Detlev Six
Mittwoch, der 18. August 2010

„khadashta sharafi“

Ich lächle der hübschen Schwarzhaaarigen auf
der Parkbank zu. Im Halbdunkel sehe ich nicht genau,
ob sie zurücklächelt. Ich will weitergehen, da stellt
sich ein Mann in den Weg: „khadashta sharafi“

„khadashta sharafi“ heisst, „Du hast meine Ehre verletzt“
und die Geschichte ist erfunden.

In seinem Post „Man spricht deutsch“ wandert Roland
in einem beschwingten Samstagsspaziergang durch
Babylon, die Sprachen fliegen wie bunte Vögel durch
die Luft, ein sympathisches Multikultigefühl überkommt
ihn. Sein Fazit: „Für mich ist die deutsche Sprache ein
Kulturgut, das wir pflegen sollten, mehr nicht.“

Das klingt weltoffen, liberal, menschenfreundlich.

Und ist hochgefährlich.

Seit unsere Werte kaum noch durch die früher
zuständigen Institutionen (Eltern, Schule, Staat,
Kirche, Militär) vermittelt werden, was ich nicht
in allen Fällen bedauere, wird die Sprache bald
schon der einzige Wertevermittler sein.

Wir sind heute keine Gesellschaft mehr, die durch
normative Systeme funktioniert, sondern eine,
die soziale und materielle Nutzen tauscht und
damit der Deal anständig über die Runden geht,
wird verhandelt. Erst im Reden werden die nötigen
Werte gebildet und vermittelt.

Vorausgesetzt, die Verhandlungspartner
sprechen dieselbe Sprache.

Natürlich hilft dabei, dass wir aus den Zeiten,
als die normprägenden Institutionen uns noch
erzogen haben, einiges übriggeblieben ist.
Aber es wird mehr und mehr verblassen.
Übrig bleibt die Sprache und wenn wir es ernst
meinen mit unseren Einwanderern, dann muss
das in Deutschland deutsch sein. Nicht als
Kultur-Relikt sondern als Kultur-Muss.
Ansonsten drohen uns bald schon die Zustände
aus den Pariser Banlieues.

Gemach, gemach, Detlev, sagen meine Freunde,
schau Dir Amerika an. Mitte des 19.Jahrhunderts
haben die zugewanderten Iren den Einheimischen
die Köpfe eingeschlagen (drastisch gezeigt im
Film von Scorsese „Gangs of New York“), drei
Generationen später waren sie in der Elite
Amerikas und stellten den Präsidenten.

Vielleicht, weil sie diesselbe Sprache sprachen?

Zurück zu meinem Araber.

Hätte ich mit ihm reden können, wenn er deutsch
gesprochen hätte. Argumentieren? Werte verhandeln?
Vielleicht nicht heute, aber beispielsweise in drei
Generationen. Nur anfangen müssten wir halt, für
einen arabischstämmigen, deutschen Bundeskanzler.

Und heute, wenn ich verstanden hätte, was er mir
sagt? Da bliebe mir zumindest eine archaische Reaktion.
Je nach Körpergröße, abhauen oder ihm die Fresse
polieren.

SIX

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3 Kommentare zu “„khadashta sharafi“”

  1. rd (Freitag, der 20. August 2010)

    Lieber Detlev, jetzt bringst Du ein extremes Beispiel, mit dem ich meine guten „Multikulti-Erfahrungen noch nicht ausgehebelt sehe …
    Und den Beginn der Geschichte („Ich lächele …“) hätte ich Dir zumindest geglaubt … 🙂
    Grüsse aus der griechischen Sonne!

  2. six (Sonntag, der 22. August 2010)

    Lieber Roland, ich war in der Tat über Dein „Appeasement“ erschrocken – aber vielleicht gibt es in München keine Viertel wie Berlin-Neukölln und Frankfurt-Gallus. Vielleicht hast Du auch nur die Sprachen von Ethnien gemeint, die unsere Werte teilen. Chris kann noch so schlecht deutsch sprechen, es wird immer zu einer Verständigung kommen, weil wir gemeinsame Werte schon teilen oder relativ leicht zu gemeinsamen Werten kommen. Es geht einzig und allein um die Ethnien, die völlig andere Werte haben. Beispielsweise die Arabische. Auch deren normative Systeme wie Familie funktionieren hier nicht mehr, was bleibt, ist eine gemeinsame Sprache, um zu gemeinsamen Werten zu kommen. Im Übrigen ist die Wertebildung in einer Nutzen-Tausch-Gesellschaft über die Sprache eine hohe geistige Leistung. Wir plappern nämlich nicht mehr nur nach, was Eltern, Schule, Kirche usw uns vorgeplappert haben. Der so oft besprochene, selbstbestimmte Mensch, der sich seine eigene Meinung bildet und der noch nicht nicht allzu häufig vorkommt, wird massiv gefördert. Grüsse in die griechische Sonne.

  3. rd (Montag, der 23. August 2010)

    Lieber Detlev, bin ich völlig bei Dir. Es ist sogar noch schlimmer. Mit Fanatikern kannst Du wahrscheinlich nicht mal reden, selbst wenn Du dieselbe Sprache sprichst.
    Und da kenne ich auch in der „zivilisierten westlichen Welt“ genug Abgründe.

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