Detlev Six
Sonntag, der 7. März 2010

Mangelnde Kreativität ist eine Frage der Faulheit.

Die Idee der Originalität ist tot. Spätestens seit den deutschen Romantikern.
Selbst aussergewöhnliche Leistungen des menschlichen Geistes lassen sich
immer auf Vorgänger beziehen. Was sie nicht schlechter macht, aber eben
nicht originär im Sinne der Genie-Metapher.

Jederzeit möglich sind aber neuartige Ideen und Lösungen. Und die sind einzig
und allein eine Funktion der Zeit und der Anstrengung. Begabung: Nebensache.

Wie es zu Ideen und Kreativität kommt, dazu gibt es eine schöne Anleitung:

Suche eine neue Verbindung von alten Elementen.

Und da fängt es schon an. Nehmen wir mein Lieblingsbeispiel, den effizienten
Manager. Per Bestimmung ist er ein partieller Vollidiot. Da er verpflichtet ist,
die „Dinge richtig zu machen“, konzentriert er sich auf die Dinge und pumpt
sich sein Leben lang mit seiner Draisine auf einem schnurgeraden Gleis dem
Horizont entgegen. Ein Gleis, das andere für ihn verlegt haben und das immer
den kürzesten Weg verheißt, auch wenn er falsch ist.

Wenn ich neue Verbindungen von alten Elementen haben will, muss ich über
den Tellerrand meiner Profession hinaussehen. Denn nur dort bekomme ich
Anregungen für neue Verbindungen. Der effiziente Manager sagt, er hat
keine Zeit dafür, sein Effizienzjob frißt ihn auf. Er will keine Zeit haben, denn
es ist so bequem, keine Idee haben zu müssen. Einmal in der Hängematte
der geistigen Gewißheit, schon ist das Leben ohne großen Denkaufwand vorbei.

Das deutsche Internet kann nicht besser sein als die deutsche Arbeitswelt.
Roland hat in Twitter einen Hinweis auf einen FAZ-Artikel veröffentlicht, den
er so überschrieben hat: Im Internet sind wir die Chinesen. Das Entlarvende
in diesem Artikel sind die Kommentare, die eine dreiste Copycat-Mentalität
vertreten. Tenor: Abwarten, ob das, was die Amerikaner entwickeln, Erfolg
hat, Geld von VC‘ s eintreiben, nachmachen.

Ein effizienter Standpunkt.

Die Copycat-Mentalität der deutschen Internet-Gemeinde hat die
Genie-Metapher der deutschen Romantiker gründlich abgeschüttelt.

Wer hätte gedacht, dass die pragmatischen Amerikaner einmal die
deutschen Romantiker werden wollen.

SIX

2 Kommentare zu “Mangelnde Kreativität ist eine Frage der Faulheit.”

  1. Chris Wood (Montag, der 8. März 2010)

    I disagree. All my life, I have been good at (almost) everything I tried, except where creativity was required. I know various people who did not work harder, but were more creative. Creativity needs self-confidence and risk-taking, but something else too.

  2. Detlev Six (Montag, der 8. März 2010)

    Das ist ein weites Gebiet, das Sie hier aufmachen, Chris. Ich kann nicht beurteilen, welche Leute und was Sie für kreativ halten. Meine Erfahrung zeigt mir, dass nicht mangelnde Begabung Kreativität behindert, sondern wie ausgegeführt: Faulheit. Und Angst. Angst sich in unsicheres Gelände zu begeben. Angst sich zu blamieren. Angst, das souveräne Argumentieren zu verlieren, das so viel zur eigenen Reputation beiträgt. Angst, liebgewonnenes zerstören zu müssen. Es gibt noch viele Ängste mehr. Aber das hat alles nichts mit Begabung zu tun (es sei denn, man betrachtet die Angstfreiheit als Begabung). Freilich verstehen es Leute, die sich als kreativ verkaufen wollen, trefflich, sich den Mythos des geniehaften zu verleihen. Mit „self-confidence and risk-taking“ haben Sie also absolut recht. Nicht aber mit „something else too“.

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