Detlev Six
Donnerstag, der 5. Juli 2012

Lexikon der Begriffsschärfung: Wachstumspolitiker.

Den Politiker im Allgemeinen gibt es nicht.

Es gibt nur eine Sorte Politiker.

Den Wachstumspolitiker.

Das einzige, was er gelernt hat, ist die Verteilung von Wachstum. Es ist die leichteste Art, diesem Job nachzugehen, denn der Wachstumspolitiker muss niemandem weh tun, indem er ihm etwas wegnimmt. Jeder bekommt etwas ab. Vom Wachstum. Der eine Politiker beschenkt seine Wähler, der andere auch. Ist kein Wachstum da, wird Wachstum erzeugt: Schulden.

Die Schulden werden verteilt und fließen in das volkswirtschaftliche Gesamtprodukt ein. Das steigt pro Jahr so um die 1-2 Prozent, das ist bei 3% neuen Schulden pro Jahr zwar eigentlich kein Wachstum, aber da die zwei Zahlen niemand nebeneinander schreibt, bleibt: Wachstum.

Theoretisch gäbe es auch einen Knappheitspolitiker. Der wird aber nirgendwo ausgebildet. Deshalb gibt es ihn nicht. Er wäre auch höchst unbeliebt. Sogar in Deutschland. Der einzige Politiker, der hier nach dem 2.Weltkrieg den Menschen etwas weggenommen hat, war Gerhard Schröder.

Er war schnell weg. Angela Merkel, die andere Länder zum Sparen auffordert, tut das hier nicht. Sparen. Wir machen nach wie vor neue Schulden. Das aber ist, wie gesagt, den Wachstumspolitikern nicht anzulasten, denn es werden keine anderen Politiker ausgebildet. Das einzige Institut, das Knappheitspolitiker ausbildet, ist das Leben. Erst die Katastrophe verändert die Lehrinhalte drastisch.

Knappheitspolitiker lernen selbständig zu denken und nicht den Mohrrüben der Wähler nachzujagen (auch Wachstumspolitiker fallen nicht immer auf das herein, was Wähler so sagen. Die behaupten tatsächlich im Moment, sparen ist gut, aber wenn es an deren Ansprüche geht, mit Wolfsgeheul auf die anderen verweisen – erfahrene Wachtumspolitiker ignorieren Umfrageergebnisse dieser Art).

Da alte, satte Gesellschaften mit hohen Ansprüchen gegen junge, hungrige Gesellschaften mit geringen Ansprüchen stehen, wird das mit dem Warten auf die Katastrophe für uns nicht mehr allzu langweilig. Vielleicht erleben schon die Älteren noch eine neue Generation von Knappheitspolitikern. Mit denen wird es zwar nicht wieder nach oben gehen,  aber mit viel Glück etwas langsamer nach ganz unten.

Das könnten wir dann politisch korrekt Hyperwachstumsbremse nennen (mit der Wohltat wahrheitsdämpfender Begriffe haben wir schon bei der Schuldenbremse gute Erfahrungen gemacht, denn wenn wir davon reden, dann meinen wir keineswegs den Abbau von Altschulden, sondern die Verringerung der Aufnahme von neuen Schulden).  Im Übrigen  haben alle Katastrophen auch etwas Gutes bewiesen: Danach werden Gesellschaften, die davon betroffen sind, wieder gleicher.

SIX

2 Kommentare zu “Lexikon der Begriffsschärfung: Wachstumspolitiker.”

  1. Chris Wood (Freitag, der 6. Juli 2012)

    That about more equality after a disaster is true only regarding the survivors. The dead are less equal than when they lived.
    Even for the survivors, it may not work. Consider the original Americans who survived the arrival of Columbus, or the Africans who survived slavery. Only generations later did their lives start to improve.

  2. six (Sonntag, der 8. Juli 2012)

    @Chris:

    Was macht schon gleicher als der Tod?

    Also gut, etwas ernsthafter. Im letzten Satz mit Gleichheit zu kommen, war leichtfertig von mir. Das ist immer ein Thema, das ein ganz großes Fass aufmacht. Ich hatte da Deutschland nach dem 2.Weltkrieg im Kopf, als nicht nur (fast) alle privat bei Null anfangen mussten, sondern sich auch ein Wirtschaftssystem mit vielen gegenseitigen Verpflichtungen zwischen Banken, Wirtschaft, Arbeitgeber und Gewerkschaften schufen, das mehr noch als in der sozialen Marktwirtschaft im Rheinischen Kapitalismus seinen Ausdruck fand. Auf jeden Fall war die deutsche Gesellschaft deutlich egalitärer als vor dem Krieg (was heute nicht mehr der Fall ist).

    Vielleicht war im Fall der Ureinwohner Amerikas und Afrikas die Asymmetrie der Gesellschaftsformen zwischen Eroberern und Unterworfenen zu groß, um schneller zu Fortschritten zu kommen. Aber was heißt hier Fortschritte? In Richtung mehr Selbstbestimmung oder mehr Gleichheit? Das kann dasselbe sein, muss es aber nicht. Allerdings weiß ich auch nichts darüber, inwiefern die Unterschiede innerhalb der unterworfenen Völker schon sehr schnell abgeschliffen waren.

    Wenn jetzt alt, satt, viel Anspruch von jung, hungrig, wenig Anspruch „erobert“ wird, dann könnte ich mir viele Szenarien ausmalen. Aber das wäre nur ein Spiel mehr, wie es viele im Internet gibt. Ich belasse es bei einem Gefühl: Es wird sein wie nach dem (Wirtschafts)Entzug nach einem langen Rausch(Leben). So zurück vom Höhenflug können wir dann ernüchtert feststellen, dass wir doch alle ziemlich gleich sind – in unseren Möglichkeiten.

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