistisch“ formuliert:

Warum werden intuitiv denkende und handelnde Menschen, die agil durchs Leben gehen und erfolgreich Dinge zu Gunsten aller voranbringen, immer wieder von Apperatschiks ausgebremst, die vor lauter Regeln und Gesetzen all das mühsam aufgebaute wieder einreißen?

Hier meine Antworten …

Ich vermute, dass wir es so einerseits von unseren Altvorderen so gelehrt bekommen haben und andererseits uns unsere Ängste dazu bringen.

Lassen wir zuerst vergangenen Generationen zu uns sprechen:

Wir haben alles im Griff, wir können alles erreichen, wir müssen es nur ordentlich planen. Wir müssen unsere Welt organisieren wie ein Uhrwerk, dann kann nichts mehr passieren. Jungen weinen nicht und Gefühle sind schlechte Ratgeber. Also mach Dich frei von diesen – sie schaden nur. Und vor allem, keine Angst vor dem Fortschritt! Die Technologie kann alles! Kriege sind zum gewinnen da! Also Junge, sei vernünftig! Basta!

Die Generationen vor uns haben das so geglaubt. Sie sind zum Opfer der explosionsartigen Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert geworden, die grenzenlose Möglichkeiten für den Menschen zu versprechen schienen. Da entstand in den Köpfen der Menschen das Gefühl von Omnipotenz, das auf dem Glauben an Technologie und Fortschritt basierte. Der Mensch war plötzlich allmächtig, der Tod wurde verdrängt.

Die plötzlich im Überfluss vorhandene Energie (vor allem aus fossiler Quelle) gepaart mit einem gnadenlosen technologischen Fortschritt schien alles möglich zu machen. So entstand ein Machbarkeits- und Planbarkeits-Wahn, wie es ihn nie vorher in der Geschichte der Menschen gegeben hat. Alles war auf Fortschritt und Modernität ausgerichtet.

Worte und Werte wie „Demut“ und „Achtsamkeit“ wurden belächelt oder an den Pranger der Rückständigkeit gestellt. Mit nie erlebter Rücksichtslosigkeit gegen Natur und Leben wurden Technologie und Fortschritt zu den neuen Heilsbringern erklärt. Der Kampf gegen die Natur ging in voller Härte los. Die Planer der Zukunft in entarteten sozialen Systeme wollten sogar den „neuen Menschen“ schaffen so wie sie ihre neuen Städte gebaut haben.

Der Glaube, dass durch explodierende Technologie gepaart mit unbegrenzt verfügbarer Energie die Zukunft durch Vernunft gesteuert, alles determiniert und mechanistisch entwickelt werden kann, wurde unterstützt  von der gleichzeitig immer stärker gewordenen Angst vor der Freiheit.

Unsere vermeintliche Omnipotenz hat eine Chimäre der Sicherheit geschaffen, die wir uns wünschen und die uns entlastet. Auch wenn sie eine sehr trügerische ist.Je größer unsere vermeintliche Sicherheit, desto größer die Angst vor dem Verlust derselben, desto größer unsere Angst vor Eigenverantwortung und Freiheit.

Jetzt merken immer mehr Menschen, dass dies alles nur eine der vielen Kapriolen waren, denen die Menschen sich in ihrer Geschichte gerne hingegeben haben. Auch die Annahme, dass die Zukunft der Menschen mit Vernunft geplant werden könnte, erweist sich immer mehr als falsch. Wir wissen Bescheid über die Klimakatastrophe, machen aber nichts. Genauso, wie wir Bescheid wissen über die vielen Probleme unserer sozialen und ökonomischen Welt, aber auch hier nichts tun.

Es scheint aber wieder eine Zeitenwende statt zu finden. Plötzlich verändert sich wieder alles rasant. Wir haben das Internet mit neuer Informationsdichte. Wir merken, dass da was falsch läuft.

So sind immer mehr von uns auf der Flucht vor dieser eh nur vermeintlichen Sicherheit. Sie erkennen, dass man Zufriedenheit geschweige denn „Glück“ nicht kaufen kann. Sie wollen sich nicht mehr den Zwängen einer materiell gesteuerten Gesellschaft beugen, die ihre Mitglieder nur noch zu Konsumenten formatiert.

Sie wollen sich nicht mehr von einer in paradoxer Art und Weise ökonomisierten Welt versklaven lassen, sondern einfach wieder leben. Sie wollen ihr Leben eigenverantwortlich und in Freiheit führen. Und haben die Nase voll von den Gesetzen einer spätkapitalistischen und globalisierten Welt.

Ich glaube, dass je mehr wir Menschen es schaffen, wieder ihre Autonomie und Unabhängigkeit zu gewinnen, desto mehr werden wir auch kollektiv bereit sein, unsere Ängste ein wenig zu verdrängen und auch gesellschaftlich den agilen und intuitiven Weg zu gehen. Und unsere Bereitschaft wird steigen, proaktiv die notwendige Transformation anzunehmen, trotz ihren radikalen Folgen mit vielen, nicht absehbaren Alternativen .

