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Carpe mortem, spiel’ Tombstone hold’em.

Posted By six On 17:16 In Aktuell,Ethik,Gesellschaft,Kulturwandel,Persönlich,Philosophie | 4 Comments

Grabstein.
Oben rund=Herz.
Oben spitz=Pik.
Oben flach= Karo.
Oben mit Statue=Kreuz.

Die Kartenfarbe ist jetzt schon einmal klar. Den Kartenwert liefert die letzte Zahl des Todesdatums. 1935 ist also eine Fünf. 1931 eine Eins für das Ass. Stehen mehr als zwei Namen auf dem Grabstein, hat das den Wert eines Buben. Drei Namen den einer Königin. Vier oder mehr den des Königs.

Das Spiel kann beginnen.

Zu spielen ist es wie Texas hold’em, nur in umgekehrter Reihenfolge. Zuerst werden 5 ganz normale Pokerkarten offen ausgelegt und der Einsatz gebracht. Dann suchen die Spieler die beiden verdeckten Karten in Form von Grabsteinen auf dem Friedhof. Die Spieler sind jeweils ein Tandem, denn nur zwei Partner schaffen folgendes Kunststück: sie können beliebige Grabsteine als Karten aussuchen, wenn, ja wenn es ihnen gelingt eine lebende, vollständige Brücke zwischen beiden Grabsteinen zu bilden. Sollen also zwei Grabsteine zusammen spielen, kann etwa die Hand des eines Partners am Grabstein sein, der Fuß Kontakt zum Fuß des anderen haben, der wiederum wenigsten mit der Fingerspitze den zweiten Grabstein berühren muss.

Darf man so etwas spielen? Ist das nicht nur wieder kalkulierte Tabubrecherei? Ist denn nicht einmal mehr die Würde des Friedhofs heilig?

Könnte man so sehen, aber auch völlig anders. Als ich den Bericht über Tombstone hold’em las, erinnerte ich mich spontan an Steve Jobs Umgang mit dem Tod (siehe meinen post Der Tod als Management Tool) und einen Kommentar darauf, der sich mir wie kein anderer einprägte. Auch da ging es wie bei Jobs darum, im Angesicht einer Krebserkrankung das Leben völlig neu zu sehen und zu bewerten. Die Essenz war, dass Carpe Diem eigentlich Carpe Mortem ist.

Wir halten den Tod auf Distanz wie Kinder die Welt, wenn sie ihre Augen abdecken. Dabei ist unser Leben ohne den Tod nichts wert. Das haben zwar schon Philosophen wie Platon, Buddha und Epikur beschrieben, erreicht haben sie die Menschen damit nicht. Erst als Amerikaner mit ihrer sprichwörtlichen Pragmatik den Umgang mit dem Tod nicht in schwere philosophische Gedanken verschlossen, sondern dem Spiel öffneten, haben einige Hundert Tombstone hold’em gespielt und viele Tausend es gesehen. Die Autorin des Spiels, Jane McGonigal ( von der auch die Abbildung in diesen post stammt ) hat nicht nur das Spiel auf Friedhöfen in aller Welt organisiert, sondern hinterher auch alle Beteiligten befragt. Es gab Kritik, sehr harte Kritik, natürlich, aber auch: Erleichterung.

Der Tod hat’s schwer im Leben, wir sollten es ihm leichter machen, zu unserem eigenen Wohl.

SIX

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