Detlev Six
Donnerstag, der 1. Dezember 2011

exexperten

es war einmal. da waren wir alle experten. konnten etwas besonderes. etwas was die anderen nicht konnten. vieles davon war auch show. darstellungskunst. gar eitles gepfaue. aber immerhin verdienten wir damit geld. konnten die miete zahlen. oder ein häuschen kaufen. uns kleiden. kinder ausbilden lassen.

dann kamen die herren der cloud. google und co. sie hatten eine wunderbare idee. wissen zu teilen. also teilten wir. plötzlich waren alle musiker. dann alle filmemacher.

die techniken hießen mash up oder remix. oder alle wurden werbetexter. die vergemeinschaftungsformel hieß content statt idee. am längsten wehrten sich die programmierer. ein teil wurde von den herren der cloud angestellt. der andere teil unterlief die vorgaben der open source mit ihrem lieblingstrick.

unverständlich ausführen. aus vorgaben wurden vorschriften. damit ließ sich auch mit diesem trick kein geld mehr verdienen. kein problem hatten anfangs die juristen und betriebswirte. sie hatten immer schon das leben mit fallstudien standardisiert. neu war nur. sie bekamen jetzt kein honorar mehr dafür. google und co hatten ein großartiges matchingprogramm für jedermann erfunden. damit konnte jeder jeden fall des lebens selbst lösen. als letzte gaben die finanzleute den expertenstatus auf. die kreditspezialisten wurden durch kreditauktionen abgelöst. die investmentbanker gingen im googlecasino auf.

schnitt.

die abendsonne wirft lange schatten. fachwerkhäuschen neben iglus. spitzgiebeltürme neben barockgauben. pagodenpavillons neben rustikalen blockhütten. überall sitzen fröhliche menschen. tafeln und trinken. führen ein leben. dass es eine freude ist.

alles ist gut jetzt. die herren der cloud zahlen die miete. essen. trinken. kleidung. die ausbildung der kinder und schweren herzens auch den preis eines ganz und gar ungeliebten anblickes.

aber wir wissenssharer. die nun alle alles können. welche die utopie der absoluten gleichheit täglich leben. wollen irgendwo noch experten sein.

und sei es als die einzigen. die ein iglu bewohnen.

SIX

5 Kommentare zu “exexperten”

  1. Chris Wood (Freitag, der 2. Dezember 2011)

    A spurt is a drip under pressure.
    „Ex“ is a prefix meaning „has been“.

  2. KH (Dienstag, der 6. Dezember 2011)

    Hallo Detlev, wo ist denn da eigentlich das Problem, wenn eh alle glücklich sind? Wird nicht einem Expertendasein nachgeweint, ohne dem es, wie du uns ja erzählst, offensichtlich auch geht?

  3. six (Dienstag, der 6. Dezember 2011)

    Ist alles so weit eingefädelt, bis auf eine Kleinigkeit. Google und Co zackern noch ein bißchen herum, mir meinen Lebensunterhalt zu bezahlen.

  4. rd (Mittwoch, der 7. Dezember 2011)

    Lieber Detlev,

    wir müssen uns keine Sorgen machen.

    Das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen bekommen die „Piraten“ für uns schon hin.

    Und wenn uns das nicht genügt, dann müssen wir halt nicht mehr als exexperten sondern als sexexperten auftreten.

    Davon können wir dann bestimmt gut leben!

  5. six (Mittwoch, der 7. Dezember 2011)

    Lieber Roland,

    das mit dem sexexperten wird in meinem zölibatärem Alter eine verdammt theoretische Angelegenheit.

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