Je mehr wir Menschen aber unser Leben auf vermeintlicher Sicherheit gründen und auf dem erworbenen Besitzstand beharren und uns vormachen, wir hätten alles unter Kontrolle, weil ja alles planbar da deterministisch erklärbar und mechanisch gestaltbar ist, desto mehr werden wir keinen Mut haben, intuitiv zu entscheiden und agil zu leben. Und uns gnadenlos mit Szenarios verwirren, die wie unsere Ängste nur in unseren Köpfen stattfinden. Und dann sehr abrupt mit Veränderungen konfrontiert werden, die uns gar nicht mehr gefallen werden.

Wahrscheinlich kann der Kampf um unser Überleben nur mit „agil“ und „intuitiv“ gewonnen werden. Und die große Sängerin Janis Joplin könnte die Zukunft voraus geahnt haben, wie sie in ihrem Song Me & Bobby McGee den Begriff von Freiheit so ganz anders definiert hat:

Freedom’s just another word for nothing left to lose …

RMD

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5 Kommentare zu “Zwischen “Agil” und “Geplant”, Intuition und Ratio.”

  1. Klaus Rabba (Sonntag, der 2. Februar 2014)

    Intuition kommt im Berufsleben zu kurz, da die sog.’rationalen Entscheidungen‘ die Sicherheit der Nachvollziehbarkeit enthalten. Und dies ist heute wichtig, wird doch immer ein Verantwortlicher gesucht.
    Business Plan, Action Plan, Budgetier, Ergebnisplanung, das sind alles Werkzeuge in durchstrukturierten Unternehmen und unsere neuen Dogmen in der Berufswelt.

  2. Andrea Windolph (Montag, der 3. Februar 2014)

    Das sehe ich genau so. Intuition kann einfach sehr schlecht begründet und vor Anderen gerechtfertigt werden. Eine Entscheidung auf Zahlen und Fakten basierend zu treffen, ist vor allem im Team leichter. Entscheider, die sehr frei in Ihren Entscheidungen sind, haben sicher eine bessere Möglichkeit, intuitiv zu handeln.

  3. Hsns Bonfigt (Montag, der 3. Februar 2014)

    Keiner sagt etwas gegen Intuition.

    Aber bitte bei der ProjektPLANUNG und nicht bei der Ausführung.

    Unsere Kunden bezahlen uns häufig genau dafür, daß wir die vereinbarten Ziele erreichen.

    Und gerade *weil* die Zukunft in „unserem“ Job aufgrund der völlig unnötigen Komplexität, die gerne auch mal „agil“ und erfolglos mit weiterer Komplexität bekämpft wird, wirklich unplanbar geworden ist, wird an die Kreativität des Projektleiters eine hohe Anforderung gestellt. Und an das handwerkliche Können eines jeden Mitarbeiters.

    Wenn Ihr armer Freund nach Besuch des „Barcamps“ am Montag im Büro so demotiviert war, warum ändert er nix?
    Er kann einen neuen Job suchen, er kann dafür sorgen, daß sich seine Ideen durchsetzen oder er kann weiter herumjammern und sich aufs nächste Barcamp freuen.

  4. Klaus Rabba (Montag, der 3. Februar 2014)

    Hallo Hans, Du hast natürlich Recht, wenn Du bei der Auftragsabwicklung auf Planung beharrst. Das steht völlig außer Zweifel. Die Intuition fasst nur bei der Projektplanung, Umsatzplanung, Zielsetzung des Unternehmens und Produktentwicklung im Hinblick auf die Marktanforderungen.

    Und ja: „weil* die Zukunft in “unserem” Job aufgrund der völlig unnötigen Komplexität, die gerne auch mal “agil” und erfolglos mit weiterer Komplexität bekämpft wird, wirklich unplanbar geworden ist, wird an die Kreativität des Projektleiters eine hohe Anforderung gestellt. Und an das handwerkliche Können eines jeden Mitarbeiters“.
    sollte wirklich in die Köpfe eingemeißelt werden.

    Wobei das Augenmerk auf: „Komplexität, die erfolglos mit weiterer Komplexität bekämpft wird“, gerichtet sein muss.

    Wirklich gut ausgedrückt, da sehe ich Erfahrung auf dem Gebiet.

    Aber, nicht jeder kann sofort die Flinte ins Korn schmeißen und sich etwas anderes suchen, denn er riskiert dabei, in ein anderes überkomplexes System zu geraten, wo es genauso weiterläuft.
    Diese Komplexität setzt sich in allen Betriebsformen durch.

    Ich verließ vor 25 Jahren eine Firma mit 250 Mitarbeitern, weil diese von einem Multi gekauft wurde und es voraussehbar war, dass die Organisation auf „Konzern“ umgestellt werden wird. So kam es auch.
    Ich „flüchtete“ in einen neuen Mittelstandsbetrieb, der heute leider den gleichen Weg geht.

    Die Komplexität, sprich New Economy Management Rules, holt einen irgendwann ein, es sei denn, man gründet selbst ein Unternehmen und bleibt dabei in überschaubaren Größenordnungen.

  5. rd (Dienstag, der 4. Februar 2014)

    @Hans: Ich glaube, dass auch so schöne Sätze wie „Love it, change it or leave it“ sehr viel leichter gesagt als umgesetzt sind.

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