Detlev Six
Mittwoch, der 25. Januar 2012

Carpe mortem, spiel’ Tombstone hold’em.

Grabstein.
Oben rund=Herz.
Oben spitz=Pik.
Oben flach= Karo.
Oben mit Statue=Kreuz.

Die Kartenfarbe ist jetzt schon einmal klar. Den Kartenwert liefert die letzte Zahl des Todesdatums. 1935 ist also eine Fünf. 1931 eine Eins für das Ass. Stehen mehr als zwei Namen auf dem Grabstein, hat das den Wert eines Buben. Drei Namen den einer Königin. Vier oder mehr den des Königs.

Das Spiel kann beginnen.

Zu spielen ist es wie Texas hold’em, nur in umgekehrter Reihenfolge. Zuerst werden 5 ganz normale Pokerkarten offen ausgelegt und der Einsatz gebracht. Dann suchen die Spieler die beiden verdeckten Karten in Form von Grabsteinen auf dem Friedhof. Die Spieler sind jeweils ein Tandem, denn nur zwei Partner schaffen folgendes Kunststück: sie können beliebige Grabsteine als Karten aussuchen, wenn, ja wenn es ihnen gelingt eine lebende, vollständige Brücke zwischen beiden Grabsteinen zu bilden. Sollen also zwei Grabsteine zusammen spielen, kann etwa die Hand des eines Partners am Grabstein sein, der Fuß Kontakt zum Fuß des anderen haben, der wiederum wenigsten mit der Fingerspitze den zweiten Grabstein berühren muss.

Darf man so etwas spielen? Ist das nicht nur wieder kalkulierte Tabubrecherei? Ist denn nicht einmal mehr die Würde des Friedhofs heilig?

Könnte man so sehen, aber auch völlig anders. Als ich den Bericht über Tombstone hold’em las, erinnerte ich mich spontan an Steve Jobs Umgang mit dem Tod (siehe meinen post Der Tod als Management Tool) und einen Kommentar darauf, der sich mir wie kein anderer einprägte. Auch da ging es wie bei Jobs darum, im Angesicht einer Krebserkrankung das Leben völlig neu zu sehen und zu bewerten. Die Essenz war, dass Carpe Diem eigentlich Carpe Mortem ist.

Wir halten den Tod auf Distanz wie Kinder die Welt, wenn sie ihre Augen abdecken. Dabei ist unser Leben ohne den Tod nichts wert. Das haben zwar schon Philosophen wie Platon, Buddha und Epikur beschrieben, erreicht haben sie die Menschen damit nicht. Erst als Amerikaner mit ihrer sprichwörtlichen Pragmatik den Umgang mit dem Tod nicht in schwere philosophische Gedanken verschlossen, sondern dem Spiel öffneten, haben einige Hundert Tombstone hold’em gespielt und viele Tausend es gesehen. Die Autorin des Spiels, Jane McGonigal ( von der auch die Abbildung in diesen post stammt ) hat nicht nur das Spiel auf Friedhöfen in aller Welt organisiert, sondern hinterher auch alle Beteiligten befragt. Es gab Kritik, sehr harte Kritik, natürlich, aber auch: Erleichterung.

Der Tod hat’s schwer im Leben, wir sollten es ihm leichter machen, zu unserem eigenen Wohl.

SIX

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4 Kommentare zu “Carpe mortem, spiel’ Tombstone hold’em.”

  1. Chris Wood (Mittwoch, der 25. Januar 2012)

    Can you explain why life without death is worth nothing? One could answer “because it does not exist”. A primitive being that reproduces by cloning, can be said to die only when the last copy dies. Anyway, it seems that everything will die in the end.
    Does this mean that a life suddenly acquires a value at the moment of death? How is this value calculated?
    Sorry, but I react allergically to silly sayings of ignorant old philosophers, when these are presented as wise.

  2. KH (Mittwoch, der 25. Januar 2012)

    Besonders der letzte Satz gefällt mir…

  3. six (Donnerstag, der 26. Januar 2012)

    @Chris:

    “Dabei ist unser Leben ohne den Tod nichts wert.”

    Der Satz ist von keinem Philosophen, er ist selbstverständlich, es gehört nur ein wenig Phantasie dazu, sich auszumalen, was ohne Tod wäre.

    Das Leben wäre endlos.
    Wir hätten unbegrenzt Zeit.
    Alles, was im Überfluss zur Verfügung steht, ist nichts wert.
    Erst der Mangel macht den Wert.
    Hätten wir alle Geld ohne Ende, würde niemand mehr etwas herstellen oder verkaufen.

    Aber zurück zum Leben ohne Tod.
    Nehmen wir an, ein Physiker gewinnt den Nobelpreis.
    Er ist sich ziemlich sicher, dass dies der Höhepunkt seines wissenschaftlichen Lebens ist.
    Er vermutet stark, dass er keinen zweiten Nobelpreis mehr gewinnen wird.
    Ohne Tod hätte er dazu eine gute Chance.
    Vielleicht nicht in den nächsten 100 Jahren.
    Aber vielleicht in den nächsten Tausend.
    Wenn er dann 10 Nobelpreise in seinem Trophäenschrank stehen hat, wird ihn der 11. nicht mehr vom Hocker hauen.
    Er könnte sich nach einem Tod sehnen, der ihn von der Langeweile erlöst.

    Heute kann ein Leben zwischen 80 und 90 Jahren und dem Wissen um unsere begrenzte Zeit, bei bewußter Einbeziehung des Todes in unser Leben, für sehr wertvolle Momente sorgen.

    Zuviel Phantasie?

    “Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt”

    Hat übrigens kein Philosoph gesagt, sondern Albert Einstein.

  4. Chris Wood (Donnerstag, der 26. Januar 2012)

    Dear Six, it is very kind of you to take my comment so seriously.
    I thought you claimed that Plato, Buddha and Epicurus had written that about death. I agree that life could get boring if it lasted for ever, but I find that a curry or a beer still tastes good even if nothing about it is original. And I am anew happy when the birds start their spring singing each year.
    As far as I know, these three philosophers believed in immortal Gods. They would hardly have dared to describe the Gods’ lives as worthless.

    So Einstein made a mistake as a philosopher, and even as a scientist. If knowledge is limited, then so is fantasy. Both could only be unlimited in an infinite universe.
    Don’t take things on trust, even from Einstein. He rejected aspects of quantum theory that are now well established.

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